Das grosse Finale

Fr, 16. Okt. 2020
Der Herr des Bildes: Paul Fischer bestimmt, wann welche Kamera welche Aufnahmen liefert. Bilder: SRF, Mirco Rederlechner

Morgen Abend kämpfen vier Schweizer Prominente um den Sieg in der Tanzsendung «Darf ich bitten?». Damit diese auch richtig in Szene gesetzt werden, dafür sorgt Paul Fischer. Auch für ihn ist es ein Finale. Der in Wohlen lebende Boswiler geht in Pension. 35 Jahre lang hat er für das Fernsehen gearbeitet. Hat bei allen grossen Shows Regie geführt: «Voice of Switzerland», «Grand Prix der Volksmusik», «Wer wird Millionär?» oder die Fifa-Gala. --chh


Bewerbung aus Los Angeles

Paul Fischer hat 35 Jahre lang als Regisseur für das Fernsehen gearbeitet, morgen geht er in Pension

In Fernsehkreisen kennt ihn fast jeder. Aber ausserhalb des Studios ist er ein Unbekannter. Und das gefällt ihm. Paul Fischer hat das Rampenlicht nie gesucht. Aber so manchen Star und manches Sternchen in dieses Rampenlicht gestellt. «Ich habe meinen Beruf geliebt», sagt er.

Chregi Hansen

Es sind diese Sekunden, bevor die Sendung losgeht. Wenn das «Ruhe jetzt» durchs Studio schallt und alle mucksmäuschenstill auf den Jingle warten. In diesen Sekunden steigt der Puls schon mal auf 160. Auch nach 35 Jahren. «Aber kaum hat die Sendung begonnen, falle ich in den Arbeitsrhythmus», erzählt Paul Fischer. Dann ist er in seinem Element. Fokussiert, konzentriert. Dann sorgt er dafür, dass die Hunderttausenden vor dem Bildschirm eine perfekte Show zu sehen bekommen.

Dass er dereinst beim Fernsehen landen und die grossen «Kisten» am Samstagabend machen würde, das hätte sich der junge Paul Fischer wohl kaum vorstellen können. Nach der Kanti kam er zum «Freiämter Tagblatt», erst als freier Mitarbeiter, dann als Stagiaire, später als Redaktor. Er besuchte Versammlungen, berichtete von Jahreskonzerten, kümmerte sich um Lokalstorys. Daneben machte er Musik, war Gitarrist bei der Freiämter Rockband «NH3». Zwei Jahre lang versuchten sich die vier Freunde als Profis. «Es war eine tolle Zeit, aber Geld verdient haben wir nicht», schaut Fischer zurück. Und so kehrte er zur Zeitung zurück. Wusste aber immer – er will noch mehr. Will zum Radio oder zum Fernsehen.

Vorbereitung ist alles

Und da ist er nun. Beim Fernsehen. Auch morgen Samstag wieder. Und wenn die Zuschauer die letzte Folge von «Darf ich bitten?» sehen, dann ist das für sie alles spannend und neu. Für Fischer selber ist es nur der Schlusspunkt. Seine Arbeit beginnt viel früher. «Viele meinen, bei einer Live-Sendung sei alles spontan. Dass ich als Regisseur einfach abends ins Studio komme und die Anweisungen gebe», lacht er. Doch hinter jeder Samstagabend- oder Quizshow steckt viel Vorbereitung. Als Regisseur ist der Wohler meist schon bei der Entwicklung beteiligt. Später folgt die Erarbeitung der Abläufe, dann die Proben. Bei einer Show wie «Darf ich bitten?» sitzt Paul Fischer bereits ab Mittwoch im Studio. Dann präsentieren die Paare ihre Tänze einzeln. Immer und immer wieder. «Ich muss wissen, wohin sie sich bewegen, welche Drehungen sie machen. Nur so weiss ich, wie ich nachher Licht und Kamera einsetzen muss», erklärt Fischer.

Dass er nach der Zeitung beim Fernsehen gelandet ist, hat mit seiner USA-Reise zu tun, die er zusammen mit seiner späteren Frau Pascale unternommen hat. Rund ein Jahr tingelten die beiden in einem VW-Bus durch die Staaten. Ihr Budget: Maximal 50 Franken pro Tag. Am Ende der Reise besuchten sie ihren «NH3»-Kumpel Hampi Huber in Los Angeles. «Wir lebten mitten in Hollywood, die Umgebung hat mich fasziniert. Und weil ich Zeit und Lust hatte, besuchte ich eine Ausbildung zum TV-Produzenten. Das war eine totale Schnellbleiche, aber ich war schon immer einer, der mehr wissen wollte. Mit zwei Kumpels haben wir auch übers Wochenende eigene Sendungen aufgenommen, um noch mehr zu lernen», erinnert er sich.

Musik als Leidenschaft

Seither hat ihn das Fernsehen nicht mehr losgelassen. 35 Jahre lang. Morgen Samstag aber sitzt er zum letzten Mal am Regiepult. Das Finale von «Darf ich bitten?» ist auch sein persönliches Finale. Und er geht die Aufgabe gleich seriös an wie immer. «Natürlich ist es einfacher, wenn man die dritte Staffel einer Show macht, als die erste. Aber die Ansprüche bleiben hoch», erzählt er. Es gehe beim Fernsehen darum, Emotionen zu transportieren. Da habe die Unterhaltung viel gelernt vom Sport. «Dort gibt es fast immer Jubel und Tränen. Darum hat das Fernsehen begonnen, auch Musiksendungen zum Wettbewerb zu machen.» Seine Aufgabe ist es, diese emotionalen Momente zu erkennen und dafür zu sorgen, dass sie eingefangen werden. So wie bei der letzten Staffel von «Darf ich bitten?», als Sven Epinay seinem Partner live vor der Kamera einen Heiratsantrag machte. «Normalerweise proben wir für eine solch grosse Live-Show alle Details genau durch, aber ausruhen kann ich mich nicht während der Sendung, ich muss hundert Prozent konzentriert bleiben.»

Sich selbstständig gemacht

Noch aus Los Angeles bewarb er sich beim Schweizer Fernsehen. Das hat den damaligen Unterhaltungschef Hannes Bichsel beeindruckt. «Beim Bewerbungsgespräch fragte er mich, wann ich anfangen kann. Ich meinte: sofort. Am nächsten Montag hatte ich meinen ersten Arbeitstag.» Fischer begann als Redaktor in der Musikredaktion. Produzierte Sendungen wie «Here we go» und «Downtown». Doch die Arbeit als Redaktor fand vorwiegend im Büro statt, Fischer aber wollte mehr, wollte ins Studio. «Ich wusste immer, Regie, das ist mein Ding.»

35 Jahre später hat er als Regisseur praktisch alles erreicht, was möglich ist. Hat Hunderte von Quizund Unterhaltungssendungen gemacht. Sass bei unzähligen Live-Shows im Regieraum. Und trotzdem kennt ihn kaum jemand, im Gegensatz etwa zu den Filmregisseuren. Fischer hadert nicht. «Ich sehe mich nicht als Künstler. Ich bin ein Handwerker, ein Techniker», sagt er. Und: Fernsehen sei immer Teamarbeit. Die Zeiten des Regisseurs als knallharter Diktator seien vorbei. «Ich habe noch erlebt, wie ein Regisseur eine Probe abgebrochen hat, weil der Kameramann fünf Minuten zu spät war.» Fischer war genau der umgekehrte Typ. Als er in Deutschland gearbeitet hat, wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass er nicht ständig «Bitte» und «Danke» sagen muss.

Dass der Freiämter in den vergangenen Jahren praktisch alle grossen Shows des Schweizer Fernsehens gemacht hat, ist keine Selbstverständlichkeit, hat er sich doch vor bald 20 Jahren selbstständig gemacht. «Ich wollte so viel wie möglich arbeiten. Der Weggang vom SRF hat es mir ermöglicht, auch für andere Sender zu arbeiten», begründet er den Schritt. Beim Schweizer Fernsehen aber wollte man trotzdem nicht auf ihn verzichten. Und so tanzte er fortan auf mehreren Hochzeiten. «Top of Switzerland» oder «Swiss Awards» für SRF, «Wer wird Millionär» oder «Big Brother» für TV3, Quizshows für deutsche Privatsender. «Dort ist der Konkurrenzdruck noch viel härter als bei uns», hat er erfahren. So hat er von einer deutschen Ausgabe von «Deal or no Deal» sechs Folgen fertig produziert – doch schon nach der Pilotfolge war bereits Schluss. «Mir war das egal, ich habe mein Geld ja dennoch gekriegt», lacht er.

Ihn bringt so schnell nichts aus dem Konzept

Wenn Fischer am Samstag im Regieraum sitzt, dann hat er ein riesiges Arsenal an Technik um sich. Und bis zu einem Dutzend Helfer an seiner Seite. «Meine Aufgabe ist es, dass alles miteinander verzahnt ist und funktioniert», sagt er von sich. Vor allem die Technik kann einem oft einen Streich spielen. Da fällt kurz vor der Sendung eine Kamera aus oder ist das Lichtpult defekt. Momente, die Fischer alle erlebt hat. Dann gilt es, ruhig zu bleiben und sich Alternativen zu überlegen. Das gilt auch, wenn ein Showgast sich anders verhält als bei der Probe. «Vor allem die jungen Hiphopper machen sich einen Spass daraus, plötzlich aus dem Bild zu laufen», lacht Fischer. Aber mittlerweile kenne er seine Pappenheimer, bereite die Kameraleute darauf vor.

Er hat andere Zeiten erlebt. Als er anfing, steckte die Technik noch in den Kinderschuhen und waren die Kulissen alle aus Holz. «Ich war mit dabei, als das Fernsehen seine Hochblüte erlebt hat», bilanziert er. Wenn er sehe, wie sehr nun gespart wird, dann bestärkt ihn dies in seinem Entscheid, jetzt aufzuhören. Dieser Schritt war aber kein Schnellschuss. «Es war ein Prozess. Ich werde nächstes Jahr 65. Und ich habe so viel gearbeitet, hatte wenig Zeit für Hobbys und Familie. Ohne meine Frau wäre das nicht möglich gewesen.» Seit einiger Zeit habe er schon zurückgeschraubt, weniger Aufträge angenommen. «Es ist ein tolles Gefühl, wenn die Agenda leer ist. Wenn ich einfach mal durch Wohlen spazieren und einen Kaffee trinken kann. Oder mit meiner Frau nach Luzern fahren», sagt er und strahlt.

Noch ist es nicht so weit. Noch steht eine allerletzte Sendung in seinem Terminkalender. Danach ist Schluss. Verwehrt bleibt ihm der grosse Abschied. Der sollte eigentlich im März über die Bühne gehen. Der Ort war schon reserviert, die Einladungen verschickt. Dann wurden die letzten beiden Folgen abgesagt und verschoben. Eine Feier nach dem Final lässt das Fernsehen nicht zu. Und so verlässt Paul Fischer das Leutschenbach so, wie er es vor 35 Jahren betreten hat: still und leise. Aber im Wissen, dass er die TV-Unterhaltung in der Schweiz massgeblich mitgeprägt hat. «Ich konnte genau das machen, was ich am liebsten getan habe. Es war eine gute Zeit», sagt er zum Schluss.


Chef sein, ohne sich aufzuspielen

Produzentin Sabine Schweizer über Regisseur Paul Fischer

Sie gehört zu jenen beim Schweizer Fernsehen, die ihn am besten kennen. Produzentin Sabine Schweizer und Regisseur Paul Fischer haben in den vergangenen Jahren viele grosse Shows zusammen gemeistert. Sie lobt den Wohler in den höchsten Tönen. «Er ist unglaublich sicher und erfahren. Er ist immer perfekt vorbereitet und weiss genau, was zu tun ist, und kann das den anderen im Team vermitteln», erklärt sie.

Gleichzeitig sei er in all den Jahren äusserst bescheiden geblieben. «Wir nennen ihn manchmal zum Spass unseren Star-Regisseur, das hat er überhaupt nicht gern», so Schweizer. Und auch wenn Fischer selber betont, dass bei solchen Sendungen immer der Produzent oder die Produzentin der Chef sei, so sieht das Sabine Schweizer anders. «Paul war ganz klar der Chef am Set. Und das, ohne sich als Chef aufzuspielen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er je einmal laut geworden ist, obwohl es manchmal sehr chaotisch zu und her geht.»

Anstossen nur im kleinen Kreis

Paul Fischer habe einen besonderen Status im Schweizer Fernsehen, obwohl er schon länger selbstständig arbeitet und kein Angestellter mehr ist. Er habe die ganze Entwicklung miterlebt, von der einfachsten Ausstattung bis hin zur Digitalisierung. Darum habe das Fernsehen immer wieder auf sein Können zurückgegriffen. Und er sei ein Vollprofi, auch in seiner letzten Arbeitswoche sei er gewohnt konzentriert an der Arbeit. «Er freut sich ganz offensichtlich auf den Ruhestand, den wir ihm alle gönnen. Gleichzeitig ist er froh, kann er dieses Projekt noch abschliessen, nachdem die Sendung im März abgesetzt werden musste. So kann er sich noch von allen verabschieden», berichtet die Produzentin. Dass dies ohne grosse Feier passieren muss, sei schade, aber lasse sich eben nicht ändern. «Wir werden sicher im kleinen Rahmen noch mit ihm anstossen», macht Schweizer deutlich. --chh

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