GASTKOLUMNE

Fr, 08. Jan. 2021

Carmen Bärtschi, Zürich, vormals Bremgarten und Wohlen.

Radical Hope

Auf dem Weg zur Arbeit radle ich jeweils an einem schlichten Plakat vorbei. «Radical Hope» steht da. Ein Slogan, der mich zum Denken anregt. Was soll er bedeuten? Radikale Hoffnung? Irgendwie bedrohlich, denke ich, denn angesichts einer übermächtigen (unsichtbaren?) Bedrohung bleibt oft nur die Hoffnung als letzter Strohhalm, wenn sonst keine Handlungsmöglichkeiten mehr da sind. Wenn man ohnmächtig beziehungsweise ohne Macht da steht. Oh je, seufze ich. Das lähmt mich irgendwie.

Weshalb? Ich schaue auf die derzeitige globale Situation und spule in meiner Erinnerung ein Jahr zurück. Welche Gefühlszustände und Gedanken hab ich im 2020 durchgemacht und wo stehe ich jetzt? Hier ein Versuch der Rekonstruktion meines inneren Prozesses in 13 Kapiteln. 1. Ignoranz: «Das Virus ist weit weg.» – 2. Leichter Schock: «Oh! Schon in Italien?» – 3. Konfrontation: «Ups… schon da?» – 4. Kurze Euphorie im Lockdown: «Endlich verändert sich was!» – 5. Existenzielle Angst: «Es sterben viele Menschen und dann auch noch alleine. Und sowieso? Wohin steuern wir genau?» – 6. Erleichterung Ende Lockdown: «Uff! Endlich wieder etwas Normalität!» – 7. Verdrängung: «Es ist alles halb so wild. Der Sommer ist da.» – 8. Flashback: «War da nicht noch was?» – 9. Erneuter Schock: «Oh! Schon wieder?» – 10. Trauer, als die Mutter meines Nachbarn im Altersheim stirbt. – 11. Wut: «F*** Corona!» – 12. Ermattung: «Seufz. Wie lange dauert das bitte noch?» – 13. Radikale Akzeptanz: «Okee. Dann halt Virus! Du bist anscheinend gekommen, um zu bleiben.»

Den schnellen Wechsel beziehungsweise das Hin und Her zwischen den Zuständen habe ich für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, weggelassen. Nicht, dass Ihnen noch schwindlig wird und Sie die Orientierung verlieren. Vielleicht kennen Sie dies ja auch von sich selbst. Und wo stehen wir jetzt Anfang 2021? «Wir sind am Ende des Pandemie-Anfangs», meint Nicholas Christakis, Mediziner und Soziologe an der Yale Universität. «Und nicht am Beginn des Endes.» Somit frage ich mich, was ich Ihnen für das Jahr 2021 wünschen soll. «Alles Gute» ist mir zu pauschal. Gesundheit? Gelassenheit? Kraft? Oder um zurück zum Anfang zu springen, ein 13. Kapitel hinzuzufügen und einen neuen Gemütszustand zu nennen: radikale Hoffnung. Alles hat ein Ende.

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