Er ist auf den Geschmack gekommen

Di, 22. Dez. 2020
Tobias Schär hat in kurzer Zeit ein Hilfswerk ins Leben gerufen, das schweizweit wirkt. Er macht es unentgeltlich und in seiner Freizeit. «Wir lernen weiter» sollte zuerst Schulkindern ohne Zugang zu PCs helfen – nun wird das Projekt auch andere Menschen in Not unterstützen. Bild: Sabrina Salm

Tobias Schär aus Merenschwand startete im Jahr 2020 mit seinem Verein «Wir lernen weiter» durch

Sein Hilfsprojekt entstand wegen der Coronapandemie. Sein Einstieg in die Politik geschah wegen seines Projekts. Für den 26-jährigen Tobias Schär war dieses Jahr von vielen Eindrücken geprägt. Nun will er sich auch als Gemeinderatskandidat zur Verfügung stellen.

Sabrina Salm

«Spannend», beschreibt Tobias Schär sein Jahr 2020. «Es ist sehr viel passiert», meint er mit einem Lächeln. Neben seinem Beruf als Unternehmensberater im Softwarebereich und seinem Wirtschaftsinformatik-Studium kam im April noch «Wir lernen weiter» hinzu. Und das ist mehr als nur das Verteilen von Laptops. «Partnerschaften aufbauen, Prozesse analysieren, andere für unsere Sache begeistern», zählt der 26-Jährige auf.

Als im ersten Lockdown der Fernunterricht an Schulen eingeführt wurde, dachte er an benachteiligte Familien, die sich keinen Computer leisten können. «Wie sollen diese Kinder und Jugendlichen beim Homeschooling mithalten, wenn sie nicht einmal eine vernünftige Ausrüstung haben?», habe er sich gedacht. Dem wollte er entgegenwirken und sein Projekt nahm seinen Lauf.

Einsicht ins Sozialund Schulwesen

Anfang Dezember durfte der Verein den Hauptpreis der «youngCARI-TAS-Awards» entgegennehmen. Mittlerweile investiert Tobias Schär schätzungsweise 25 Stunden pro Woche – alles ehrenamtlich. Seinen Job hat er von 70 auf 60 Prozent reduziert. Mehr als 1100 Laptops wurden verteilt. Gestartet hat er sein Projekt im Elternhaus in Merenschwand. Heute ist der Sitz des Vereins und das neue Zuhause von Tobias Schär im ehemaligen Pfarrhaus. Bisher verdienen er und sein Team nichts daran. Das Projekt finanziert sich aktuell einzig durch die investierte Zeit und Leidenschaft des neunköpfigen Teams sowie von Spendenbeiträgen in Form von Hardware. Das soll sich langfristig ändern. «Wir erledigen hier einen Service public – nehmen also eine Verantwortung der Behörden wahr. Um auf der nationalen Spielfläche weiterzuwirken, müssen wir uns weiter professionalisieren – und hierzu gehört auch das Schaffen von Arbeitsstellen». Eine GmbH oder AG werde «Wir lernen weiter» aber nie werden. «Höchstens eine Stiftung – es geht um den Zweckerhalt meiner Gründungsgedanken», so Schär. In die Zukunft geblickt, sei das nächste wichtige Ziel, dass der Verein finanziell selbsttragend wird.

150 Partnergemeinden in der Deutschschweiz

«Anfangs wurden wir belächelt für unsere ‹schöne Idee›. Wir behandeln aber nicht nur eine soziale, sondern auch eine finanzielle Idee». Mittlerweile kämpft der Verein nämlich dafür, dass jeder zumindest Zugang zu IT-Ausrüstung erhält. «Auch Leute an der Armutsgrenze, Stellensuchende oder Asylbewerber können mit einem Laptop viel besser unterstützt werden», erklärt der Gründer und Präsident. So kann ein Computer zum Beispiel Menschen auf Stellensuche helfen, beim Erstellen von Bewerbungen oder bei der Integration. «So kontaktieren wir seit Anfang Oktober Sozialdienste und andere Organisationen, damit wir jenen helfen können, die wirklich Hilfe benötigen. Wir wollen damit aufzeigen, dass ein Laptop heute zur Grundausstattung jedes Haushaltes gehört.» Und diese Idee kommt an. «Wir haben bereits Kooperationen mit Gemeinden und Institutionen aus fast der ganzen Deutschschweiz, ausser dem Kanton Graubünden.» In Zahlen spricht man hier von 150 Gemeinden. Seit Kurzem ist auch die Stadt Luzern dabei.

In seinem eigenen Kanton sei es nicht ganz einfach, Kooperationen zu finden. «Im Aargau hat praktisch jede Gemeinde ihren eigenen Sozialdienst. Das macht die Akquisition sehr langwierig. Und wenn die Finanz- bzw. Sozialpolitik des Kantons eher defensiv ist, dann wirds umso schwieriger.» Die Kosten für einen Laptop über «Wir lernen weiter» betragen 150 Franken für Partnergemeinden – Versand, Anleitung und Gerät inklusive. «Ich verstehe nicht wirklich, wieso man bei solchen Beträgen überhaupt lange überlegen muss, wenn hiermit viel geholfen werden könnte», so Schär.

Ursachenbekämpfung nur in der Politik

Bei der Digitalisierung gebe es eben nicht nur Gewinner. Für solche, die keine Grundausrüstung haben, gibt es seiner Ansicht nach zu wenig Unterstützung – auch aufgrund der kantonal sehr unterschiedlichen Gesetzgebungen und Graubereiche im Sozialwesen. «Mit ‹Wir lernen weiter› machen wir Symptombekämpfung – die Ursachen müssen aber auf politischem Parkett gefunden werden.» Und gerade in den Digitalisierungsfragen sieht Schär zu wenig Sachpolitik – so beispielsweise bei der Grundausstattung und der digitalen Verwaltung.

Früher sei er nicht politisch angehaucht gewesen. «Ich tat nur meine Pflicht und ging abstimmen.» Heute ist er Mitglied der GLP und hat bereits ein erstes Mandat als Bezirksschulrat in Muri. Doch das soll erst der Anfang sein. «Im nächsten Herbst sind Gemeinderatswahlen», sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Tobias Schär möchte in der Merenschwander Exekutive im Sinne der Einwohner handeln, mehr Dialog und Transparenz ins Gemeindeleben bringen. Er ist sich bewusst, dass die Wahl in den Gemeinderat nicht einfach werden könnte, auch wegen seines jungen Alters. «Wir haben einen erfahrenen Gemeinderat», weiss er. «Aber auch in jungen Jahren kann man qualitativ hochwertige Erfahrung sammeln und mitreden.» Und ein junger Gemeinderat könnte auch frischen Wind bringen.

In achteinhalb Monaten ist beim jungen Merenschwander viel gegangen. «Ich habe zahlreiche Emotionen und Schicksale erlebt. Die Dankbarkeit, die wir für unsere Arbeit ernten, ist unglaublich schön und gibt sehr viel zurück. Auch ist uns klar, dass wir sicherlich schon ein paar Schicksale mit diesem Projekt verändert haben und hoffentlich noch viele verändern werden dürfen.»

Für ihn ist klar, dass es sich lohnt, auf andere zu schauen. Und er hofft in diesem Zuge auch, dass er mit dieser Überzeugung auch auf anderen Stufen wirken darf.

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