Gefiederte Untermieterin

Di, 29. Dez. 2020
Für die Familie Schmid ist der jährliche Besuch des Gänsesäger-Weibchens in ihrem Schornstein eine Freude. Von links: Philipp Schmid, Sarah Dahinden, Lukas Schmid, Martin Schmid, Manuela Scherer und Andreas Schmid. Auf dem Bild fehlt Mutter Helena. Bilder: Archiv / Sabrina Salm / zg

Besondere Momente im Redaktionsalltag: Zu Besuch bei der Familie Schmid aus Bünzen (5. Mai 2020)

Sabrina Salm

«Vergangenen Sonntag begann die Reise für die jungen Gänsesäger und die Mutterente. Jedes Jahr nisten diese in unserem Schornstein. Zu dieser Zeit verlassen sie ihr Nest und springen vom Dach (3. Stockwerk) in unseren Gartenteich. Da verweilen sie bis zur Dämmerung und führen dann ihre Reise Richtung Bünz und Reuss weiter.» Diese Zeilen mit Bildern der Gänsesäger-Familie schickte uns Lukas Schmid Ende April auf das Redaktionsmail. Er habe gedacht, das könnte ein schönes Leserbild sein. Doch mit der Erklärung, die er dazu schrieb, sahen wir Redaktoren noch mehr darin. Wir wollten die Hintergründe dazu wissen. Denn wir fanden die Geschichte mit den Enten im Schornstein speziell und schön. Sie gehörte erzählt. Deshalb besuchte ich die Familie in Bünzen.

Wenn Enten vom Dach springen

Da staunten sie nicht schlecht, als sie vor einem Jahr zum ersten Mal sahen, wie eine Ente in ihren Schornstein hineinflog. Sie habe kaum Platz gehabt und ihr «Füdli» regelrecht hineinquetschen müssen. «Wir waren überrascht», sagt Vater Martin Schmid. «Damals wussten wir aber noch nicht, was für ein geledertes Tier unser Gast ist.» Erst, als dem jüngsten Sohn Lukas ein Foto der Ente gelang. Sie schickten es der Vogelwarte Sempach ein. Von da an wusste die Familie Schmid, mit wem sie es zu tun hat: mit einem Gänsesäger-Weibchen. «Kurze Zeit später machten wir wieder grosse Augen», erzählt Lukas Schmid, «dann nämlich sprangen die Küken vom Dach.» Das ganze Spektakel ereignete sich auch in diesem Jahr wieder. Die jungen Gänsesäger kamen aus dem Schornstein und sprangen in den Gartenteich der Familie Schmid.

Der Gänsesäger gehört zur Familie der Entenvögel und ist der grösste Säger aus seiner Gattung. «Es kann gelegentlich vorkommen, dass sich Gänsesäger einen Schornstein zum Brüten aussuchen, erklärte Martina Schybli, Mediensprecherin der Vogelwarte Sempach. Dass die Küken von einer grossen Höhe aus herunterspringen, gehöre dazu. «Da sie Huffg und leicht sind, überstehen sie den Sturz gut.» Für Martin und Helena Schmid sowie ihre Söhne Andreas mit Partnerin Manuela Scherer, Philipp mit Partnerin Sarah Dahinden und Lukas ist es etwas Besonderes, dass das Säger-Weibchen ihr Zuhause zum Brüten ausgesucht hat.

Wohlfühloase für Mensch und Tier

Vor 27 Jahren sind Martin und Helena Schmid von Rottenschwil nach Bünzen in das alte Haus gezogen. Das renovierungsbedürftige Haus wurde zur heutigen Wohlfühloase umgebaut. Aber nicht nur die Menschen fühlen sich hier wohl. Anscheinend auch die Tiere. Als «Tierhaus» bezeichnen die Söhne ihr Elternhaus. Hier habe schon eine Dohle genistet oder ein Fuchs hatte hier Freude am Schuheklauen. Nun hat das Gänsesäger-Weibchen vermutlich seit vier Jahren diesen Schornstein, der nicht mehr in Betrieb ist, zu ihrem Nest erkoren. «Uns stört das Tier aber überhaupt nicht», sagt Martin Schmid. Im Gegenteil. Für die Familie ist der Gänsesäger ein gern gesehener Gast und ein «Highlight». Am Familientisch wird häufig über die brütende Entenmutter und ihren Nachwuchs gesprochen. Die Familie hat sich viel Wissen über die Entenvogelart angeeignet. Alle haben sich schlaugemacht über die Eigenheiten und Lebensgewohnheiten des gefiederten Untermieters auf Zeit. Ein Fotoalbum der Gänsesäger-Familie wurde natürlich auch schon gemacht. «Unser Vater hat sogar einen Schutz gemacht, damit sie nicht in die Dachrinne hineinrutschen», erzählen die Söhne. Fürsorglich und gespannt wird auf den Säger und dessen Nachwuchs geschaut. «Wir geben ihr gerne die Möglichkeit, bei uns zu brüten», so Martin Schmid.

Willkommener Gast

Es war ein schöner, sonnenverwöhnter Sonntag im Frühling. Einer meiner ersten Einsätze noch im Lockdown. Sonst, wie viele andere auch, war ich im Homeoffice. Interviews wurden nur per E-Mail oder Telefon gemacht. Doch endlich hatte ich wieder einmal persönlichen Kontakt mit Menschen aus unserer Region. Durfte mir ihre Geschichte anhören und ihre Emotionen spüren. Auch mit Lukas Schmid hatte ich das meiste zwar schon per Telefon besprochen. Ich wollte nur kurz die Familie im Garten besuchen, um ein Foto zu machen. Es wurde ein Termin, den ich nicht so schnell vergessen werde. Herzlich hat mich die Familie mit Familienhündin «Nina» empfangen und mir ihre tierischen Erlebnisse erzählt. Die Fürsorge für das Gänsesäger-Weibchen von der ganzen Familie Schmid mit Partnerinnen traf mich mitten ins Herz. Es war eine besondere Begegnung für mich – eine Geschichte, die viel Leichtigkeit und Freude verbreitet. Es ist zu hoffen, kommenden Jahr zu den Schmids gesellen wird. Herzlich willkommen ist er auf jeden Fall.

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