«Unser Bild stimmt nicht»

Fr, 26. Jun. 2020
Ein Konflikt hat immer zwei Seiten. Erich Gysling, ehemaliger Chefredaktor und Moderator der Tagesschau, erläutert vor allem die Perspektive des Irans. Bild: Celeste Blanc

Erich Gysling referiert über den Iran

Die Volkshochschule Oberes Freiamt organisierte einen Vortrag über den Iran mit Erich Gysling.

Er ist Nahostexperte und war Journalist beim «SRF». Im Kino Mansarde versuchte Erich Gysling, eine Antwort auf die Frage zu geben, ob der Iran ein Problem ist und wenn ja, warum. Im Vergleich zu seinen Nachbarländern sei der Iran ein fortschrittliches Land. Auch das Bild des Westens, dass die Religion alles bestimme, sei falsch, so der Experte. Dennoch scheint das Image des Irans aus westlicher Sicht klar zu sein – der Iran ist böse. Davon ist unter anderem auch die US-Regierung überzeugt. --red


Alles eine Frage der Relation

Nahostexperte Erich Gysling erzählt, warum unser Bild über den Iran nicht nur stimmt

Nach langer Coronapause wartet die Volksschule Oberes Freiamt mit einer Topveranstaltung auf: Der Nahostexperte und ehemalige Journalist vom SRF Erich Gysling erzählt über die Beziehung zwischen den USA und dem Iran – und warum solche Konflikte immer zwei Seiten haben.

Celeste Blanc

Es wird still im Kino Mansarde, die Blicke sind erwartungsvoll auf die Bühne gerichtet. Erich Gysling sitzt vorne auf der Bühne. Er nimmt nochmals einen Schluck Wasser, dann fängt er an zu erzählen. «Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran ist eine Thematik, die uns nicht sehr nahe scheint», so der ehemalige Chefredaktor, Leiter und Moderator der Tagesschau, «dennoch ist es ein Thema, das wir uns klarmachen müssen.» Ist der Iran ein Problem, und wenn ja, warum? Diese Frage bildet den Auftakt der historischen Aufarbeitung eines Konflikts, der auch die Schweiz indirekt betrifft.

Die Wirtschaftsstärke ist ausschlaggebend

Aus westlicher Sicht scheint das Image des Irans klar zu sein – der Iran ist böse. Davon sind die US-Regierung unter Donald Trump, Saudi-Arabien, Israel oder die Vereinigten Emirate überzeugt. Um den Konflikt zwischen den USA und dem Iran besser zu verstehen, weist Gysling auf eine wichtige Tatsache hin: «Zwischen den USA und Saudi-Arabien gibt es seit 30 Jahren eine strategische Allianz.» Saudi-Arabien hingegen fürchtet sich vor dem Potenzial des Irans – in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Denn anders als das Königreich, dessen Wirtschaft von 85 Prozent vom Erdöl abhängt, hat der Iran eine diversifizierte Wirtschaft. So mahnt Gysling: «Die saudische Propaganda muss mit Distanz betrachtet werden. Die religiösen Gründe und die diesbezüglichen Bedenken sind nur vorgeschoben.»

Tiefes Misstrauen

Diese Rivalität hat Auswirkungen auf die Beziehung zwischen den USA und dem Iran – und nährt zusätzlich den Konflikt. Doch sind die Spannungen zwischen Amerikaner und Iraner auch historisch begründet. Das amerikanische Misstrauen geht unter anderem auf die Iranische Revolution von 1978/1979 zurück, als der damalige Revolutionsführer Ayatollah Khomeini verkündete, dass diese bis nach Jerusalem reichen würde. Für die Amerikaner eine indirekte Drohung als enge Verbündete Israels. Zusätzlich befürchtete man eine Destabilisierung der Region. Dennoch ist es ein zweischneidiges Schwert. Für den Experten ist klar: «Die Einmischung der USA in innenpolitische Entwicklungen des Irans sowie die Unterstützung des Iraks zwischen 1980 bis 1988 im Iran/Irak-Krieg haben tiefen Argwohn gegenüber den Amerikanern und dem Westen geschürt.» Mit den aktuellen Wirtschaftssanktionen der USA würde diese Feindschaft nochmals zusätzlich verschärft.

Jeder Mensch irrt

Der Iran ist eines der stabilsten Länder der Region und die Bevölkerung geniesst ein gutes Bildungsniveau. Der Iran ist politisch stabil mit einem gemässigten Oberhaupt, auch wenn immer wieder konservative Gruppierungen auf dem politischen Bildschirm erscheinen und das System korrupt ist. «Viele Iraner arrangieren sich einfach damit», erzählt Gysling, der heute noch mit der selbst gegründeten Reiseagentur Background Tours regelmässig in Gruppen die Region bereist. Vergleiche man es mit den Nachbarländern, sei der Iran ein fortschrittliches Land. Auch das Bild des Westens, dass die Religion alles bestimme, sei falsch. «Von der normalen Grundschule bis hin zur Matura ist der Religionsunterricht nicht intensiver als im Westen oder in der Schweiz», so Gysling. Auf all seinen Reisen im Iran habe er vor allem eine Beobachtung gemacht – dass das Land wenig in starren (religiösen) Gegebenheiten gefangen ist. Das liegt vor allem am schiitischen Religionsverständnis: «Die Schiiten glauben, dass jeder Mensch irrt. Lediglich der 12. Imam, auf dessen Ankunft gewartet wird, hat das absolute Wissen.» Dieses Verständnis sei ein Teil der iranischen Gesellschaft und zeichne diese aus.

Kann Vorgehen des Irans nachvollziehen

Für viel Wirbel sorgte auch der Versuch der Iraner, eine Atomwaffe zu bauen, sowie die hohen Ausgaben für das Militär. «Der Bau der Atomwaffe ist seit 2003 nachweislich eingestellt. Eine Tatsache, die in politischen Diskussionen oft ungenannt bleibt», weiss Gysling. Saudi-Arabien hat rund 15-mal mehr Militärkosten als der Iran. Weiter haben die Iraner eine raffinierte Raketentechnologie entwickelt, die zur Selbstverteidigung gedacht ist. «Diese Technologie wird von den Amerikanern als Bedrohung empfunden, da die Langstreckenwaffen bis nach Europa und Afrika reichen», so der Experte.

Betrachtet man aber die Anzahl US-Stützpunkte in der Region, von denen 47 grössere Stützpunkte in unmittelbarer Nähe zum Iran sind und des Weiteren auch ein Flugzeugträ- ger im Persischen Golf stationiert ist, relativiert es die Situation. «Bei diesem Konflikt ist es wichtig, die Dinge in Relationen zu sehen», so Gysling, «bei dieser Umkreisung durch die Amerikaner, die als feindlich wahrgenommen wird, kann das Vorgehen Irans nachvollzogen werden.»

Potenzieller Konflikt

Die Situation sei so angespannt, dass es nach Gysling jederzeit zu einer Eskalation kommen könnte. «Die grösste Gefahr heutzutage ist es, das iranische Regime in die Ecke zu drängen», warnt Gysling, «denn wenn jemand nichts mehr zu verlieren hat, dann wird es gefährlich.» Durch die aktuellen harten Wirtschaftssanktionen versuchen die Amerikaner, den Iran in die Knie zu zwingen. «Ich stehe mit Bekannten aus dem Iran in Kontakt. Das Leben ist erschwert und die Armut steigt deutlich», erzählt der Experte. Ausländische Hilfsgüter und Lebensmittel aus Europa dürften theoretisch in den Iran gebracht werden. Da der Geldhandel mit dem Iran aber von den Amerikanern boykottiert wird, ist dies nicht möglich. Denn die Amerikaner machen auch den Europäern Druck und beeinflussen deren Beziehung zum Iran: «Europäische und schweizerische Banken können keinen Handel mit iranischen Banken betreiben, ohne dass die USA mit Sanktionen drohen.»

Betrifft auch die Schweiz

So könnte der Konflikt auch als ein globaler angesehen werden, der die Schweiz weiter indirekt auch bezüglich des Konflikts um das Erdöl betrifft. «Es ist Allgemeinwissen, das man einfach haben muss», findet Gysling. Ihm zufolge mache das aber genau die Schweizerinnen und Schweizer aus: «Das Wissen über solche Themen und das Interesse daran ist in unserem Land sehr gross.» So sei man in der Schweiz auf viele internationale Themen sensibel. Und dass Herr und Frau Schweizer allgemein interessiert sind, zeigten am Montagabend auch die Zuhörerinnen und Zuhörer in Muri: Diese liessen es sich nicht nehmen, mit dem Nahostexperten noch fast eine Stunde angeregt zu diskutieren.

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