Wo die Liebe hinfällt

Di, 17. Nov. 2020
Anders als seine Spieler beim FC Mutschellen befolgt Hund «Chicca» die Anweisungen von Sergio Colacino nicht. Hier auf dem Bild ist der Trainer und Lehrer mit den Söhnen Marcio und Tiago (rechts). Bild: Stefan Sprenger

Sergio Colacino vom FC Mutschellen ist Trainer des momentan erfolgreichsten Teams im Freiamt

Immer sonntags nach den Spielen erholte sich Sergio Colacino im Thermalbad und gönnte sich danach eine Gazzosa in der «Zanzibar» in Wohlen. Dort lernte er Daniela kennen – doch sie liess ihn abblitzen und wollte nichts vom Profifussballer wissen. Wie die ganze Karriere von Sergio Colacino endet auch diese Achterbahnfahrt in einem Happy End.

Stefan Sprenger

«Tolle Erinnerungen erschaffen. Um das geht es doch im Fussball.» Weise Worte von Sergio Colacino und der Beweis dafür, dass auch ein scheinbar oberflächliches Gespräch in etwas Tiefgründiges abgleiten kann. Die meisten Dialoge mit Colacino schwanken zwischen lustig und ernst, der Umgang ist respektvoll und gewinnbringend – und niemals destruktiv. Über andere Menschen verliert er kein schlechtes Wort. Sergio Colacino, Ehemann, Vater, Hundehalter, Lehrer, Fussballtrainer – ein herrlich positiver Mensch.

Mit dem FC Mutschellen ist er im Höhenflug. Nach zwei Jahren als Co-Trainer übernahm er 2017 den Posten als Cheftrainer auf der Burkertsmatt. Und dies gleich in der ersten Saison nach dem Aufstieg in die 2. Liga. Der FC Mutschellen wird unter seiner Führung immer besser, untermauert den Status als Sympathie- und Kampfmannschaft. Der Sieg im Aargauer Cup 2019 ist der Höhepunkt der Vereinsgeschichte. Und wenn man auf dem Mutschellen nachfragt, woher der Erfolg kommt, dann sagen Fans, Vorstandsmitglieder und Spieler immer denselben Namen: Sergio Colacino.

«Chicca» macht nicht Sitz

Der 42-Jährige winkt ab. «Wir haben ein Kader von 24 Spielern. Alle sind auf ähnlich starkem Niveau. Das und der starke Teamgeist sind die Hauptgründe für unseren Erfolg», meint er. Seine grösste Herausforderung – wie er sagt – ist es, die Spieler bei Laune zu halten. «Wir haben so viele gute Kicker und erfolgshungrige, intelligente Typen im Team. Da ist es nicht einfach, auszuwählen, wer spielt.» Ihm scheint es gut zu gelingen. Mutschellen ist Tabellenführer, der Teamgeist ist hervorragend. In zwölf Spielen gab es nur eine Niederlage, auswärts gegen Suhr. «Diese Pleite war aber befreiend. Der Druck der Ungeschlagenheit war weg.» Colacino sieht sogar in der einzigen Saisonniederlage etwas Gutes.

Es ist ein warmer Tag im Novemberherbst. Colacino steht vor seinem Haus an der Brunnmattstrasse in Wohlen. Sein Blick geht ständig zu Boden. Dort wedelt «Chicca» vor sich hin, die italienische Kaffeebohne. Sie ist klein und braun. «Wir wollten schon immer einen Hund», sagt er stolz. Auch mit dem Vierbeiner macht er keine halben Sachen. Jede Woche absolviert er mit Chicca einen Hunde-Erziehungskurs. Mit mässigem Erfolg. Während Colacino ihr «Sitz» befiehlt, bellt Chicca munter vor sich hin.

Herz-OP und Meistertitel

Um den Menschen Nicola Sergio Colacino besser zu verstehen, muss man auch sein Leben und seine Karriere kennenlernen. 1954 wandert sein Grossvater in die Schweiz ein. In den 60er-Jahren zügelt die Familie nach Fislisbach. Seine Eltern und sein Onkel wohnen auch heute noch Haus an Haus. Die Familie ist für den Italiener das Allerwichtigste.

In Fislisbach beginnt er mit dem Fussball und fällt schnell mit einem starken Talent auf. Bereits als 16-Jähriger wird er vom FC Baden in der Nationalliga B aufgenommen. Er wechselt zu den Grasshoppers Zürich. Doch die Gesundheit macht nicht mit. Colacino muss einen angeborenen Herzfehler operieren lassen. Das verhindert nicht, dass der Linksfuss den Sprung in die höchste Spielklasse des Landes schafft. Beim FC St. Gallen ist er im Januar 1999 erstmals im Training. Der damalige «FCSG»-Trainer hiess Marcel Koller und bezeichnete Colacino als «intelligenten Fussballer, der weiss, was er kann». In der Meistersaison 1999/2000 spielt Colacino 20-mal auf der Aussenbahn des FC St. Gallen. «Eine grandiose Saison», meint er heute noch. 85-mal läuft er für die «Espen» auf. Höhepunkte waren Spiele im UEFA-Cup gegen Galatasaray Istanbul oder Chelsea und natürlich der Titelgewinn.

In Wohlen wird er glücklich

2002. Trainer Gérard Castella setzt nicht auf Colacino. Er wird zum FC Wil ausgeliehen. Dort trifft er auf Trainer Heinz Peischl. «Wir mochten uns nicht.» Colacino kehrt zurück zu St. Gallen. Unglücklich: Peischl wird wenig später dort Trainer. «Und ich musste weg – oder mich der Gruppe Wald anschliessen.» Die «Gruppe Wald» war ein Synonym für aussortierte Spieler.

Januar 2003. Er wechselt zum FC Wohlen. «Im Nachhinein ein enorm wichtiger Entscheid.» Denn in Wohlen wird er in vielen Bereichen glücklich. Hier fällt die Liebe hin. Zuerst im Fussball: Während fünf Jahren (mit Unterbrüchen) spielt er erfolgreich beim FC Wohlen in der Challenge League. Colacino macht 21 Tore in 105 Spielen. Und er ist auch ein Teil der legendären Mannschaft der Saison 2007/08. Für lange Zeit behauptet sich der FCW an der Tabellenspitze. «Wir waren eine geile Truppe – auf und neben dem Feld.» Die Siege wurden gefeiert im Wohler Nachtleben. Im «Club» und der «Zanzibar». «Geniale Zeiten», meint Colacino heute.

In jener «Zanzibar» arbeitet damals Daniela Meyer. Mit dem Aushilfsjob in der Bar will sie sich ihre Reise nach Argentinien finanzieren. Colacino sieht die Wohlerin und ist hin und weg. Teamkollege Goran Karanovic kennt Daniela bereits seit Schulzeiten und fragt sie an, ob er dem heimlichen Verehrer ihre Handynummer weitergeben darf. «Nein», so die deutliche Antwort. Blöd, denn Karanovic hat ihre Nummer bereits weitergegeben. Colacino schreibt ihr – und erhält nie eine Antwort. «Ich war wütend, dass er meine Nummer trotzdem erhalten hatte», sagt die heute 33-Jährige.

Keine Gedanken über Zukunft

Doch weil es Schicksal ist, findet die Liebe einen Weg. Immer sonntags nach den Spielen geht Colacino zusammen mit Alain Schultz ins Thermalbad nach Schinznach. Danach gibts eine «Gazzosa» in der «Zanzibar». Und sonntags arbeitete jeweils Daniela Meyer da. «Ich merkte dann, dass er ja eigentlich sehr freundlich ist», sagt sie heute. Die beiden nähern sich an, finden sich endgültig im «Club» in Wohlen. Im April 2011 ziehen sie zusammen, und Daniela Meyer heisst seit der Hochzeit 2010 Colacino. Die beiden haben zwei Söhne, Tiago (9) und Marcio (7); beide spielen beim FC Wohlen.

«Zeit ist enorm wichtig», sagt Sergio Colacino. «Zeit mit der Familie ist das Wertvollste.» Dies sagt er auf die Frage, ob er sich denn vorstellen könne, einmal in höheren Ligen als Trainer zu arbeiten. «Mir gefällt es so, wie es momentan ist. Ich gehe immer mit Spass ins Training auf die Burkertsmatt. Deshalb mache ich mir keine Gedanken über die Zukunft.» Er hat in Vergangenheit schon Anfragen gehabt, auch aus höheren Ligen. Colacino lehnte alles ab. «Dieses Team und dieser Staff bereiten mir sehr viel Freude.» Aber auch er kennt die Gesetze des Fussballs, die Gesetze der Zeit. «Irgendwann wird sich etwas Neues ergeben – vielleicht.»

Prägendsten Trainer beim FC Muri erlebt

«Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme», lautet eine Weisheit. Colacino macht dies nicht nur im Fussball und der Familie so, sondern auch im Job. Zwischen 2003 und 2009 macht er die Lehrerausbildung an der pädagogischen Hochschule in Zürich. Seit zwölf Jahren ist er nun Klassenlehrer in der Sekundarschule im Junkholz in Wohlen. Oft hört man, das Junkholz sei ein schwieriges Pflaster. Colacino – wie könnte es anders sein – sieht das keinesfalls so negativ. «Wohlen ist ein grosses Dorf und dementsprechend ist auch die soziale Belastung. Aber die Schule Wohlen ist sehr gut geführt, und ich erlebe viele engagierte Lehrpersonen, die vor allem die Beziehungsebene an erster Stelle setzen, und das ist die beste Basis für einen guten Unterricht.»

Er durfte in seiner Zeit als Fussballer von namhaften Trainern lernen. Marcel Koller, Gérard Castella, Alain Geiger, Vladimir Petkovic, Martin Rueda oder Maurizio Jacobacci. Am meisten beeindruckt hat ihn ein anderer, unscheinbarer Name: Nobi Fischer. Colacino spielte von 2010 bis zu seinem Karriereende 2013 beim FC Muri. Unter Trainer Nobi Fischer gelang der Aufstieg in die 1. Liga classic. «Nobi hatte einen sagenhaften Umgang mit den Spielern.»

Positives 2020

Der Wohler sieht Parallelen zwischen seinen Jobs als Lehrer und als Trainer. «Ob Schüler oder Spieler, der Umgang ist entscheidend. Man sollte auf seine Wortwahl achten und vor allem auch sich selbst reflektieren. Die positiven Dinge sollte man in den Vordergrund rücken.» Für das Jahr 2020 hat er sich vorgenommen, den negativen Sachen nur wenig Platz einzuräumen, dafür jeweils das Positive noch mehr zu betonen. Es hätte sicherlich einfachere Jahre als 2020 gegeben, um dieses Ziel umzusetzen.

Doch der Erfolg beim FC Mutschellen gibt ihm recht. «Spieler, Vorstand, Staff und der ganze Verein, wir sind verantwortlich für die guten Resultate und die tolle Stimmung.» Es gebe auf der Burkertsmatt keine Stinkstiefel, sondern alle ziehen am selben Strick. «Wenn das so bleibt, ist das wunderbar. Schliesslich wollen wir etwas zu feiern haben.» Und wenn der FC Mutschellen aufsteigt? «Dann feiern wir das.» Er fügt lächelnd an: «Tolle Erinnerungen erschaffen. Um das geht es doch im Leben.»

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