«Wir Frauen sind uns selbst im Weg»

Di, 07. Jul. 2020

Sommerserie «Starke Frauen»: Kickboxerin Christine Felber kämpft oft mit Vorurteilen

Christine Felber hält nichts von Geschlechterrollen. Sie ist der Meinung, dass eine Frau das tun soll, was ihr Spass macht. Stimmt die Leistung, stehen Frauen alle Türen offen. Sie beweist das in Beruf, Hobby und Beziehung.

Josip Lasic

«Ich bin keine Lesbe», sagt Christine Felber und lächelt verschmitzt. Die Sportlerin ist direkt und hat einen pechschwarzen Humor. «Den brauche ich im Alltag, um in Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren», sagt die 33-Jährige. Die in Boswil wohnhafte Kickboxerin hat wegen ihrer Art und ihren Interessen mit Vorurteilen zu kämpfen.

Beim Thema Beruf und Hobbys wird der 33-Jährigen häufig die Frage nach ihrer sexuellen Orientierung gestellt. Sie nimmt die Antwort vorweg, um diesen Punkt klarzustellen. Die Freiämterin ist sich gewohnt, dass Menschen sie wegen ihrer Art und ihrer Interessen in Schubladen stecken.

Die Kantonspolizistin schliesst ursprünglich eine Lehre zur Automechanikerin ab. Sie fährt privat Motorrad und arbeitet eine Zeit lang als Mechanikerin für die zweirädrigen Maschinen. Daneben ist Felber Mitglied von Kickboxing Wohlen. Die Freiämterin mag die Klischees nicht, dass ihre Interessensfelder in erster Linie für Männer da sind. «Ich lasse mich ungern in Schubladen stecken. Ich tue nichts, weil es ‹maskulin› oder ‹feminin› sein soll», sagt die Kampfsportlerin. «Ich mache, was mir gefällt und mich interessiert. Das Leben ist zu kurz, um sich von Geschlechterbildern ausbremsen zu lassen.»

Weniger reden, mehr machen

Auf das Thema «Emanzipation der Frauen» angesprochen, winkt Felber kopfschüttelnd ab. «Ich würde mir wünschen, dass Frauen weniger über Emanzipation reden und mehr Initiative ergreifen. Folgen wir unseren Zielen und Träumen. Stimmt die Leistung, sind wir in der Lage, genauso viel wie Männer zu erreichen. Ich habe den Beweis mehrmals in meinem Leben erbracht», erzählt sie.

Die Kickboxerin ist beim Verfolgen ihrer Ziele durch veraltete Geschlechterbilder oft auf Widerstand gestossen. Das Traurige aus ihrer Sicht war, dass der Auslöser für ihre Schwierigkeiten in der Regel Frauen waren. «Männer haben mich als Automechanikerin respektiert. Frauen haben sich dagegen gesträubt, dass ich ihr Auto anfasse. Ich vermute, dass sie sich selbst nicht zugetraut haben, ein Auto zu reparieren. Das haben sie auf mich projiziert.» Sie ergänzt: «Wir Frauen stehen uns mit gewissen Verhaltensweisen selbst im Weg.»

Vielleicht ihr grösster Kampf

Spätestens seit sie Kampfsport betreibt, hat Felber definitiv bewiesen, dass sie als Frau alles erreichen kann, was sie möchte. Sportbegeistert war die Freiämterin, die früher in Wohlen, Rottenschwil und Althäusern gelebt hat, seit ihrer Jugend. Meitliriege, Turnverein, Triathlon, Fussball – sie hat bei Verschiedenem ihr Glück versucht. Nichts gefiel ihr. Ihre jüngere Schwester, die Judo trainiert hat, empfahl ihr Kickboxing Wohlen mit dem Trainer Rocco Cipriano. «Kickboxen war sofort mein Ding. Ich trainiere alles. Kraft, Kondition, mentale Stärke – und Rocco Cipriano ist eine unglaubliche Person.»

Das Problem: Felber war 21 Jahre alt, als sie sich dem Kampfsport verschrieben hat. Sie hat – auch hier etwas klischeehaft – im Training sehr hart zugeschlagen. Cipriano liess sie deshalb Vollkontakt trainieren. Für eine Quereinsteigerin kann Vollkontakt im Kampfsport gefährlich sein. Nicht für Christine Felber.

«Am Kickboxen gefällt mir, dass ein Sportler weit kommen kann, wenn er Biss und Durchhaltevermögen hat», sagt Felber. Sie trifft auf Gegner, die seit Kindesalter trainieren, auf Welt- und Europameister, die jahrelangen Trainingsvorsprung haben. Die Kämpfe kann sie immer ausgeglichen gestalten, sehr viele sogar gewinnen. An einem Turnier muss sie jedoch vor dem Final aufgeben. Ihr Knie, das sie bei einem Motorradunfall verletzt hat, macht nicht mehr mit. Das Kreuzband und der Meniskus sind kaputt. Eine Operation ist notwendig. Es dauert ein Jahr, bis sie wieder auf Wettkampfniveau trainieren darf. Kurz darauf reisst das Kreuzband am anderen Knie. «Ich bin in ein Loch gefallen», erzählt sie. Sie verliert erneut ein Jahr. Die Athletin ist eine Spätzünderin im Kickboxen. Dieses Manko konnte Felber mit Talent und viel Einsatz kompensieren. Gelingt das auch, wenn eine Spätzünderin zwei weitere Jahre verliert?

Felber beantwortet diese Frage mit Leistung. Sie gewinnt innerhalb eines Jahres den Schweizer Meistertitel im Lightcontact und im Vollkontakt und siegt am World Cup Austrian Classics. Im selben Jahr holt sie zwei Bronzeplätze am Best Fighter World Cup. An der Europameisterschaft schrammt sie knapp an einer Medaille vorbei. Die junge Frau zeigt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Erneut greift sie das Thema der sexuellen Orientierung auf: «Ich bin wirklich keine Lesbe, kein bisschen», ergänzt sie lachend. Sie hat mittlerweile eine dicke Haut, kann Vorurteile mit Humor wegstecken. «Ich habe seit einem Jahr sogar einen Partner», sagt sie. Kommt er mit einer so starken Frau an seiner Seite zurecht? «Ja. Er steht mit beiden Beinen im Leben und weiss was er will. Solche Männer haben mit einer starken Frau an ihrer Seite kein Problem.»

Feminine Seite ist durchaus vorhanden

Felber musste die Erfahrung machen, dass längst nicht alle Herren der Schöpfung so ticken. Viele Männer fühlen sich von einer starken Frau eingeschüchtert. «Ich war nicht grundlos sechs Jahre lang Single», sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Zu guter Letzt will die Kampfsportlerin einige ihrer feminineren Seiten betonen. «Ich bin nicht so hart, wie es auf den ersten Blick erscheint. Gehe ich mit meinem Partner oder Kolleginnen aus, ziehe ich mich gern schön an. Ich schminke mich auch regelmässig», sagt die Sportlerin. «Darum geht es. Ich kann Motorradfahren, Kampfsport betreiben und mich schön anziehen. Das widerspricht sich nicht. Egal was ich tue, ich mache es, weil ich Lust dazu habe und nicht, weil es mir vorgeschrieben ist.»

Das Mitglied von Kickboxing Wohlen ist ausserdem sehr musikalisch. Früher hat sie Klarinette gespielt. Christine Felber war auch Sängerin in einer Rockband. Durch den Sport hat sie weniger Zeit für die Musik. «Kickboxen musste berufsbedingt in den letzten Jahren hinten anstehen. Bald will ich aber wieder ein Turnier bestreiten. Ich brauche eine neue Herausforderung», sagt die Athletin. Ein gutes Schlusswort. Nur das Foto fehlt noch. «Ich bin nicht geschminkt», sagt Felber. Für einen Moment verhält sie sich sehr klischeehaft, bis sie lachend ergänzt: «Es ist mir egal.»

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