«Diese Bahn verzeiht wenig»
13.02.2026 Bob, SportOlympische Spiele: Die Freiämterin Melanie Hasler kurz vor ihrem ersten Einsatz in Cortina d’Ampezzo
Vier Jahre Vorbereitung und jetzt ist Tag X da. Am Sonntag und Montag bestreitet Melanie Hasler (27) aus Berikon vier Läufe im Monobob-Wettkampf an den ...
Olympische Spiele: Die Freiämterin Melanie Hasler kurz vor ihrem ersten Einsatz in Cortina d’Ampezzo
Vier Jahre Vorbereitung und jetzt ist Tag X da. Am Sonntag und Montag bestreitet Melanie Hasler (27) aus Berikon vier Läufe im Monobob-Wettkampf an den Olympischen Spielen. «Alles ist möglich», sagt sie.
Stefan Sprenger
Montagabend. Zirka 22 Uhr. Sie werden im 4. Lauf den Monobob ein letztes Mal ins Ziel des Olympia-Eiskanals fahren. Was visualisieren Sie für diesen Moment?
Melanie Hasler: Ganz viel (lacht). Ich stelle mir viele möglichen Szenarien in meinem Kopf vor. Vom Medaillengewinn und ausgelassenen Jubel bis hin zur Vorstellung, dass es nicht so gut gelaufen ist.
Die Bahn sei unberechenbar. Ein Vorteil für Sie?
Ja und nein (lacht). Es ist alles möglich. Eine Medaille, eine Top-10-Platzierung – aber auch weniger. Diese Bahn verzeiht wenig. Ein Fehler und man verliert viel Zeit. Es muss während vier Läufen alles konstant gut passen, das macht es sehr schwierig. Aber alle haben die gleichen Voraussetzungen. Wichtig ist mir jetzt vor allem eine gute Vorbereitung.
In Cortina übernachten die Sportler im Athletendorf in Containern. Sie konnten das schon ausprobieren. Wie war es?
Ich war sehr skeptisch, als ich diese Wohncontainer gesehen habe. Aber ich bin positiv überrascht worden. Es erinnert ein wenig an ein Camp in der Natur, es ist cool gemacht. Es ist kein 5-Sterne-Hotel mit riesigem Komfort, aber es ist sehr akzeptabel.
Sie haben auf die Eröffnungszeremonie verzichtet und sind nochmals nach Innsbruck gegangen, um dort auf der Bobbahn zu trainieren. Ein guter Entscheid im Nachhinein?
Ja, ich war megafroh, dass ich nochmals abschalten konnte. Ich war letzte Woche in Cortina d’Ampezzo, konnte Olympia-Luft schnuppern. Aber wenn ich eine Woche lang an diesem Ort auf meinen Einsatz hätte warten müssen, wäre das wohl kontraproduktiv gewesen. Hier in Innsbruck haben wir Ruhe, die Infrastruktur ist top, wir haben ein komfortables Zimmer, gutes Essen, ich konnte viel schlafen und Energie tanken. Viele Bob-Nationen sind aktuell nicht in Cortina. Und wir Schweizer haben uns nach Innsbruck zurückgezogen. Ich glaube, das war richtig.
Die Olympia-Eröffnungsshow am TV anzusehen, war sicherlich emotional. Oder?
Es hat ein bisschen wehgetan, die Athletinnen und Athleten beim Einmarsch im Fernsehen zu verfolgen. Im riesigen Stadion in Mailand, eine geniale Atmosphäre mit den olympischen Ringen im Hintergrund, dazu der Auftritt von Andrea Bocelli, der mir sehr gefällt. Es sind Dinge, die man sich nicht kaufen kann. Ich hatte selbst vor dem Fernseher Gänsehaut. Ich wäre gern dabei gewesen, aber der Entscheid, dass sich die Bob-Nation Schweiz hier nach Innsbruck zurückzieht, war gut. Ich konnte mich ja darauf vorbereiten und wusste schon seit einem halben Jahr, dass ich die Eröffnung verpassen würde. Es ist also okay, dennoch schwingt ein bisschen Wehmut mit.
Wie trainierten Sie in Innsbruck in dieser Woche?
Es sind lockere Trainingseinheiten. Es ist nichts Heftiges, mehr ein Aktivieren, um die Spannung zu erhalten.
Am Sonntag und Montag sind die Monobob-Wettkämpfe. Eine Woche später folgen die Zweierbob-Rennen. Sie haben vier Jahre auf Olympia gewartet. Wie fühlen Sie sich kurz vor Tag X?
Vorfreude. Jeden Tag ein wenig mehr. Hier schauen wir den ganzen Tag auf drei Bildschirmen die Olympia-Wettkämpfe und fiebern mit. Wenn jemand eine Medaille holt, dann fühle ich mit. Ich freue mich gerade riesig, dass es endlich losgeht. Ich will anfangen. Ich bin bereit. So lange zu warten, tut nicht gut (lacht).
An den Olympischen Spielen 2022 in Peking hatten Sie kaum Support aus der Heimat vor Ort. Einerseits wegen des Weges, andererseits wegen der Massnahmen aufgrund der Coronapandemie. Wie sieht es jetzt in Cortina d’Ampezzo aus?
Meine Familie ist da, dazu einige Freundinnen, das freut mich enorm. So, wie ich hörte, war es aufgrund der hohen Preise nicht einfach, eine geeignete Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Aber ich finde es megatoll, dass meine liebsten Menschen diesen Aufwand auf sich nehmen, um mich zu unterstützen. Ich schätze das enorm. Und ich freue mich auf eine grossartige Stimmung vor Ort.
Ihr Freund Michael Vogt startet ebenfalls an den Bob-Wettkämpfen. Was trauen Sie ihm zu?
Ich traue Michi eine Medaille zu. Auch bei ihm muss vieles zusammenpassen.
Wenn Ihnen das auch gelingt, wäre die Freude umso grösser.
Eine Medaille als Paar, das wäre natürlich eine richtig tolle Sache. Wir werden sehen (lacht).
Noch zwei Tage bis zu Ihrem Einsatz. Was ist jetzt noch wichtig?
Ich gehe die Bahn im Kopf durch, stelle mir einen Plan zusammen. Besonders mental versuche ich, mich bestmöglich vorzubereiten. Und ich visualisiere immer mehr, wie sich dann der Zieleinlauf am Montagabend anfühlt. Und bislang passt mein Gefühl (lacht). Und jetzt soll es endlich losgehen.
Der Monobob-Wettkampf
Der Monobob der Frauen, seit 2022 olympisch, ist eine Disziplin, in der Athletinnen in identischen Bobs antreten, was den Fokus auf fahrerisches Können legt. Da alle das gleiche Sportgerät nutzen, sind technische Präzision und der Start entscheidend. Die Freiämterin Melanie Hasler gilt als Medaillenanwärterin. Die vier Olympia-Läufe im Monobob auf der neuen Bobbahn in Cortina d’Ampezzo (Kostenpunkt: über 120 Millionen Euro) finden an diesem Sonntag (Startzeiten: 10 Uhr und 11.50 Uhr) und Montag (19 Uhr und 21 Uhr) statt. Hasler wird ebenso im Zweierbob starten (am Freitag und Samstag in einer Woche), wo ihre Medaillenchancen allerdings geringer sind. --red


