«Eine von uns»
03.03.2026 Mutschellen, Berikon, Sport, BobBerikon feiert seine Olympionikin – mit Stolz, Nähe und einem besonderen Geschenk
Mit zwei Diplomen von den Olympischen Winterspielen 2026 in Italien kehrt Bobsportlerin Melanie Hasler nach Berikon zurück. Das Dorf bereitet ihr einen Empfang, der zeigt, ...
Berikon feiert seine Olympionikin – mit Stolz, Nähe und einem besonderen Geschenk
Mit zwei Diplomen von den Olympischen Winterspielen 2026 in Italien kehrt Bobsportlerin Melanie Hasler nach Berikon zurück. Das Dorf bereitet ihr einen Empfang, der zeigt, wie viel ihr Weg bedeutet – sportlich, menschlich und für eine ganze Gemeinschaft.
Sabrina Salm
Als die Kutsche auf dem Primarschulhausplatz eintrifft, wird schnell klar: Dieser Empfang ist mehr als ein offizieller Anlass. Es ist ein Heimkommen. Melanie Hasler wird an diesem Samstag nicht nur als erfolgreiche Olympiateilnehmerin gefeiert, sondern als eine von hier. Anhaltender Applaus ertönt von den rund 200 Menschen, die sie empfangen. Freunde, Weggefährten, Familie und Fans. Die Bobathletin strahlt über das ganze Gesicht. Gerührt. Fast ungläubig.
Zwei Diplome hat Melanie Hasler von
Olympia 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo mitgebracht. Rang fünf im Monobob, Rang sechs im Zweierbob. Mit ihren zwei Olympiadiplomen aus Peking 2022 besitzt die Doppel-Europameisterin jetzt deren vier. Resultate, die sie endgültig zur erfolgreichsten Schweizer Bobfahrerin machen.
Unglaublich dankbar
Solch einen Empfang erlebt eine Gemeinde nicht alle Tage. «Selbstverständlich sind wir gekommen», hört man immer wieder. «Schliesslich ist sie eine von uns.» Melanie sei einfach eine Gute und so sympathisch. Für einmal geht es nicht um Steuern, Verwaltungen und «trockene» Themen bei der Gemeinde, sondern man ehrt eine Einwohnerin für seine ausserordentliche sportliche Leistung und bringt so die Menschen zusammen. Solche Ereignisse sind wichtig für den Zusammenhalt eines Dorfes. Und so bringt es auch Frau Gemeindeammann Petra Oggenfuss auf den Punkt: «Es ist ein besonderer Moment für unsere Gemeinde, wenn eine junge Person aus unserer Mitte Sportgeschichte schreibt.» Sie würdigt Haslers Einsatz, mentale Stärke und ihre Konsequenz. Oggenfuss Feldgrill weiss. «Dein Weg war alles andere als ein Selbstläufer.» Als Zeichen des Stolzes überreicht die Gemeinde nicht nur einen hölzernen Pokal – sondern auch eine Sitzbank. «Du bist ein Vorbild und Inspiration für uns alle.» Mit Tränen in den Augen nahm Hasler diese lobenden Worte auf. «Ich bin unglaublich dankbar, dass so viele meine Karriere mitverfolgen und ihr heute hier seid. Das bedeutet mir sehr viel.» Der Rückhalt aus der Heimat sei für sie mehr wert als Gold. «Da wird mir richtig warm ums Herz.»
Das Herz ging ihr auch auf, als Severin Kamm vom Handballclub Mutschellen das Wort ergriff. «Auch wir sind sehr stolz auf dich», sagte er. Falls sie mal keine Lust mehr auf den Bobsport habe, stehen für sie die Türen beim HC Mutschellen immer offen. Sie erhielt schon ein passendes Trikot – natürlich mit der Nummer 5 – und eine Riesentoblerone mit der Aufschrift «5. Platz – Weltklasse!».
Momente, die bleiben
Im Gespräch mit Stefan Sprenger, Sportredaktor dieser Zeitung, lässt sie die Berikerinnen und Beriker an ihrem Olympiaabenteuer und ihrem Weg an die Bobspitze teilhaben. Die Enttäuschung über die verpasste Medaille sei gross gewesen, gibt sie zu. «Ich wollte sie unbedingt», sagt sie offen. «Und erst, als sie weg war, habe ich gemerkt, wie sehr.» Doch zwischen den Worten liegt auch Stolz. Sie hat gesehen, dass sie mit den Besten mithalten kann. Mit Nationen, die materiell überlegen sind. Mit Teams, die seit Jahren dominieren. Und sie spricht von Begegnungen. «Dass jemand wie Wendy Holdener meinen Namen kennt – das ist unglaublich.» Es sind solche Momente, die bleiben. Nicht nur Resultate. «Am Anfang kannte ich den Bobsport nur aus Cool Runnings», erzählt die 27-Jährige und bringt das Publikum zum Schmunzeln. Der Weg zur Pilotin sei anspruchsvoll gewesen – sportlich, mental und organisatorisch. Sponsoren suchen, Social Media betreuen, Technik verstehen. All das gehört dazu. «Ich war oft nahe dran, aufzuhören», sagt sie ehrlich. Heute würde sie ihrem jüngeren Ich raten: «Gib nicht auf. Es kommt alles gut.»
Am Empfang, der musikalisch von der Band Crazy Hoppers umrahmt wurde, nahm auch Haslers Partner Michael Vogt teil und wurde als «Halb»-Beriker gefeiert. Er weiss, wie knapp Erfolg und Enttäuschung beieinanderliegen. Seine eigene Bronzemedaille im Viererbob – nach einem langen Leidensweg mit Verletzungen – gehört zu den besonderen Geschichten dieser Spiele. «Es ist schwer zu sehen, wie dominant die Amerikaner und Deutschen sind», sagt er. «Umso höher ist Melanies Leistung einzuschätzen.» Und fügt an: «Sie hatte grossen Anteil an meiner Bronzemedaille. Sie war immer an meiner Seite.» Seine eigene Medaille ist auch ein besonderer Moment für den Schweizer Bobsport gewesen – nach Jahren ohne Edelmetall.
Eine Sitzbank zum Träumen
Wie es für Melanie Hasler weitergeht, sei noch offen. «Aber ob eine Teilnahme in vier Jahren wieder gelingt, ist nicht sicher.» Denn das Sportliche sei das eine. Das andere das Finanzielle. Viele Fragen seien noch offen, ob sie den Sport überhaupt weiterleben kann. Es ist zu hoffen, dass es für die Durchstarterin nicht an den Finanzen scheitert. Zuerst gönnt sie sich eine Pause. Und ihre Feier, die sie sichtlich geniesst. Sie nimmt sich viel Zeit für die Menschen. Für Berikon.
Die Sitzbank steht nun auf dem Areal der Primarschule Berikon. Dort, wo täglich Kinder rennen, stolpern und wieder aufstehen. Dort, wo Kinder träumen. Vielleicht wird einmal jemand darauf sitzen und an diesen Empfang denken. An die Geschichte eines Mädchens aus Berikon, das auszog, um mit 140 km/h durch Eiskanäle zu jagen, zurückkehrte und mit ihrem Mut, eisernen Willen und Charisma beeindruckt. Und wer weiss, vielleicht wird einmal jemand, der hier sitzt, von ihrer Geschichte inspiriert.
«Melanie ist einfach fantastisch»
Freiämter Sportgrössen gratulieren ebenfalls
Vor Ort waren nicht nur viele Berikerinnen und Beriker. Sondern auch das Bob-Freiamt kam zusammen, um Melanie Hasler zu gratulieren. Markus Lüthi aus Wohlen war vor rund 20 Jahren mehrfacher Schweizer Meister in den Sprintdisziplinen. Später fuhr er im Bob von Daniel Schmid (aus Hägglingen). Ebenfalls in jenem Schmid-Bob sass auch Florian Willisegger. Der Villmerger wurde vor wenigen Tagen der neue Leiter des Amts für Migration und Integration des Kanton Aargau. Und er ist im Vorstand von Swiss Sliding (Bobverband) für den Bereich Sport zuständig.
Die grösste Bob-Nummer ist Christian Reich aus Künten. Er ist mehrfacher Olympia-Teilnehmer als Pilot (holte 2002 die Silbermedaille), war Trainer des Monaco-Bobteams und Vizepräsident des Internationalen Bobverbandes. Seit Jahren kommentiert er die Bobrennen im Schweizer Fernsehen. Die zwei Diplome von Melanie Hasler sowie die Bronze-Medaille und das Diplom von Michael Vogt «sind enorm wichtig für den Schweizer Bobsport». Dabei deutet er nicht nur den sportlichen Aspekt an, sondern auch das Charisma der beiden. Reich nahm seine zwei Söhne mit. Nils fährt ebenfalls im Bob (aktuell im Europacup) und Sven fährt Skeleton. Logisch, dass auch sie von Olympia träumen. 1968 in Grenoble und 1972 in Sapporo war Max Forster aus Wohlen dabei. Der Bob-Weltmeister von 1971 liess es sich nicht nehmen, Melanie Hasler in Empfang zu nehmen. Der 91-Jährige ist grosser Fan, schaut sich immer alle Rennen der Berikerin im TV an und meinte – mitten im Getümmel des Empfangs: «Melanie ist einfach fantastisch. Als Sportlerin und als Mensch.» Auch Reto Stuber (Präsident Kreisturnverband Freiamt) war da und Tom Roth beglückwünschte Melanie Hasler zu ihrem Erfolg. Die Familie Roth wohnt gleich neben der Familie Hasler. Das Besondere: Sein Sohn Tim Roth war 2022 als Ruderer bei Olympia dabei. Und 2026 plant Tim und auch Schwester Olivia die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Los Angeles. Jene Ecke in Berikon scheint also ein wahres Sportlernest zu sein. Übrigens: Ein paar 100 Meter weiter wohnt mit Marvin Keller eine weitere Sportgrösse. Der Fussball-Torhüter der Schweizer Nati und der Young Boys Bern schickte Sportredaktor Stefan Sprenger eine Nachricht mit den Glückwünschen für Melanie Hasler.«Du jagst im Bob mit Höchstgeschwindigkeit durch den Eiskanal, ich versuche im Tor in Sekundenbruchteilen die richtige Entscheidung zu treffen. Zwei völlig unterschiedliche Sportarten – und doch derselbe Anspruch an Präzision, Mut und Nervenstärke im entscheidenden Moment. Herzliche Gratulation zu deinem Erfolg. Berikon darf stolz auf dich sein.» --red







