Den Horizont immer erweitern
09.04.2024 Boswil, Region OberfreiamtMantas statt Finanzen
Jakob Dolders Auszeit in Indonesien nach 14 Jahren im Boswiler Gemeinderat
Vor einem Jahr kam eine Netzhautablösung dazwischen. Jetzt verreiste Jakob Dolder für drei Monate nach Indonesien.
...Mantas statt Finanzen
Jakob Dolders Auszeit in Indonesien nach 14 Jahren im Boswiler Gemeinderat
Vor einem Jahr kam eine Netzhautablösung dazwischen. Jetzt verreiste Jakob Dolder für drei Monate nach Indonesien.
Annemarie Keusch
Die Paradiesvögel sehen. Dieser Traum stand am Anfang. Dass er die Ferien mit Freiwilligenarbeit verbindet, war für Jakob Dolder schnell klar. «Sich freiwillig engagieren, das ist überall auf der Welt sinnvoll», sagt er. Im Gebiet Raja Ampat, das für alle Taucher eine Traumdestination ist, half er beim Schutz des Riffs und dabei, Mantas zu zählen. «Bis vor rund zehn Jahren war hier die Dynamit-Fischerei stark verbreitet, entsprechende Spuren sind noch heute stark zu sehen.» Kreisrunde Löcher, in denen es höchstens noch kleine, tote Teile einst bunter Korallen gibt. Dolder half in der Korallen-Krankenstation mit. Aus kleinen, lebendigen Stücken werden dort quasi Setzlinge gezogen, die später wieder ins Riff gepflanzt werden. «Es machte grossen Spass, diese Entwicklung zu sehen, dieses Wachstum. So geht es wohl jedem Gärtner», meint Dolder und lacht. Auch wenn er wisse, dass das nur ein Tropfen auf den heissen Stein sei. «200 Pflanzen respektive Tiere auf eine Fläche von einem Quadratkilometer. Das ist quasi nichts. Aber immerhin.»
Zudem half er einem ausgewanderten Schweizer, der auf der benachbarten Insel eine Schule führt. «Manchmal war es ganz schön, eine Insel weiterzukommen», sagt er und lacht. Rund einen Kilometer lang und 300 Meter breit sei jene gewesen, auf der er zwei Monate lang lebte.
Die Reise ging los, kurz nachdem Dolder nach 14 Jahren aus dem Boswiler Gemeinderat verabschiedet wurde. «Diese Zeit ist gefühlt schon sehr weit weg», sagt er. Trotzdem blickt er zurück und verfolgte auch von der fernen Region Raja Ampat im Westen Indonesiens, wie das Boswiler Stimmvolk über Tempo 30 debattierte.
14 Jahre lang engagierte sich Jakob Dolder im Boswiler Gemeinderat – nun in Raja Ampat
Kaum war er als Gemeinderat verabschiedet, zog es ihn weg. Die letzten drei Monate verbrachte Jakob Dolder in Indonesien. Neben zwei Monaten Freiwilligenarbeit genoss er auch das Reisen. «Die Zeit als Gemeinderat ist weit weg.» Und trotzdem, das Referendum um Tempo 30 verfolgte er auch aus weiter Entfernung mit.
Annemarie Keusch
Es sind eindrückliche Bilder, die Jakob Dolder auf seinem Laptop zeigt. Bilder von kleinen Häuschen, die auf Pfählen ins Meer gebaut wurden. Die Sonne, die dahinter untergeht und die ganze Szenerie in ein kitschiges Licht wirft. Das nächste Bild zeigt ihn und andere Freiwillige im Einsatz. Sie tragen Handschuhe und haben grosse schwarze Abfallsäcke bei sich. «Jedes Mal waren diese am Schluss der Aktion gefüllt», sagt Dolder. Darin sammeln sie das, was die Wellen in den letzten Tagen an den Strand spülten. Aber auch das, was die Einheimischen dort entsorgten. Dolder formuliert es diplomatisch. «Das Umweltbewusstsein der Einheimischen ist nicht besonders ausgeprägt.» Es sind zwei Momentaufnahmen, die sinnbildlich dafür stehen, was Jakob Dolder in den letzten drei Monaten erlebt hat. «Lust und Frust in einem», fasst er zusammen.
Es ist Ende November, als Dolder nach 14 Jahren im Boswiler Gemeinderat verabschiedet wird. Es sind so viele Leute an der «Gmeind» wie kaum je zuvor. Die traktandierte flächendeckende Einführung von Tempo 30 mobilisiert. Der Applaus für Dolder war gross. «Das ist schon ziemlich weit weg», sagt der Boswiler. Und trotzdem, auch aus der Region Raja Ampat, im Westen Indonesiens, verfolgte er mit, was weiter passierte. Referendum, Abstimmung, Nein zu Tempo 30. «Es ist das erste Referendum in meiner Amtsperiode, natürlich interessierte mich das», sagt er und lacht. Und auch die Zahlen der Jahresrechnung las er nach. Schliesslich betreute er 14 Jahre lang die Finanzen der Gemeinde.
Überraschte vor allem ihn selber
Dolder zog mit seiner Familie 2005 nach Boswil, 2009 wurde er von der damaligen CVP-Ortspartei für den Gemeinderat angefragt. «Drei Tage und Nächte habe ich überlegt, dann zugesagt», sagt er. Er sah das Amt als Chance, sich so richtig im Dorf zu etablieren, Kontakte zu knüpfen. Dass er gewählt würde, bezweifelte er aber, schliesslich gab es mehr Kandidierende als Sitze. «Die Überraschung war wohl für mich selbst am grössten.» Dass er seither das Ressort Finanzen betreute, war aus seiner Sicht naheliegend. «Weil ich nicht im Dorf arbeitete und mir für einige andere Ressorts auch die Fähigkeiten gefehlt hätten, war das ideal für mich.»
Er blicke auf lauter schöne Jahre im Gemeinderat zurück. «Wir haben im Gremium nicht einmal gestritten. Die Diskussionskultur war super, über alle Parteigrenzen hinweg.» Auch dass er mit einer Ausnahme nur Senkungen des Steuerfusses beantragen konnte, sei schön gewesen. Aber angesprochen auf die finanzielle Zukunft der Gemeinde sagt er: «Es scheint mir wichtig, die Frage zu beantworten, was Aufgabe der Gemeinde und somit der Steuerzahler ist und was nicht.» Konkret spricht er beispielsweise das angedachte Turnhallenprojekt an. «Andere Hobbysportler müssen ihre Infrastruktur selber zahlen.» Dolder spielt Golf, bringt das als Beispiel. «Ich sage nicht, dass die Gemeinde keine neue Turnhalle bauen soll. Wir wissen jedoch nicht, wie die Schülerentwicklung in den nächsten 30 bis 40 Jahren sein wird, noch wissen wir, ob der Mitgliederschwund in den Vereinen gestoppt werden kann. Das Stimmvolk wird entscheiden und das ist auch gut so.»
Zwei Jahre länger als geplant
Nach dreieinhalb Amtsperioden zog Jakob Dolder Ende Jahr einen Schlussstrich unter sein Engagement in der Behörde. «Eigentlich waren nur drei Amtsperioden vorgesehen», sagt er. Dass er zwei Jahre länger blieb, habe mehrere Gründe. «Einerseits macht es für möglichst viel Kontinuität Sinn, wenn Abgänge gestaffelt stattfinden. Andererseits hätte ich geplant, nach der Fusion mit Bünzen und den damit verbundenen Neuwahlen nicht mehr anzutreten.» Es kam anders, die Fusionsbemühungen zwischen Boswil und Bünzen sind Geschichte. Ist das seine grösste Niederlage als Gemeinderat? «Nein. Es gibt für einen Gemeinderat keine Niederlagen, ausser er oder sie versteht seine oder ihre Aufgaben falsch.» Es gehe darum, den Volkswillen umzusetzen. Das aufs politische Parkett zu bringen, was der Gemeinderat denke, dass das Volk wolle. «Wenn dem nicht so ist, dann ist das doch keine Niederlage.» Er blicke auf schöne Zeiten im Gemeinderat zurück. «Ich habe dadurch das Dorf, das zu meinem Lebensmittelpunkt wurde, viel besser kennengelernt.»
Und eben, Dolder weiss einzuordnen. Er absolvierte vor zwei Jahren eine Ausbildung zum «Nature Guide» in Südafrika und er hat zwei Monate auf einer kleinen Insel Indonesiens hinter sich. Ohne jeglichen Komfort. «Ja, darauf habe ich mich vorbereitet, aber die hygienischen Verhältnisse und die einseitige Ernährung haben mich schon überrascht.» Einmal pro Woche fuhr ein Schiff eineinhalb Stunden, um Lebensmittel zu holen. Auf der Insel wuchsen nur Jackfrucht und Kokospalmen. «Früchte waren nach wenigen Tagen faul, überhaupt alles. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit fingen Baumwollkleider an zu schimmeln.»
Schafft Verständnis
Dolder spricht von wunderschönen Momenten. Dann, wenn er am Bootssteg stand und die Mantas ganz nah an ihm vorbeischwammen. Aber er kennt auch die Probleme hinter der schönen Fassade. Die Ambivalenzen, etwa des Tourismus. «Natürlich will das Land, dass die Touristen kommen. Gleichzeitig verfügt es über keinerlei Kläranlagen. Mehr Leute heisst mehr Abwasser, mehr Nährstoffe im Meer und das ist für ganz viele der dortigen Lebewesen schwierig.» Das Vielschichtige, das Ganzheitliche, das interessiere ihn. «Das bringt einen auch davon ab, vorschnell zu urteilen, sondern fördert das Verständnis.» Überhaupt sei er überzeugt, dass es das gegenseitige Verständnis fördere, wenn Menschen andere Kulturen kennenlernen. «Das hilft auf ganz vielen Ebenen, auch auf lokalpolitischer.»
Pensioniert, keine Verpflichtungen als Gemeinderat mehr. Wie geht es für Jakob Dolder weiter? «Ich mag den Boswiler Winter noch immer nicht. Vermutlich wird es mich nächsten Winter wieder nach Afrika ziehen.» Wenn immer möglich wieder auf abenteuerliche Art und verbunden mit Freiwilligenarbeit. «Ich will meinen Horizont noch mehr erweitern.» Und obwohl er die Paradiesvögel gesehen hat und sich damit einen grossen Traum erfüllte, stehen noch weitere seltene Tierarten auf seiner Bucket-List: die Erdferkel und die Tannenzapfentiere – beide in Afrika. «Und Schnorcheln mit Walen in Französisch-Polynesien.»