Der verschollene Wohler

Di, 13. Apr. 2021
Wie in einem neuen Glanz: Die Mühle in Seon ist renoviert, nachdem sie von einem Wohler, der verschollen ist, ziemlich heruntergewirtschaftet worden war. Bilder: pd

Das Buch «Eine Mühle erzählt» handelt auch vom ehemaligen Besitzer Walter Muntwyler aus Wohlen

Die Mühle in Seon ist rund 700 Jahre alt und ihre Geschichte, die mit einem Mord beginnt, hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Mühle hat eine ereignisreiche Geschichte. Sie gehörte einst einem Wohler, der dann spurlos verschwunden ist. Nun wurde alles von der aktuellen Besitzerfamilie in einem Buch festgehalten.

Daniel Marti

«Eine Mühle erzählt.» So lautet der Titel des Buches über die Mühle in Seon. Ein spannendes Werk ist entstanden. Dabei spielt Wohlen eine wesentliche Rolle. Ausgerechnet ein Wohler, der verschollen ist, war ab 1967 der Besitzer. Besagter Walter Muntwyler hinterliess auch in seiner Heimat seine Spuren. Oder eben eine grosse Ungewissheit. Sein Elternhaus an der Niederwilerstrasse brannte im April 2002 ab – von da an fehlte von ihm auch in Wohlen jede Spur (siehe Kasten). Und das trotz Besitz einer grossen Baulandfläche. Eine dubiose Geschichte bis heute. Sowohl in Seon wie auch in Wohlen.

Am Anfang war ein Mord

Zurück zur Mühle in Seon. Die jetzige Besitzerin Bernadette Zemp hat die Geschichte rund um das Bauwerk recherchiert und aufgeschrieben. «Die Geschichte beginnt mit dem blutigen Königsmord von König Albrecht I, der sich 1308 auf dem Hochplateau in Windisch zugetragen hat. Daraufhin liess die Witwe gemeinsam mit einer Tochter das Kloster Königsfelden erbauen. Die Aufgabe des Doppelklosters bestand darin, für den toten Kö- nig und die Familie Habsburg zu beten, um den Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen und den Eintritt ins Paradies zu ermöglichen. Die Mühle in Seon wurde erstmals 1331 im Umfeld des Klosters Königsfelden genannt», so steht es in der Medienmitteilung zum kürzlich erschienenen Buch.

Weiter: Die Müller gehörten bis zum Ende des 16. Jahrhunderts zur bäuerlichen Oberschicht und zählten oft zu den reichsten Menschen im Dorf, weshalb sie auch politisch sehr einflussreich waren. Und dies, obwohl die Müller im Mittelalter lange als «ehrlos und betrügerisch» galten.

Die Mühle als Prestigeobjekt und Arbeitsplatz

Im 17. Jahrhundert kam die Mühle in Seon in den Besitz von wohlhabenden, adligen Familien wie zum Beispiel der Familie Kasthofer, Besitzer Schloss Trostburg in Teufenthal, oder der Familie Graviseth, Besitzer Schloss Liebegg in Gränichen. Ab dem 19. Jahrhundert übernahmen die beiden Müllerdynastien Urech und Merz die Mühle. Familie Urech legte den Grundstein zur Industrialisierung in Seon, indem sie zusätzlich noch eine Baumwollspinnerei baute. Familie Merz durfte Bundesgetreide mahlen, das der Bund für Krisenfälle herstellen und lagern liess.

Mit dem technologischen Fortschritt konnte dann die Mühle in Seon nicht mehr mithalten und so stand ab 1963 das Mühlenrad still und die angeschlossene Bäckerei nebenan löschte 1973 die letzten Lichter. In dieser Phase kommt der Wohler Walter Muntwyler ins Spiel. Er kaufte die Liegenschaft am 6. September 1967 und hauchte der Mühle wieder Leben ein.

Muntwyler, der vorletzte Besitzer, wollte die Mühle komplett renovieren und ausbauen. «Leider kam es nie so weit – er hat alles hingeschmissen und gilt bis heute als verschollen», heisst es im Buch. Das abrupte Verschwinden von Muntwyler hat Spuren hinterlassen. Kessel mit angerührtem Pflaster, Bauschutt, Schrott und Dreck sowie überstellte Räume mit Müll beherrschten die einst prächtigen und historischen Räume.

Der Ära Muntwyler ist im Buch «Eine Mühle erzählt» ein Kapitel gewidmet. Walter Muntwyler stammte, so hiess es in Seon, aus einer reichen Familie aus Wohlen. «Er war ein Einzelgänger und ein leidenschaftlicher Sammler.» Er restaurierte «mit viel Fachwissen und Liebe zum Detail» Kachelöfen. Darum streifte er mit seiner dritten Frau durch Flohmärkte im In- und Ausland, um die passenden Kacheln für seine Öfen zu finden.

Muntwyler hatte eine klare Vorstellung von der Zukunft der alten Mühle. Er wollte sie komplett renovieren und so ausbauen, dass wieder Menschen in ihr wohnen konnten. Es entstanden eine Sechszimmerwohnung, eine Vierzimmerwohnung und eine Einzimmerwohnung.

Muntwyler hinterliess Aktenberg  voller unbezahlter Rechnungen

Er habe aber auch viele Räume «kaputtrenoviert», heisst es im Buch. Zu viele Laien hätten an den alten Gemäuern gearbeitet. «Hinzu kam, dass er nicht gerne Rechnungen bezahlte.» Streit mit den lokalen Handwerkern war programmiert. «Das waren ungewisse Zeiten», schreibt die Autorin. «Die vielen Streitereien, die wegen Walter Muntwyler vom Zaun brachen, belasteten alle Involvierten zunehmend.

Und dann, es war um das Jahr 2002, wurde es von einem Tag auf den anderen still in den Räumen der Mühle.» Der Mann aus Wohlen hat während der Umbauarbeiten alles hingeschmissen. «Er ist bis heute verschollen.» Auch in Wohlen verlor sich jede Spur. Kein Zeichen. Auch die Behörden konnten ihn nicht ausfindig machen.

Dieses abrupte Verschwinden habe in der Mühle Spuren hinterlassen, so die Autorin weiter. In einem Mühlesaal stand noch ein Kessel mit angerührtem Pflaster. Bauschutt und Schrott. Erst etwa zehn Jahre später bei Renovationsarbeiten kam ein «riesiger Aktenberg voller unbezahlter Rechnungen» zum Vorschein. «Zum Glück», schreibt die Buchautorin, «konnten wir die mit gutem Gewissen entsorgen.» Walter Muntwyler blieb der mysteriös Verschollene. Dies blieb bis heute so.

Die Mühle erhält neuen Glanz

André und Bernadette Zemp, sie bezeichnen sich als Entrümpler und Erneuerer, kauften dann die geschichtsträchtige Mühle Seon. Auch sie mussten den Weg über Wohlen machen. Nach dem Verschwinden von Walter Muntwyler wurde eine finanzielle Vormundschaft eingerichtet. Ab diesem Zeitpunkt war die Vormundschaftsbehörde in Wohlen für die Mühle Seon zuständig. Im Jahr 2013 hat das neue Besitzerpaar die Mühle, die zehn Jahre leer stand, komplett renoviert und ihr zu neuem Glanz verholfen. So sind noch heute Wandgemälde aus dem 18. Jahrhundert zu bestaunen. Im November 2015 konnte die Mühle wieder eingeweiht werden. Seit diesem Tag werden in den Eventräumen oft Hochzeiten oder Familienfeste gefeiert. Auf der lauschigen Insel mit dem romantischen Klostergarten leben Menschen in den sorgsam restaurierten Wohnungen. In der Mühlescheune wird zu besonderen Anlässen mit einer hundertjährigen Ölmühle Nussöl gepresst. Auch befindet sich in der Mühlescheune eine grosse, vielseitige Topfausstellung. Töpfe zur Veredelung von Gärten, Terrassen, Büros, Hotels, Spitälern.

Eine neue Ära

Die Geschichte der Mühle wird im Buch ergänzt mit historischen Erklärungen und Begrifflichkeiten. Auch gibt es einige Gedanken zum Thema «Haben Gebäude eine Seele?».

Und das Buch wird abgeschlossen mit Gedichten, Liedern und Märchen über das Mühlewesen. Bernadette und André Zemp konnten die Geschichte rund um den verschollenen Walter Muntwyler aus Wohlen letztlich gut meistern. Nach dem Kapitel Muntwyler folgte für die Mühle ein Neuanfang. «So nahm eine neue, vielversprechende Ära ihren Lauf», schreibt Buchautorin Bernadette Zemp.

«Eine Mühle erzählt». 112 Seiten mit historischen und aktuellen Bildern. Informationen und Kontakt: Bernadette Zemp – Mühlerama Seon AG, Unterdorfstrasse 50a, 5703 Seon. – bernadette. zemp@muehlerama-seon.ch.


Ein Brand, zwei Versteigerungen

Der Brand des alten Bauernhauses Muntwyler an der Niederwilerstrasse ereignete sich am 20. April 2002. Das Bauernhaus war leer und niemand ist zu Schaden gekommen. Aber von Besitzer Walter Muntwyler gab es keine einzige Spur.

Muntwyler steckte angeblich schon lange in finanziellen Schwierigkeiten. Deshalb wurden am 11. April 2002 die beiden Mehrfamilienhäuser unterhalb des Bauernhauses, die in seinem Besitz waren, versteigert. Bei der Versteigerung war die Polizei anwesend, weil man befürchtete, dass Muntwyler bei der Versteigerung auftauchen könnte.

Ein knappes Jahr später kam es zu einer zweiten Versteigerung. Am 2. Mai 2003 ging es um das Land hinter der Bauruine, das ebenfalls Walter Muntwyler gehörte. Mit dem Erlös von über 2 Millionen Franken konnten alle seine Schulden, auch jene in Seon, getilgt werden. Es blieben sogar 700 000 Franken übrig. --dm

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