Ein trauriges Freiämter Kapitel
23.01.2026 Waltenschwil, Region OberfreiamtAlles andere als Sagen
Spezielle Führung am Sagenweg Waltenschwil
Sie griffen des Glaubens wegen zu den Waffen. Die Reformationskriege gipfelten in der blutigsten Auseinandersetzung in der Geschichte: dem Zweiten Villmergerkrieg. «Das sind ...
Alles andere als Sagen
Spezielle Führung am Sagenweg Waltenschwil
Sie griffen des Glaubens wegen zu den Waffen. Die Reformationskriege gipfelten in der blutigsten Auseinandersetzung in der Geschichte: dem Zweiten Villmergerkrieg. «Das sind Fakten, keine Sagen», betonte Historiker Josef Kunz an der speziellen Winterführung auf dem Sagenweg in Waltenschwil. Mit den Interessierten tauchte er ein in eines der traurigsten Kapitel der Freiämter Geschichte. --ake
Am Sagenweg Waltenschwil nahm Historiker Josef Kunz das Publikum mit auf eine Zeitreise
Dass man des Glaubens wegen mit Waffen aufeinander losgeht. Was in anderen Teilen der Welt traurige Realität ist, ist in der Schweiz kaum vorstellbar. Doch blickt man gut 300 Jahre zurück, war dies ganz anders. Die Villmergerkriege sind blutige Beispiele.
Annemarie Keusch
Reformierte gegen Katholiken. So einfach liesse es sich zusammenfasse. So einfach war es aber nicht. Das führte Historiker Josef Kunz auf einer speziellen Führung durch den Sagenweg eindrücklich aus. «Mit Chrüüz und Fahne» lautete der Titel des Anlasses – gleich also wie das Theater, das 2012 in Hilfikon aufgeführt wurde. Genau 300 Jahre nach dem Zweiten Villmergerkrieg. «Eigentlich passen solche historischen Erzählungen nicht zu Sagen», betonte Josef Kunz. Während Sagen oft Legenden enthalten, spricht Kunz von Fakten. «Von traurigen, harten Fakten.» Aber auch von Momenten der Versöhnung, wie sie der Brunnen im Zentrum Villmergens mit den zwei Händen verkörpert. Auch wenn der Satz «das walte Gott» bei der Einweihung 1959 für Diskussionen sorgte.
Die Reformationskriege sind ein trauriges Kapitel der Schweizer, der Freiämter Geschichte. Tausende Menschen liessen ihr Leben. Besonders im Zweiten Villmergerkrieg vom 25. Juli 1712. Um 12.30 Uhr begann das Gefecht, fünf Stunden später war es fertig. Die traurige Bilanz: 3000 Tote auf der Seite der katholischen Innerschweizer, der sich auch viele Freiämter anschlossen, und 1000 Tote auf der Seite der reformierten Zürcher und Berner. Die Reformierten obsiegten, teilten das Freiamt politisch auf. Eine Linie vom Galgen in Meisterschwanden zum Kirchturm in Oberlunkhofen. Was nördlich war, gehörte zum Gebiet der Berner und Zürcher, was südlich war, zu den Innerschweizern. Der Zweite Villmergerkrieg ist der blutigste aller Reformationskriege in der Schweiz. Und der traurige Höhepunkt einer Geschichte, die über Jahrhunderte schwelte.
1900 erste reformierte Kirche im Freiamt
Josef Kunz nahm die rund 30 Interessierten mit in diese Geschichte. Trotz Kälte und Nebel zog das Thema also eine stattliche Besucherschar an. Auch wenn Karin Renner, Betreuer-Team Sagenweg, anfänglich meinte: «Heute sind wirklich nur jene da, die wirklich wollen.» Und diese erfuhren allerlei Spannendes aus der Freiämter Geschichte. Dass die Region einst urkatholisch war zum Beispiel. Oder dass die erste reformierte Kirche im Freiamt im Jahr 1900 in Bremgarten gebaut wurde. «Vorher war das undenkbar.» Die Grenzlinien zwischen den Konfessionen waren scharf gezogen. Kunz erzählte aber auch, weshalb seitens der Reformatoren um Zwingli überhaupt ein Bruch mit der katholischen Kirche die Absicht war. «Die Kirche war damals in einem schwierigen Zustand. Hinzu kommt, dass mit dem Buchdruck und der Entdeckung Amerikas eine neue Zeitrechnung begann.» Der Historiker betonte aber auch immer wieder, dass nicht nur die Religion Auslöser der Kriege war. «Es hatte ganz viel mit Politik zu tun. Die politischen Herrscher sahen ihre Chancen darin, durch eine allfällige Aufhebung der Klöster zu noch mehr Reichtum zu gelangen.» Die Religion sei vielmehr dafür genutzt worden, die Bevölkerung zu motivieren, überhaupt in den Krieg zu ziehen.
Kunz erzählt von Urnenabstimmungen in Wohlen, Sarmenstorf, Villmergen, Hägglingen, Boswil, Hermetschwil und Niederwil. Die Bevölkerung soll entscheiden, ob sie katholisch bleiben oder reformiert werden will. «Eine Seltenheit, denn damals gab die Regierung den Glauben vor.» Ausser Sarmenstorf entschieden sich alle, reformiert zu werden.
Ursprung der Neutralität
Es folgten die Kappelerkriege. Weil die Katholiken gewannen, wurden die Gemeinden im Freiamt wieder katholisch. «Und blieben es bis hin zum Zweiten Weltkrieg fast zu hundert Prozent.» Vor dem Ersten Villmergerkrieg geriet auch die Welt aus den Fugen. Der Dreissigjährige Krieg beherrschte Europa. «Wenn dabei die Protestanten oder die Katholiken Partei ergriffen hätten, wäre die Eidgenossenschaft wohl zerrissen worden», sagt Kunz. Das damalige «Stille Stehen» sei der Ursprung der Neutralität.
Ruhe kehrte aber auch in der Eidgenossenschaft nicht ein. Vor allem weil die katholischen Innerschweizer in der Tagsatzung die Mehrheit hielten und über die reformierten Zürcher und Berner entscheiden konnten. «Das wollten diese nicht mehr ertragen. Ein reformierter Pfarrer formulierte es gar so, dass es eine heilige Pflicht sei, gegen die katholischen Tyrannen ins Feld zu ziehen.» Ein Zündfunke reichte, um die Situation zur Eskalation zu bringen. 1656 folgte der Erste Villmergerkrieg. «Quasi an der Grenzlinie zwischen den Religionen.» Die katholischen Innerschweizer gewannen, weil sich die Berner an diesem eisigen Januartag in Lenzburg vergnügten und nicht mit einem Angriff rechneten. Doch die Innerschweizer vollzogen einen Zangenangriff via Bünztal und Rietenberg. Die Berner flüchteten, aber plünderten auch. «Es ist rund zehn Jahre her, dass in Villmergen ein Brief aus dem Emmental ankam. Dort wurde eine Wappenscheibe mit der Villmerger Kirche als Sujet über Jahre weitergegeben. Was bei der Plünderung des Pfarrhauses damals mitgenommen wurde, ist mittlerweile wieder in Villmergen.»
Kloster Muri zahlte den Bernern Schutzgeld
Die grosse Niederlage für die Katholiken folgte 1712 beim Zweiten Villmergerkrieg. Schon rein zahlenmässig waren die Innerschweizer – obwohl unterstützt durch 800 Freiämter – den Bernern und Zürchern massiv unterlegen. Hinzu kam, dass die Reformierten mit Kanonen anmarschierten, während die Katholiken nach wie vor mit Hellebarden und Heugabeln kämpften. Übrigens, dass das 1700 fertig gebaute Kloster Muri den Angriffen der Reformierten standhielt, ist kein Zufall. «Sie zahlten 100 000 Gulden, damit die Kirche verschont blieb.» Gewütet wie Bestien hätten die Berner trotzdem – im Weinkeller habe der Wein knöcheltief gestanden, zitiert Kunz.
Nach Gefechten in Bremgarten und Sins folgte die eigentliche Schlacht auf dem offenen Feld zwischen Dintikon und Villmergen. Die siegreichen Berner sahen davon ab, allen Freiämtern die Reformation aufzuzwingen. Ob ab dann zumindest die Schlägereien ausblieben, wenn ein junger Mann aus dem katholischen Villmergen mit einer jungen Frau aus dem reformierten Dintikon anbandelte, darauf ging Kunz dann nicht mehr ein.



