Höhepunkt des Schwingjahres

Fr, 24. Sep. 2021
Im Hoch: Andreas Döbeli ist am Kilchberger Schwinget ein Spitzenplatz zuzutrauen – wenn alles passt. Bild: Freshfocus

Alles ist angerichtet für den absoluten Höhepunkt der Schwingsaison. Morgen Samstag steigt der Kilchberger Schwinget (Live, SRF2). Mit dabei unter den 60 besten Schwingern des Landes sind auch zwei Freiämter. Weil Joel Strebel aus Aristau verletzt ist, bleibt nur noch Andreas Döbeli aus Sarmenstorf übrig. Er spricht vor dem Highlight im grossen Interview, was er für Ziele hat. --spr


«Jetzt kommt die Zugabe»

Saisonhöhepunkt für Eidgenosse Andreas Döbeli am Kilchberger Schwinget (Samstag, Live SRF 2)

Am Samstag folgt der absolute Saison-Höhepunkt. Am Kilchberger Schwinget sind die 60 besten Schwinger der Schweiz dabei, darunter der 23-jährige Andreas Döbeli aus Sarmenstorf. Im Interview erklärt er, wieso er nervös ist, warum ihn der Ausfall seines Kumpels Joel Strebel schmerzt – und was er nach dem letzten Schwingfest macht.

Stefan Sprenger

Morgen Samstag steigt der Kilchberger Schwinget. Es ist das Highlight der Saison. Sind Sie nervös?

Andreas Döbeli: (Lacht) Ja. Manchmal flammt die Nervosität auf, aber ich versuche mich dann etwas zu bremsen. Es ist ein Schwingfest mit sechs Gängen. Also so, wie sonst auch.

Aber doch irgendwie anders.

Es ist natürlich viel härter, weil nur die besten 60 Schwinger des Landes dabei sind. Das heisst, dass auch die Gegner viel stärker sind als an einem normalen Wettkampf. Aber ich bin zuversichtlich. Gegen viele dieser Top-Schwinger konnte ich dagegenhalten und teilweise gewinnen. Ich habe keine Bedenken, dass ich nicht liefern und mithalten kann.

Die erste Paarung ist bekannt. Sie kriegen es mit dem 57-fachen Kranzgewinner Roger Rychen aus der Nordostschweiz zu tun. Ihre Meinung?

Roger Rychen hat einen ähnlichen Schwingstil wie ich. Das gibt ein offensives Duell. Wir haben eine ausgeglichene Bilanz. Er konnte mich schon schlagen, ich ihn aber auch. Ich glaube, das ist eine gute Einteilung für mich.

Was ist Ihr Ziel am Kilchberger Schwinget?

(Überlegt) Das ist schwierig zu sagen. Weil die Gegner so gut sind, kann ich es kaum abschätzen. Meine Saisonziele sind jetzt schon alle erreicht. Ich habe tolle Erfolge gefeiert im Jahr 2021. Alles, was jetzt kommt, ist Zugabe. Ich werde versuchen, mein Bestes zu geben. Wenn ich am Ende im ersten Viertel der Rangliste klassiert bin, dann wäre das bombastisch für mich.

Was waren Ihre Ziele, bevor die Saison losging?

Ein Bergkranz hat mir gefehlt, den wollte ich unbedingt holen. Am Brünig und Weissenstein konnte ich gleich zwei gewinnen. Am Weissenstein war ich sogar im Schlussgang. Das war natürlich fantastisch.

Fantastisch war auch Ihr Sieg am Nordwestschweizerischen Schwingfest in Zunzgen Anfang September.

Das war sogar gigantisch (lacht). Das hat mich riesig gefreut.

Hat dieser Sieg etwas verändert?

Bei mir persönlich nicht. Ausser, dass er mir noch mehr Selbstvertrauen gegeben hat. Mir gab er die Bestätigung, dass ich vorne dabei bin. Er hat wohl bei anderen Menschen mehr ausgelöst.

Was denn?

In der Schwingszene werde ich nun mit anderen Augen wahrgenommen. Taktisch vorzugehen, war bislang nicht meine Stärke. Dies konnte ich stark verbessern. Und dieser Sieg am Nordwestschweizerischen war für die Schwingerszene – und auch für mich – der Beweis, dass ich besser geworden bin.

Die Saison im letzten Jahr fand coronabedingt nicht statt. Wie normal war für Sie die Saison 2021?

Die Vorbereitung war sehr kurz. Die vielen Schwingfeste nahe beieinander. Es war also viel intensiver, mit wenig Pausen zwischen den Wettkämpfen. Das merkt man als Schwinger bei der Regeneration.

Und den Verletzungen.

Ja. Der Schwingklub Freiamt ist da leider ein gutes Beispiel, dass es eigentlich viel zu intensiv war. Mit Joel Strebel, Lukas Döbeli, Kevin Stadler, Reto Leuthard und Damian Henggeler haben wir gleich einige Schwinger, die verletzt sind oder Blessuren haben. Das ist schon heftig für den Schwingklub Freiamt. Praktisch jeder Schwinger hat damit zu kämpfen.

Sie selbst sind von Verletzungen nicht betroffen. Wieso?

Wir trainieren alle hart. Deshalb ist es nur eines: Glück.

Joel Strebel, Ihr Kollege vom SK Freiamt, zeigte ebenfalls eine sackstarke Saison. Jetzt ist er am Knie verletzt. Ihre Meinung dazu?

Wir hatten beide eine gute Saison. Gemeinsam konnten wir am Weissenstein und am Brünig den Bergkranz gewinnen. Auch am Nordwestschweizerischen ist Joel Strebel gut gestartet – und dann passierte seine Verletzung. Mir tut es unglaublich leid für ihn. Wir treiben uns gegenseitig immer an und pushen uns. Er ist eine Stütze für mich und den ganzen Verein. Wir wollen immer mindestens so gut sein wie der andere, das spornt uns an. Es ist sehr schade, dass er jetzt dieses Saisonhighlight verpasst. Ich bin mir sicher: Er hätte sich etwas reissen können. Beim nächsten Kilchberger Schwinget bin ich schon 29Jahre alt, Joel Strebel ist dann 30. Das wird dann wohl die letzte Chance sein, bevor die Karriere zu Ende ist. Mit 35 Jahren werde ich wohl nicht mehr schwingen (lacht).

Sie sind nach dem Ausfall von Joel Strebel der einzige Freiämter am Kilchberger Schwinget. Was denken Sie, wer kann vom Nordwestschweizerischen
Schwingverband ganz vorne ein Wörtchen mitreden?

Wenn Nick Alpiger topfit ist, dann kann er vorne dabei sein. Auch Patrick Räbmatter hat an einem guten Tag das Zeug dazu, mit den allerbesten Schwingern mitzuhalten.

Und Sie?

Wie gesagt: Ich träume von einem Platz im ersten Viertel der Rangliste.

Wo sehen Sie sich in der Hierarchie des Nordwestschweizerischen Verbandes?

Phu. Eine schwierige Frage. Nick Alpiger ist die Nummer 1. Joel Strebel ist die Nummer 2. An dritter Stelle komme ich, gemeinsam mit Räbmatter.

Sie sehen Joel Strebel vor Ihnen – wieso?

Mit den stärksten Schwingern kann er besser mithalten als ich. Joel Strebel ist mir athletisch noch ein Stück voraus. Zudem hat er in dieser Saison alle Kränze gemacht, die man von ihm erwartet hat. Ganz im Gegenteil zu mir.

Am Rigi-Schwinget und am Innerschweizer Schwingfest in Ibach haben Sie den Kranz jeweils verpasst. Wie analysieren Sie diese Rückschläge heute?

Ich habe taktisch einfach schlecht geschwungen. Zudem waren keine Zuschauer da, was einen Schwinger eben doch mehr beeinflusst, als man denkt. Irgendwie wollte es einfach nicht klappen an diesen beiden Tagen. Nach dem Kranz am Weissenstein und am Brünig habe ich diese beiden verpassten Kränze aber vergessen. Ich konnte es wiedergutmachen – für mich.

Der Kilchberger Schwinget ist der Höhepunkt und gleichzeitig der Abschluss der Saison. Was machen Sie danach?

Eine Pause. Endlich (lacht). Ich werde noch eine Woche arbeiten und gehe dann mit meiner Freundin in die Ferien nach Griechenland.

Und dann wieder ins Schwingtraining?

Das Wintertraining ist in Planung. Gemeinsam mit Yannik Klausner, dem neuen technischen Leiter des Schwingklubs Freiamt, werden wir anschauen, wo wir die Schwerpunkte setzen wollen in der Vorbereitung. Irgendwann Mitte oder Ende Oktober beginnen wir mit dem Krafttraining. Geschwungen wird erst im November wieder.

Themenwechsel: Im Freiamt geniessen Sie einen grossen Rückhalt. Wie erleben Sie das?

Ja. Die Unterstützung ist gross und die netten Worte häufig. In der Gemeinde Sarmenstorf verfolgen sie immer mehr, was ich so mache. Das hat auch damit zu tun, dass mittlerweile die meisten Schwingfeste im Fernsehen übertragen werden. Ich weiss von vielen Leuten, die den ganzen Sonntag vor dem TV sitzen und live verfolgen, wie ich mich schlage (lacht). Ein schönes Beispiel ist auch Sarmenstorfs Gemeindeammann Meinrad Baur. Er ist nicht nur einer meiner Sponsoren, sondern hat auch gemeinsam mit Grafiker Balz Saxer nach meinem Sieg am Nordwestschweizerischen Schwingfest extra Plakate kreiert und am Dorfeingang aufgehängt. Das ist eine grosse Wertschätzung, wofür ich sehr dankbar bin.

Sie sind aber gar nicht mehr in Sarmenstorf zu Hause, sondern leben mit Ihrer Freundin in Seengen.

(Lacht) Das verschweige ich gerne. Ich bin nach wie vor viel bei meinen Eltern auf dem Hof und helfe mit. In einigen Jahren bin ich wieder zurück in Sarmenstorf. Ganz sicher.

Was macht Sie da so sicher?

Ich werde den Hof der Eltern übernehmen. Und ich freue mich schon jetzt sehr darauf.

Bleiben wir im Dorf. Der FC Sarmenstorf ist das Team der Stunde und steht an der Tabellenspitze der 2. Liga. Haben Sie das mitgekriegt?

Was für eine Frage: natürlich. Ich kenne einige Spieler aus dem Team und dem Verein und freue mich immer sehr, wenn sie erfolgreich sind. Sie haben jetzt sechs Spiele in Serie gewonnen und am letzten Wochenende erstmals nur unentschieden gespielt, oder?

Das stimmt.

Wissen Sie, mein Bruder Lukas geht oft an die Spiele des FC Sarmenstorf. Im Juni hat er sich an der Schulter operieren lassen und nun braucht es Zeit, bis er wieder ganz fit ist. Vermutlich erst im Februar 2022 wieder.

Sie gehen nicht an die Spiele?

Doch. Aber bislang fehlte mir die Zeit wegen der intensiven Schwingsaison. Ich werde bald wieder gehen.

Nach der Saison ist vor der Saison. Was erwarten Sie im nächsten Jahr?

Das wird ein tolles Schwingjahr. Das Aargauer Kantonale Schwingfest hier bei uns in Beinwil, im Freiamt, darauf freue ich mich riesig. Und dann ist noch das Eidgenössische, das vom eigenen Verband in Pratteln organisiert wird. Auch das wird eine grosse Sache. Dementsprechend gut will ich mich vorbereiten auf diesen Höhepunkt. Jetzt freue ich mich auf den Kilchberger Schwinget und hoffe, dass ich verletzungsfrei bleibe. Und dann freue ich mich auch sehr auf eine Pause vom Schwingen.


Kilchberger Schwinget

Kilchberger Schwinget hat eine fast 100-jährige Tradition und findet zum 17. Mal statt. Alle sechs Jahre treffen sich die besten Schwinger der Schweiz auf dem Kilchberg im Kanton Zürich und suchen den Festsieger. Zuletzt siegte Matthias Sempach 2014. Es gilt als das exklusivste Schwingfest der Schweiz, denn nicht nur die 60 Schwinger sind ausschliesslich auf Einladung dabei, sondern auch die Zuschauer, allesamt verdiente Mitglieder von Schweizer Schwingklubs. Dass sie für ihr Ticket nach dem Tod eines langjährigen Mäzens des Kilchberger Schwingets auch 2021 nichts bezahlen müssen, wird durch das grosszügige Sponsoring möglich.

Um 8.30 Uhr ist Anschwingen. Der Schlussgang ist auf 17 Uhr angesetzt. Das Schweizer Fernsehen (SRF2) überträgt den ganzen Tag live. --red

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