Drei Punkte Vorsprung

Di, 01. Dez. 2020
Christian Zemp machte mit Daniel Häfliger kurzen Prozess und holt einen wichtigen Schultersieg. Bilder: Andy Müller

Die Ringerstaffel Freiamt ist auf dem Weg zur Revanche. Im ersten Geister-Final der Ringergeschichte bezwingen die Freiämter Willisau mit 18:15. In den unteren Gewichtsklassen zeigt die Mannschaft von Trainer Marcel Leutert ihre grosse Klasse. Für die Luzerner gibt es nur in den oberen Klassen etwas zu holen. Die drei Punkte Vorsprung sind vor dem zweiten und entscheidenden Kampf am Samstag in Willisau wichtig. --spr


Kleiner grosser Vorsprung

Nationalliga A: RS Freiamt gewinnt den ersten Geisterfinal gegen RC Willisau mit 18:15 (11:7)

Vier «zu null»-Siege bringen den 18:15-Sieg. Vor dem entscheidenden zweiten Kampf sind die Freiämter Ringer leicht im Vorteil. Der ringerisch hochstehende Final gegen Willisau sorgte trotz Geisterstimmung für Emotionen. Geschätzt schauten 1500 Menschen per Livestream zu.

Stefan Sprenger

«Hey! Was soll das?» Immer und immer wieder schreit der Willisauer Greco-Trainer Philipp Rohrer seinen Unmut über die Schiedsrichter Richtung Ringermatte. Weil keine Zuschauer anwesend sind und die Stimmung adventlich-ruhig ist, fühlen sich die Zwischenrufe des Willisauers ein wenig wie Nadelstiche an. Jedes Wort ist deutlich hörbar. Der 35-jährige Doktorand in Philosophie und Germanistik ist mit viel Emotionen und totalem Ringerherz dabei.

«Kann jemand Fredy stummschalten?»

Die Stimmung in der Murianer Bachmattenhalle ist aber keines NLA-Finals würdig. Kein Vergleich zum Vorjahr, als Tausende Fans die beiden besten Ringerteams der Schweiz im Hexenkessel in Muri oder Willisau zu Höchstleistungen pushten. Die Coronarealität 2020 sieht anders aus. 471 Klicks gibt es auf den Livestream des Finals im Internet. RS-Freiamt-Präsident Nicola Küng rechnet vor: «Vor jedem Bildschirm sind wohl mehrere Ringerfans gesessen. Das heisst, es waren wohl rund 1500 Zuschauer dabei.»

Jetzt eben einfach vor ihren Bildschirmen zu Hause in der warmen Stube. So werden die sportlich-aufgeheizten Wortgefechte, die einfach dazugehören, eben per Kommentar im Internet ausgeteilt. Kleines Beispiel: Fredy – offensichtlich ein Willisau-Fan, kommentiert: «Kennt der Schiedsrichter auch den Unterschied zwischen Greco und Freistil? Es ist ein geschenkter Sieg der Schiedsrichter.» Gleich danach folgt die Forderung eines weiteren Livestream-Zuschauers: «Kann jemand Fredy stummschalten?» Der Verband schreitet ein und meint: «Jeder darf hier seine Meinung äussern, solange er sich an Regeln hält.» Es sind Auseinandersetzungen in Zeiten des Coronavirus und von Geisterkämpfen.

Auf der Matte versuchen die Ringer sich mental nichts anmerken zu lassen. Der Freiämter Nils Leutert tritt gegen Ueli Rölli zum ersten Duell an. Rölli kam durch die Verletzung von Florian Bissig zu seinem NLA-Debüt. Es ist eine Premiere zum Vergessen für den jungen Willisauer. Nils Leutert macht kurzen Prozess. Nach 59 Sekunden steht es 16:0. Leutert gewinnt durch technische Überlegenheit. 4:0 Mannschaftspunkte. Ein astreiner Start. «Ich bin sehr zufrieden», sagt Leutert und fügt an: «Ich hatte eigentlich mit einem anderen Gegner gerechnet.» Leutert dachte, Timon Zeder ist sein Gegner. Doch dieser trat gegen seinen Zwillingsbruder im Duell 61 kg Greco an. Nino Leutert hat gegen Timon Zeder auch keine Mühe. Das 10:0 gibt 3:0 Mannschaftspunkte.

Reichmuth hält Ayshkanov in Schach

Mühe bekundete Roman Zurfluh im Duell gegen Delian Alishahi. Der Freiämter wird im Gigantenduell (130 kg Greco) zerzaust vom 20 Kilogramm schwereren Bulgaren. 0:16. Technische Überlegenheit. Willisau holt 0:4 Mannschaftspunkte.

Ringerisch war der spannendste Kampf jener vom Freiamt-Russen Magomed Ayshkanov gegen den baldigen Olympioniken Stefan Reichmuth. Im Duell um 97 kg Freistil versucht Ayshkanov dagegenzuhalten. Doch «Stifi» Reichmuth ist enorm souverän. Der Willisauer sagt: «Es war ein abgeklärter Kampf von mir. Leider musste ich eine Wertung abgeben. Mein Ziel war eigentlich, zu null zu ringen.» So gewinnt Reichmuth «nur» mit 1:6 und holt 1:3 Mannschaftspunkte.

Im letzten Duell (65 kg Freistil) vor der Halbzeit zeigt Michi Bucher gegen Lukas Bossert sein grosses Kämpferherz. Es war eine zähe Angelegenheit. Doch Bucher ringt Bossert mit 5:0 nieder und holt drei Mannschaftspunkte. 11:7 führen die Freiämter.

Auch nach der Pause legen die Freiämter sackstark los. Freiamts Christian Zemp schultert Daniel Häfliger (86 kg Greco). Allerdings war der Bein-Einsatz von Zemp umstritten. Der 20-jährige Überflieger sagt cool: «Es ist gut gelaufen. Ich konnte die maximale Punktzahl holen. Gegen diesen Gegner musste ich hoch gewinnen. Schön, hat das geklappt.»

Strebel: «Chance genutzt»

Der Freiämter Höhenflug geht weiter. Olympionike Pascal Strebel tritt im Duell 70 kg Greco gegen den in dieser Saison noch ungeschlagenen Michael Portmann an. Strebel kassiert zuerst wegen Passivität einen Strafpunkt und zeigt dann seine ganze Klasse. «Ich wusste, dass Michael Portmann ein engagierter Athlet im Stand und am Boden ist. Aber weil er nichts Zwingendes zustande brachte, kriegte ich die Chance im Bodenkampf und konnte sie nutzen.» Strebel gewinnt 5:1 und holt 2:1 Mannschaftspunkte. Nach sieben Kämpfen führen die Freiämter mit 17:8.

Nun beginnt die Willisauer Aufholjagd. Marc Weber schwitzte sich hinunter auf 80 kg. Sein Gegner im Freistil war der Ungare Gergely Gyurits. In einem harten Fight holt Weber 20 Sekunden vor dem Ende die ersten, wichtigen Punkte. Die 2:5-Pleite bringt den Luzernern so «nur» 1:2 Mannschaftspunkte.

Randy Vock trat bis 75 kg Freistil gegen Tobias Portmann an. Der körperliche Nachteil von Vock führt zum 0:4-Sieg des Willisauers, was ihnen 0:2 Mannschaftspunkte einbringt.

Vor dem letzten Duell steht es 18:12 für die Freiämter. Der 47-jährige Ukrainer Andrey Malzew tritt gegen Jonas Bossert (75 kg Greco) an. Malzew zeigt seine Routine und Bossert seine grosse Klasse. 0:5 gewinnt der Willisauer und sorgt mit den drei gewonnenen Mannschaftspunkten für das 18:15-Endresultat.

Was bedeutet das für den entscheidenden, zweiten Finalkampf am nächsten Samstag (19 Uhr) in Willisau? Freiamts Christian Zemp sagt: «Schön, dass wir gewonnen haben. Wir müssen aber konzentriert bleiben. Drei Punkte ist ein kleiner Vorsprung. Am Samstag müssen wir nochmals alles geben, damit es am Ende hoffentlich zum Titel reicht.»

Vorteil dank Schultersieg

Teamcaptain Pascal Strebel: «Es fängt wieder bei null an. Aber die drei Punkte Vorsprung können am Ende entscheidend sein.» Mit dem Schultersieg von Zemp haben die Freiämter ein weiteres Ass im Ärmel. Bei Gleichstand am Ende des zweiten Kampfes zählt zuerst die Anzahl Einzelsiege (momentan 5 zu 5) und danach die Anzahl Schultersiege. So könnte dieser Sieg von Zemp am Ende das Zünglein an der Waage spielen zugunsten der Freiämter.

Die Ringerstaffel Freiamt hat drei Punkte Vorsprung. Sogar Willisau-Fan Fredy zeigt sich nach dem Kampf schliesslich als fairer Ringerfan und kommentiert im Livestream: «Gratuliere Freiamt zum ersten Kampf.» Die drei Punkte sind wenig, könnten am Ende aber doch den Unterschied machen und ganz viel wert sein.

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