Zwei Dörfer, eine Gemeinde?

Di, 19. Jan. 2021
Der erste Schritt, bei dem sich die beiden Gemeinden näherkamen: Der Spatenstich zum Bau der Brücke zwischen Boswil und Bünzen mit den damaligen und heutigen Ammännern Marlise Müller (Bünzen) und Michael Weber (Boswil) sowie dem damaligen Grossrat Peter Beyeler. Bild: Archiv

Boswil und Bünzen reden über mögliche Fusion

Wird aus Boswil und Bünzen vielleicht Boswil-Bünzen? Per Livestream informierten die Gemeinderäte über Vor- und Nachteile einer Fusion.

Die beiden Ammänner Marlise Müller (Bünzen) und Michael Weber (Boswil) zeigten zusammen mit dem externen Projektbegleiter Hans Vogel für verschiedene Bereiche Wege auf, etwa bei der Zukunft der Schule oder der Verwaltung. Konkrete Antworten konnten sie erst wenige liefern. Dafür wären vertiefte Abklärungen nötig.

Diese starten, wenn die Bevölkerung der beiden Gemeinden das will. Eine Umfrage soll erste Klarheit bringen. --ake


Die Einladung zur Hochzeit ist da

Die Gemeinderäte von Boswil und Bünzen informierten per Livestream über eine mögliche Fusion

Es ist ein emotionales Thema. Alleingang oder Zusammenschluss? Soll aus den Gemeinden Boswil und Bünzen eine politische Gemeinde Boswil-Bünzen werden? Über mögliche Chancen und Risiken informierten die Gemeinderäte aus erster Hand. Auf konkrete Fragen konnten sie aber noch kaum Antworten liefern.

Annemarie Keusch

Ob es Gemeinderatsmitglieder aus beiden Dörfern geben wird? Welche finanziellen Vorteile die Fusion mit sich bringt? Ob das Boswiler Gemeindehaus platzmässig reicht, um die Verwaltung beider Dörfer einzuquartieren? Welche Folgen eine Fusion für die Kreisschule Bünz mit sich bringen würde? Ob der Siedlungstrenngürtel zwischen Boswil und Bünzen bestehen bleibt? Fragen über Fragen las der Politologe und externe Projektbegleiter Hans Vogel vor. Nicht immer sind die Antworten konkret. «Das werden weitere Abklärungen zeigen», ist die häufigste Antwort, die die Gemeindeammänner Michael Weber, Boswil, und Marlise Müller, Bünzen, geben. «Vertiefte Abklärungen sind nötig», sagen sie immer wieder. «Konkret ist noch nichts» auch.

Die mögliche Hochzeit der beiden Gemeinden, wie Marlise Müller es nennt, ist noch ganz am Anfang. Höchstens die Einladungskarten sind gedruckt und verteilt. Am Donnerstag wurden sie an die Bevölkerung verschickt, mit der Bitte, ihre Meinung kundzutun. Vorteile? Nachteile? Persönliches Empfinden? «Wir wollen den Puls spüren», sagt Michael Weber. «Möglichst viele sollen bei der Umfrage mitmachen», sagt Marlise Müller. Diese Umfrage, sie wird entscheiden, ob das Projekt Fusion weiterverfolgt wird oder nicht. Die Präsentation der Ergebnisse der anonymen Bevölkerungsbefragung ist auf Anfang März angesagt.

Auf 223 PCs lief der Livestream

Informieren, über Vor- und Nachteile aufklären, Grundlagen bieten, damit sich die Bevölkerung eine Meinung bilden kann – das wollten die beiden Gemeinderäte mit dem Livestream. 223 Personen haben ihn verfolgt, nicht vor jedem PC dürfte nur eine Person gesessen haben. «Uns ist wichtig, dass die Bevölkerung die Informationen aus erster Hand erhält. Denn den beiden Gemeinderäten ist klar: «Es gibt immer zwei Seiten.»

Es gibt die Seite mit den Vorteilen. Etwa, dass die regionale Position gestärkt werden kann. Kleine Gemeinden haben in Kooperationen oft weniger Einfluss. Nach der Fusion wäre Boswil-Bünzen – der Name ist noch nicht fix, nur vom gemeinsamen Bahnhof übernommen – zusammen mit Sins die zweitgrösste Gemeinde im Bezirk. Oder der Vorteil, dass die Belastung der Behörden und die Rekrutierungsprobleme verkleinert werden können. «Kleine Gemeinden erfüllen dieselben Aufgaben wie Städte. Die Belastung ist hoch und nimmt weiter zu», führte Politologe Hans Vogel aus. Dass es im ersten Halbjahr 2020 eine Vakanz im Bünzer Gemeinderat gab, ist ein Zeichen, dass die Bereitschaft, sich in politischen Ämtern auf Gemeindeebene einzulassen, gesunken ist.

Politische Heimat geht verloren

Vogel präsentiert weitere Vorteile. «Auch auf der Verwaltung gibt es Rekrutierungsprobleme bei kleinen Gemeinden», sagt er. Zehnkämpfer sein, anstatt Spezialist auf einem Gebiet, das wollen nicht mehr viele. Und auch die Finanzen würden für eine Fusion sprechen, etwa weil die grössere Gemeinde kosteneffizienter geführt werden könnte, aber auch weil der Kanton Aargau Fusionen grosszügig unterstützt. Und laut Hans Vogel würden beide Gemeinden voneinander profitieren – Bünzen von der vergleichsweise hohen Steuerkraft der Boswiler. Boswil von der starken Vermögenssituation der Bünzer.

Aber es gibt auch die andere, die emotionale Seite. Über 200 Jahre alt sind beide Gemeinden, sie sind gewachsen, haben sich entwickelt. «Das aufzugeben, kann als Verlust der politischen Heimat aufgefasst werden», sagt Hans Vogel. Die Bürgernähe etwa wäre anders, die Gemeindeverwaltung wohl zentral in Boswil.

Projektierungskredit an Sommer-«Gmeind»

Bereiche gibt es ganz viele, in denen im Fall einer vertieften Abklärung konkrete Lösungen gefunden werden müssen. Zeigt der Rücklauf der Umfragebögen, dass die Unterstützung in den Dörfern da ist und sagt die Bevölkerung in beiden Dörfern Ja zu einem Projektierungskredit an der nächsten Sommer-«Gmeind», würden die vertieften Abklärungen starten. Fragen stellen sich zum aktuellen Zeitpunkt noch ganz viele. Aber es gibt auch erste Antworten. Etwa würden die Ortsnamen und die Postleitzahl der beiden Gemeinden erhalten bleiben. Auch am Erscheinungsbild würde sich nichts ändern. Beide Schulstandorte könnten erhalten bleiben – wie das konkret aussieht, ob es eine Schulleitung gibt und dabei Besenbüren mit ins Boot geholt wird, weiss man aber noch nicht.

Nichts erzwingen

Bezüglich künftigem Namen und Wappen ist ebenfalls noch nichts klar. Lediglich Möglichkeiten wurden der Bevölkerung via Livestream erläutert. Alles werde bei einem Ja an der «Gmeind» vertieft angeschaut. Im Sommer 2022 sollen beide Gemeinden über den Zusammenschlussvertrag, der viele Details regelt, abstimmen. «Die Bevölkerung soll sich immer einbringen», betont Boswils Gemeindeammann Michael Weber. Es sei nicht ein Projekt, das die beiden Gemeinderäte erzwingen wollen. «Sagt die Bevölkerung einer Gemeinde einmal Nein, ist die Fusion passé.»

Langer Weg

Frühestens auf den 1. Januar 2024 würde die zusammengeschlossene Gemeinde rechtskräftig werden. Die vielen Fragen im Anschluss an die Präsentation per Livestream zeigen, dass noch viele Gespräche und Informationen nötig sein werden, um die richtigen Antworten zu liefern. Auch wenn schweizweit immer mehr Dörfer eine politische Gemeinde bilden, ist es in Boswil und Bünzen noch ein weiter Weg. Dessen sind sich die Ammänner bewusst. «Es ist ein emotionales Thema. Und trotzdem müssen wir versuchen, das Herz und die Vernunft in Einklang zu bringen», sagt Marlise Müller, Gemeindeammann von Bünzen.

Die beiden Dörfer, die Vereine, die Schule in beiden Dörfern, die Postleitzahlen – das alles würde bleiben. «Die Tradition und die Identität leben weiter. Bünzer bleiben Bünzer, Boswiler bleiben Boswiler», versichert sie. In allen Bereichen des täglichen Lebens gehe es normal weiter. Und die Vergangenheit habe gezeigt, dass Boswil und Bünzen ganz gut miteinander können – ob beim «Bruggefäscht» oder beim gemeinsamen Bahnhof. Die Absicht, zu heiraten, war also wohlüberlegt. Jetzt müssen nur die Gäste zusagen.

Laufend aktuelle Informationen unter: www.projekt-boswil-buenzen.ch.

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