Ganze Palette an Emotionen
09.01.2026 Porträt, Region Oberfreiamt, OberrütiAuch wenn die Heimat fehlt
Der Oberrüter René Stöckli erzählt aus seinem Alltag als Schweizergardist in Rom
Schon neun Jahre ist er Gardist. Das Leben in Rom, im Vatikan ist längst Gewohnheit. Und doch vermisst René ...
Auch wenn die Heimat fehlt
Der Oberrüter René Stöckli erzählt aus seinem Alltag als Schweizergardist in Rom
Schon neun Jahre ist er Gardist. Das Leben in Rom, im Vatikan ist längst Gewohnheit. Und doch vermisst René Stöckli seine Heimat.
Annemarie Keusch
Zwei- bis dreimal pro Jahr. Mehr nicht. So oft ist René Stöckli zu Hause. In Oberrüti. Wo er aufgewachsen ist, wo seine Wurzeln liegen, wo seine Familie und einige seiner engsten Freunde leben. Sein Lebensmittelpunkt ist seit gut neun Jahren der Vatikan. Hier dient er als Schweizergardist dem Papst und hat schon so manchen emotionalen Moment erlebt. Etwa begleitete er Papst Franziskus auf seiner letzten Fahrt mit dem Papamobil über den Petersplatz. «Einen Tag später, am Ostermontag, wurde er leider zum Herrn gerufen. Diese Erinnerung, die zugleich schön und traurig ist, hat mich tief berührt», erzählt der Freiämter. Der neue Papst, es ist die grösste Veränderung, die der Vatikan in diesem Jahr erlebte.
René Stöckli fühlt sich wohl in Rom, mittlerweile ist er zuständig für die Ausbildung der Garde-Rekruten. «Eine hohe Verantwortung», sagt er. Stöckli spricht darüber, was ihm als Gardist gefällt, gesteht aber auch, dass diese Aufgabe nicht nur Positives mit sich bringt. Die Distanz zur Heimat ist ein Beispiel. «Natürlich vermisse ich meine Familie und meine Freunde», sagt der Oberrüter. Oft fehle ihm auch die gute Luft, die sauberen Strassen. «Zudem vermisse ich die Schweizer Supermärkte, die Klänge der Musikgesellschaft Oberrüti und das gegenseitige Grüssen auf der Strasse», erzählt er und lacht.
Seit neun Jahren ist René Stöckli Teil der Schweizergarde im Vatikan
Den Papst schützen und ihm treu dienen. Das ist der Grundauftrag der Schweizergarde im Vatikan. Seit über neun Jahren ist René Stöckli Gardist. «Ich brauchte eine Veränderung», sagt der Oberrüter. Er erzählt von seinen Aufgaben und verrät, was er abseits des Dienstes gerne in und um Rom unternimmt.
Annemarie Keusch
Die Festtage sind vorbei. Und damit auch im Vatikan eine strenge Zeit. Wobei René Stöckli diese Aussage sofort in Abrede stellt. «Ich empfinde diese Zeit nicht als übermässig streng», sagt er. Auch wenn zusätzliche Dienste anfallen, sei die weihnachtliche Freude der Pilger während der Zeremonien deutlich spürbar. «Das wirkt innerlich entlastend.» Stöckli stand im Bereich Ehrendienst und Personenschutz im Einsatz. Seit über neun Jahren ist der junge Mann aus Oberrüti Teil der päpstlichen Garde. «Ich brauchte eine Veränderung», erzählt er. Nicht irgendetwas sollte es sein, sondern etwas Spezielles, was nicht jeder macht oder machen kann. Durch diverse Gespräche mit ehemaligen Gardisten habe er die Entscheidung gefällt, ebenfalls in den Dienst einzutreten. «Ich reiste nach Rom, notabene zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt.»
Längst ist Rom nun zu so etwas wie einer Heimat geworden. Auch wenn er Oberrüti vermisst. «Ich fühle mich grösstenteils wohl hier.» Die Stadt habe viel zu bieten. «Und wenn man Geschichte und Kunst mag, ist Rom ein kleines Paradies.» Zudem sei man schnell in den Bergen oder am Meer. «Wenn man mal ein wenig Abstand vom ganzen Stadtbetrieb braucht.» Das schätzt René Stöckli. Ob beim Wandern in den Bergen oder beim Reiten. «Abstand vom Trubel der Touristen und Pilger finden und neue Energie tanken, das kann ich am besten ausserhalb der Stadt.» Aber eben, Stöckli fühlt sich auch in der Stadt wohl, betreibt Kampfsport, geniesst das gute Essen.
Werte vorleben und verkörpern
Dienst in der Schweizergarde. Nicht viele haben das in ihrem Lebenslauf. Genau darum faszinierte es den Oberrüter. «Die Garde ist nicht für jedermann», sagt er denn auch. Es brauche ein hohes Mass an Eigendisziplin, Geduld und eine gewisse Reife, um das «enorme Privileg» zu erkennen, das sie im Vatikan geniessen dürfen. «Personen, die auf Geld und Karriere aus sind, sind bei uns fehl am Platz.» Wer hingegen etwas Aussergewöhnliches tun möchte, das einen ein Leben lang präge, sei hier richtig. «Ebenfalls wer Werte vorlebt und verkörpert, die in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich sind. Etwa Disziplin, Zuvorkommenheit, Opferbereitschaft und Kameradschaft.» Dass nicht am richtigen Ort sei, wer sich hier nach Karriere sehnt, mag stimmen. Aber auch in der Garde ist eine «Karriere» möglich. René Stöcklis Beispiel zeigts. Er ist mittlerweile Zuständiger für die Ausbildung der Garderekruten. «Als ich dieses Angebot vor vier Jahren erhielt, habe ich mich sofort dafür entschieden.» Das Amt sei nicht nur von grosser Bedeutung und mit hoher Verantwortung verbunden. «Sondern es lebt auch stark von der zwischenmenschlichen Arbeit, die mir sehr am Herzen liegt.»
Das sei es auch, was die Arbeit vielfältig mache. Stöckli plant und leitet die jeweiligen Rekrutenschulen als Hauptverantwortlicher. Logisch, dass sich deren Inhalte wiederholen. «Aber es treffen stets unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. Das macht es spannend.» Zudem schätze er es, neue Ausbildungsmethoden zu entwickeln, um sich selbst und die Ausbildung kontinuierlich vorwärtszubringen. Sein Alltag als Gardist besteht je hälftig aus Büro und aus Ausbildung. «Entsprechend fühlt es sich für mich jeweils immer noch ganz speziell an, wenn ich die Galauniform trage. Seit meiner Tätigkeit als Instruktor ist das viel seltener der Fall.»
Niveau wird immer höher
Es ist nicht die einzige Veränderung, die René Stöckli mit Blick auf die letzten neun Jahre ausmacht. «Die Garde wurde zunehmend professioneller», erzählt er. In allen Bereichen werde angestrebt, das Bestmögliche zu erzielen. Er ordnet ein: «Den Gardisten wird in relativ kurzer Zeit ausserordentlich viel geboten. Gleichzeitig werden jedoch auch immer höhere Anforderungen an den Einzelnen gestellt.» Der Grundauftrag, den Papst zu schützen und ihm treu zu dienen, habe sich dabei natürlich nicht verändert. «Und dieser Grundauftrag muss stets im Mittelpunkt des Handelns jedes Gardisten stehen.» Dennoch, das Mindset und das Know-how der Gardisten seien auf einem höheren Niveau als noch vor neun Jahren.
Der Vatikan hat ein intensives Jahr hinter sich. Mit Papst Leo XIV. ist seit Mai ein neuer Papst im Amt. Natürlich auch ein spezieller Moment für die Gardisten. «Wie ich die Wahl erlebt habe? Trauer wegen des Todes von Papst Franziskus. Stress. Freude. Es ist schwierig, diese Phase in Worte zu fassen. Ich habe in dieser Zeit wohl alle erdenklichen Emotionen durchlebt.» Und dass die letzten Monate deutlich strenger waren als vorher, das habe auch nichts mit dem neuen Pontifex zu tun. «Auch wenn ein neuer Papst immer neuen Elan mit sich bringt und das auch zusätzliche Dienste bedeutet.» Der Mehraufwand hänge vielmehr mit dem Heiligen Jahr zusammen, in dem sich die katholische Kirche bis am Dienstag befand.
Gibt auch weniger Angenehmes, aber er hat sich daran gewöhnt
Neun Jahre im Vatikan, mittlerweile hauptverantwortlicher Instruktor für Garde-Rekruten. Wie sieht René Stöckli seine berufliche Zukunft? «Darüber mache ich mir derzeit keine grossen Gedanken. Solange ich mich hier wohlfühle und zufrieden bin, sehe ich keinen Anlass, die Garde zu verlassen.» Das viele Positive und die vielen emotionalen Momente kompensieren das weniger Angenehme schnell. Aber auch das gibt es. «Es ist schwierig, etwas im Voraus zu planen.» Auf Dauer könne das durchaus anstrengend sein. «Man gewöhnt sich aber auch ein wenig daran und es gehört einfach dazu.»


