Einfach mal Vollgas
11.07.2025 MutschellenSommerserie «Mein eigener Chef»: Martin Schiess aus Widen mit seiner K-Direct AG
Der Wider Martin Schiess verhalf mit seiner Firma K-Tel Künstlern wie zum Beispiel John Brack, Jeff Turner, «ChueLee» zu grossem Erfolg. Zudem waren verschiedene ...
Sommerserie «Mein eigener Chef»: Martin Schiess aus Widen mit seiner K-Direct AG
Der Wider Martin Schiess verhalf mit seiner Firma K-Tel Künstlern wie zum Beispiel John Brack, Jeff Turner, «ChueLee» zu grossem Erfolg. Zudem waren verschiedene Compilation-Serien wie zum Beispiel «Hit News», «Villa Wahnsinn» und die offiziellen Street-Parade-CDs grosse Erfolge. Auch heute ist der 74-Jährige noch sehr aktiv in der Musikbranche.
Roger Wetli
«Ich habe früh verinnerlicht: ‹Mach dir keine Sorgen um etwas, was noch nicht passiert ist, sondern erst, wenn es wirklich passiert›», lacht Martin Schiess. «Mein Mantra ist es bis heute, nicht zu viel Substanz mit Vorkommnissen zu verschwenden, die vielleicht gar nicht eintreffen.» Er habe dadurch in all den Zeiten der Unsicherheiten gut schlafen können.
Blickt Martin Schiess auf seine Berufskarriere zurück, bezeichnet er diejenige um 1990 als die unsicherste. «Ich arbeitete damals bereits drei Jahre als Geschäftsführer des schweizerischen Ablegers des internationalen Musikkonzerns K-Tel. In den USA, wie auch in Europa, veröffentlichte K-Tel Musikprodukte vorwiegend mittels teurer TV-Werbung. Das war hochwirksam und ging lange gut. Allerdings kam der Mutterkonzern in den USA plötzlich in finanzielle Schieflage.» Also wurden Gelder aus den europäischen Länderablegern abgezogen. «Ich kam dadurch in die Lage, über den Kauf von K-Tel Switzerland zu verhandeln. Ein Jahr lang dauerte dieser Prozess. Ich hatte dabei immer das Risiko, dass K-Tel International doch noch entscheidet, unseren Schweizer Ableger zu schliessen. Den Namen ‹K-Tel› konnte ich dann für 30 Jahre lizenzieren.»
Richtig beruhigt war Martin Schiess auch nach dem Kauf nicht. «Nun trug ich neben der Verantwortung auch das finanzielle Risiko. Also gab ich einfach Vollgas und arbeitete noch mehr als zuvor, 8 bis 12 Stunden pro Tag.» Zudem habe er an mindestens vier Abenden pro Woche Branchenanlässe wie Konzerte und Open Airs besucht, um dort einerseits die Künstler und ihre Fans zu sehen, aber auch um Kontakte zu pflegen. «Ich wollte unsere Künstler auch auf der Bühne erleben und spüren, wie sie beim Publikum ankommen.»
Experimente gewagt
War K-Tel ursprünglich eine Firma, die fast nur Compilation über TV-Werbung verkaufte, fing Schiess bereits als Geschäftsführer an, neue Künstler von Grund auf aufzubauen. «Zudem importierten und verkauften wir LPs, CDs und Kassetten von ausländischen Labels exklusive in der Schweiz», so Schiess.
Arbeiteten beim Kauf von K-Tel Switzerland AG 1990 zehn Personen dort, waren es auf dem Höhepunkt im Jahr 2000 18 Angestellte. «Die 1990er-Jahre gelten als die wahren goldenen Jahre der Musikbranche», weiss der Geschäftsinhaber. «Mit der Umstellung von LPs auf CDs kauften viele Fans die Tonträger ihrer Lieblinge im neuen Format nach. Die Firmen mussten also nur die bestehenden Alben als CDs herstellen und hatten entsprechend nicht mehr den Aufwand einer neuen Produktion. Auch wir verdienten sehr gut in dieser Zeit.»
Das lag aber auch daran, dass K-Tel neue Künstler aufbaute, an welche grosse Labels wie Sony, Warner Brothers, EMI oder Universal nicht glaubten. «Dass die Songs der volkstümlichen Schlager-Rocker ‹ChueLee› Erfolg haben könnten, wurde damals von vielen bezweifelt. Wir machten mit ihnen fünf Alben. Und auch die Christmas-CDs von John Brack und Jeff Turner waren für uns anfänglich ein Risiko», so Schiess. «Mit Jeff Turner produzierten wir schliesslich zwölf Alben.» Ein Experiment wagte K-Tel auch mit der Compilation-Serie «Villa Wahnsinn». «Dieses Konzept mit einer Mischung aus nationalen und internationalen Künstlern, Rock, Pop und Schlager war damals völlig neu. Wir veröffentlichten 13 Alben, wovon 5 Goldstatus erreichten.» Martin Schiess betont, dass er zwar in seiner Firma das letzte Wort hatte, bei möglichen Investitionen in neue Künstler oder Projekte aber immer ein ganzes Team mitredete. «Ich hatte meine fähigen Leute draussen, die dort schauten, was funktionieren könnte.»
Eine Garantie auf Erfolg hatte Schiess trotzdem nicht. «John Parr wurde mit dem Lied ‹St. Elmo’s Fire› weltbekannt. Wir produzierten mit ihm darauf ein neues Album und konnten einen dieser neuen Songs als Titelmelodie in einer deutschen Krimiserie platzieren.» Diese Serie sei aber bereits nach zehn Folgen leider wieder eingestellt worden. Zudem habe kein Lied dieses Albums richtig eingeschlagen. «Wir hatten uns davon sicher mehr erhofft.»
Verkäufer statt Star
In die Musikbranche schlitterte Martin Schiess ab seinem 16. Lebensjahr. «Mit Schulkollegen gründete ich eine Band. Ab 17 Jahren spielten wir unter dem Namen ‹Checkpoint› zirka sieben Jahre lang regelmässig Konzerte als Amateurmusiker.» Nebenbei lernte er Maschinenschlosser und machte danach eine kaufmännische Ausbildung. Mit 23 Jahren wechselte Martin Schiess ganz in die Branche. «Ich dachte: ‹Gut, wenn ich schon wohl nie ein Musikstar werde, dann verkaufe ich halt Musik›, lacht Schiess, der als Regionalleiter von Grammo Studio engagiert wurde, später bei Exlibris für den Musikprogramm-Einkauf zuständig war und danach als Geschäftsführer von Bellaphone arbeitete. «Mit dieser Firma vertrieben wir in der Schweiz Alben von Labels, die zum Beispiel Lionel Richie, Stevie Wonder oder Survivor unter Vertrag hatten.» K-Tel Switzerland gab es damals bereits und er wurde dann von K-Tel abgeworben.
Massive Abnahme der Wertschöpfung
Martin Schiess betont, dass ein Label keine Hits und Stars machen könne. «Schlussendlich entscheidet der Konsument über Sein oder Nichtsein. Wir können aber die Grundlage legen, indem wir Qualität veröffentlichen und dafür Werbung machen. Der Konsument kann aber nur neue Musik entdecken, wenn er diese auch hört. Es braucht also einen Katalysator.» Und genau diese Neuentdeckungen verhindere Spotify mit seinen Algorithmen, erklärt er, der heute auch selber Musik über diese Plattform hört. «Dagegen hilft es nach wie vor, wenn Musik bei Radios wie SRF 3 oder Social-Media-Kanälen gespielt wird.» Der Firmenbesitzer weiss, dass allein mit dem Vertrieb auf dem Höhepunkt im Jahr 2000 in der Schweiz rund 350 Millionen Franken Grosshandel-Umsatz mit Musikprodukten gemacht wurde. Heute sind es noch 80 Millionen Franken. Und dies, obwohl der Gesamtmusikkonsum weltweit stetig zunehme. «Zudem hat die Wertschöpfung, die man mit Musik generiert, durch die digitale Nutzung deutlich abgenommen. Diese Entwicklung trat nach der Jahrtausendwende ein.» Martin Schiess musste deshalb, wie alle anderen Musikvertriebe, bald Angestellte entlassen, in kleinere Büroräume umziehen und auch den Vertrieb an eine externe Firma übergeben. «Als Massnahme, um den sinkenden Umsätzen entgegenzuwirken, wurden wir zum ersten Mal branchenfremd tätig, indem wir den Vertrieb und Verkauf für Produkte aus Dauerwerbesendungen übernommen haben. Der Vertrieb ist eine unserer Kernkompetenzen. Bei diesen TV-Werbungen sind es halt jetzt nicht mehr Tonträger, sondern Handelswaren ohne Emotionen, wie zum Beispiel Pfannen oder andere Haushaltsprodukte.»
Der Groove lebt weiter
Als im Jahr 2020 die Namenslizenz von K-Tel in die USA zurückfiel, wandelte Schiess seine Firma zu K-Direct um. «In den letzten Jahren spalteten wir den Musikbereich aber von der K-Direct ab. In der Firma Licenscom werden alle meine Musikrechte verwaltet und die junge Firma Solution Of Sounds in Baar kümmert sich um die Weiterentwicklung meines Musikkataloges, und es werden in drei Studios laufend neue Songs produziert. Unser Groove und unser Erbe leben da weiter», strahlt Schiess. «Genau jetzt ist unsere wichtigste Aktivität die Veröffentlichung des neuen Albums von Renato Rocchinotti. Eine Produktion, wo mir jeder einzelne Song unter die Haut geht.»
Parallel zu K-Tel baute er mit seinem Partner Joel Meier auch die Eventfirma Youngcom AG auf, welche seit Jahren die Street Parade organisiert. «Heute bin ich da nur noch als Verwaltungsrat tätig. Joel Meier macht es als Geschäftsführer, Inhaber und als Präsident der Street Parade sehr gut.» Die Youngcom AG kümmert sich aber nicht nur um die Street Parade, sondern stellt an verschiedenen Open Airs wie etwa dem Greenfield Festival mit dem «Rock Block» das grösste Partyzelt. Auch das 2020 eingestellte Rockstar-Magazin stammte von dieser Firma.
74 Jahre alt ist Martin Schiess jetzt – und noch immer sehr aktiv. «Ich gebe langsam alles Operative ab. Es hat immer grossen Spass gemacht. Deshalb arbeite ich immer noch – auch wenn nicht mehr ganz so viel wie über all die Jahre. Ich habe die Selbstständigkeit nie bereut.» Rund 12 Jahre sei er in der Musikbranche tätig gewesen, bevor er mit 32 sein eigener Chef wurde. «Den Kauf von K-Tel betrachte ich heute als wegweisenden Schritt. Das habe ich nie bereut.»
Die Serie
In der Sommerserie «Mein eigener Chef» oder «Meine eigene Chefin» porträtiert die Redaktion Menschen aus dem Freiamt, die sich selbstständig gemacht haben, ohne die Einmischung eines Vorgesetzten ihr eigenes Unternehmen führen und sich damit einen Traum erfüllten.