TRIBÜNEN GEFLÜSTER
05.07.2024 Kolumne, SportDieses Tribünengeflüster dreht sich um einen belanglosen Facebook-Beitrag, der heftig durch die Online-Decke geht und die Gemüter erhitzt. Alles, was es dafür benötigte, war ein Bus, der hupt. Was ist passiert? Die Sportredaktion hat nach dem Sieg der Schweizer ...
Dieses Tribünengeflüster dreht sich um einen belanglosen Facebook-Beitrag, der heftig durch die Online-Decke geht und die Gemüter erhitzt. Alles, was es dafür benötigte, war ein Bus, der hupt. Was ist passiert? Die Sportredaktion hat nach dem Sieg der Schweizer Fussball-Nati am letzten Samstag ein Video auf die Facebook-Seite dieser Zeitung gestellt. Die Zahlen dazu eine Woche später sind gigantisch. 142 000 Menschen wurden erreicht. 177 000-mal wurde das Video abgespielt. Insgesamt 700 Stunden lief das Video. 2000-mal wurde es mit «gefällt mir» markiert, 129-mal geteilt. Der Eintrag hat sich verflüchtigt und ist längst nicht mehr nur auf den Freiämter Bildschirmen ersichtlich, sondern schwappte gar ins benachbarte Ausland. Dies zeigt ein Querschnitt durch die 135 Kommentare, die hinterlassen wurden.
Festhalten. Los gehts. Zuerst zum Inhalt und zum Positiven. Am Kirchenplatz feiern Hunderte Menschen den Sieg gegen Italien ausgiebig. Autos hupen, Menschen johlen, alles friedlich. Dann kommt ein Bus aus der Steingasse – und macht mit seinem Horn ebenfalls mit. Ein tiefes Dröhnen der Bus-Hupe, eine La-Ola-Welle der Menschen. Am Ende des Videos sieht man zudem, wie mehrere Polizisten versuchen, den Verkehr einigermassen zu koordinieren. Eigentlich eine schöne Szene, die auch zeigt, dass die Schweiz selbst im Chaos einer Feier auf der Strasse und mit Hunderten Automobilisten, die hupen wollen, trotzdem Ordnung behält. Die Polizisten haben die Feierlichkeiten keinesfalls gebremst, haben auch bei kleinen Delikten – wenn beispielsweise jemand nicht angeschnallt war – ein Auge zugedrückt. Es gibt deshalb auf Facebook einige positive Kommentare. Eine Frau meint: «Kann man auch mal kurz erwähnen, wie toll das ist, dass hier welche stehen, die den Verkehr regeln, obwohl es sich nicht um eine Baustelle oder Stosszeiten handelt und somit vor allem dem ÖV sehr hilft. Mega Einsatz, bin grad sprachlos. Das ist die Schweiz.» Andere meinen: «Bravo!», «Freude herrscht!» oder «So schön».
Und da gibt es noch die (vermeintlich) witzigen Kommentare: «Wohlen? Dort wohnen doch gar keine Schweizer?», fragt jemand. Oder: «Der Bus hupt wegen etwas anderem: Er muss den Fahrplan einhalten.» Oder: «Immerhin klaut der Bus mal niemandem den Vortritt.» Ein Italiener meint: «Geniesst es. Ihr müsst wieder 31 Jahre warten, bis ihr uns das nächste Mal besiegt.» Und dann gibt es noch die üblen Kommentare, die bösartigen, unnötigen, fast schon traurigen. «Im Edeka gibt es Hirn im Angebot.» Oder: «Wie im Kindergarten, einfach nur peinlich.» Oder: «Diese Idioten sollten alle gebüsst werden. Unnötige Lärmbelästigung. Hoffentlich fliegen die Schweizer raus.» Dieser Kommentar zog übrigens eine Welle der Entrüstung mit sich und es folgten Diskussionen, die auf der Grenze der Gürtellinie tanzten. «Die Schweiz feiert und amüsiert sich. Die Nörgler und Neider sind auch schon da», sagt jemand passend. Die Sportredaktion erspart der Leserschaft die richtig üblen Kommentare, hofft auf ein weiteres friedliches Fest morgen Samstag, wenn die Schweiz hoffentlich England besiegt, und beendet dieses Tribünengeflüster mit einem Bild eines Kommentars. Die Sportredaktion teilt diese Meinung zu 100 Prozent.
Stefan Sprenger