«Ich möchte mein eigener Chef sein»
23.01.2026 Wohlen, EinwohnerratInterview mit der neuen Einwohnerratspräsidentin Julia Frischknecht (GLP)
Sie ist die jüngste Einwohnerratspräsidentin der 60-jährigen Geschichte des Wohler Dorfparlaments. Trotzdem sammelte Julia Frischknecht ganz viel Politerfahrung. Mit einer ...
Interview mit der neuen Einwohnerratspräsidentin Julia Frischknecht (GLP)
Sie ist die jüngste Einwohnerratspräsidentin der 60-jährigen Geschichte des Wohler Dorfparlaments. Trotzdem sammelte Julia Frischknecht ganz viel Politerfahrung. Mit einer gewissen Lockerheit möchte sie das Amt führen. «Zudem ist es viel schöner, unterschätzt zu werden anstatt überschätzt», sagt sie selbstbewusst.
Daniel Marti
Vor knapp zwölf Jahren sind Sie in die Politik und im Einwohnerrat eingestiegen. Mit welchem Gefühl haben Sie diesen Schritt gewagt?
Julia Frischknecht: Frisch-fröhlich, ohne viele Erwartungen. Und ganz ehrlich, am Anfang hatte ich nicht viel Ahnung vom Politbetrieb. Ich war 18 Jahre jung, und daher durfte man ja nicht erwarten, dass ich viel Erfahrung habe. Aber ich war schon früh politisch interessiert. Auch die Mechanismen, die in der Politik spielen, haben mich bereits in jungen Jahren interessiert.
Wie oder was war denn der erste entscheidende Kontakt mit der Politik?
Das war die Bundesratswahl im Dezember 2007, als Eveline Widmer-Schlumpf gewählt und Christoph Blocher abgewählt wurde. Wir verfolgten die Wahl in der Schule. Es war eine Sensation, und ich fand das spannend und faszinierend. Ich dachte damals, vielleicht ist das später auch einmal etwas für mich.
Sie haben also schon früh von der Politkarriere geträumt?
Nein. Ich wollte höchstens nahe dran sein an der Politik. Das fand ich schon damals cool. Und so habe ich im Alter von 13 dem Bundesrat einen Brief geschrieben mit einem Vorwurf. Sie sollen in Bern nicht immer Sachen versprechen, die sie dann nicht halten können. Vom Sekretariat von Bundesrat Moritz Leuenberger habe ich dann tatsächlich eine Antwort bekommen. Sie sehen, ich hatte schon als Teenager viel Mut.
Aber vom Einwohnerratspräsidium haben Sie schon geträumt …?
Nein, natürlich nicht. Dieses Amt war für mich nicht einmal weit hinten am Horizont ein Thema. Erst als ich vor zwei Jahren als Vizepräsidentin kandidierte, habe ich genauer darüber nachgedacht.
Und jetzt sind Sie als Einwohnerratspräsidentin seit zwei Wochen höchste Wohlerin. Wie fühlt sich das an?
Immer noch ein wenig absurd. Der Titel höchste Wohlerin ist mehr Schein als Sein. Deswegen kennen mich nun nicht mehr Leute. Zudem ist Wohlen gross und somit auch anonym. Ich möchte mich sicherlich nicht über andere Leute stellen. Der Begriff höchste Wohlerin fühlt sich eher wie eine Bezeichnung aus einer anderen Zeit an.
Im Alter von 30 Jahren sind Sie in der Lokalpolitik bereits weit gekommen. Trotzdem sagen viele: Die junge Frau, kann die das als Einwohnerratspräsidentin?
Das stimmt. Ich bin vorwärtsgekommen. Und ich bin die jüngste Einwohnerratspräsidentin und in Wohlen die vierte Frau auf diesem Posten.
Was entgegnen Sie auf die Feststellung «Kann die Junge das»?
Ich verstehe das ein wenig. Denn mit dem Alter wird oft auch die Erfahrung verknüpft. Aber Polit- oder Führungserfahrung hängen ja nicht zwingend zusammen. Ich habe sicherlich beruflich genug Erfahrung gesammelt. Aber es ist viel schöner, unterschätzt zu werden anstatt überschätzt.
Laura Pascolin wurde zur Vizepräsidentin gewählt. Künftig steht ein Frauen-Duo an der Spitze des Einwohnerrates. Was darf man erwarten?
Das ist doch cool. Wir zwei garantieren, dass die Ratsführung geregelt und gut weitergehen wird. Weil es vorher erst einmal ein Frauen-Duo an der Spitze des Rates gab, hat unser Frauen-Duo eine gewisse Symbolik. Zudem gab es bisher in Wohlen erst vier Einwohnerratspräsidentinnen. Laura Pascolin und ich haben eine Vorbildfunktion. Hoffentlich bewirken wir auch etwas. Es hat gegenwärtig nur zehn Frauen im Einwohnerrat. Ein Viertel von 40 Mandaten erachte ich als zu wenig.
Hat es grundsätzlich zu wenig Frauen in der Politik?
In der Schweiz ist ja vieles sehr gut. Aber in dieser Frage sind wir als Gesellschaft schon langsam unterwegs. Das Frauenstimmrecht und die «Ehe für alle» sind da die besten Beispiele. Diese Entwicklungen sind in der Schweiz tatsächlich langsam. Es fehlen halt oft die Vorbilder. Und in gewissen Regionen der Schweiz gibt es fast keine Frauen in der Politik. Da bekommt man schon das Gefühl, dass in dieser Frage zu wenig unternommen wird.
Sie haben sich immer schon in der Männerwelt durchgesetzt, als Dirigentin eines Männerchors und als Politikerin. Warum eigentlich?
Wenn man den Job gut macht, dann setzt man sich auch durch.
Wie war es beim Männerchor Beinwil, den Sie geführt haben?
Bis im Herbst 2025 war ich dort während siebeneinhalb Jahren Dirigentin. Ich hatte bisher in der Männerwelt keine Berührungsängste und ich suche stets die Verbindung zu den Menschen. Und wenn es Gegenwind gibt, nur weil ich eine Frau bin, dann muss man halt Stärke beweisen. Der Männerchor Beinwil war daher für mich eine sehr gute Erfahrung.
Wohlen hat viele Probleme. Trotzdem: Was ist das Positive an Wohlen?
In Wohlen bekommt man alles. Das Angebot ist vielfältig und gut. Vom ÖV übers Einkaufen bis zur Bildung. In Wohlen hat es alle Schulen, von der Berufsschule bis zur Kanti. Wohlen bietet auch Wohnraum zu verschiedenen Preisen und hat gute Vereinsstrukturen. Mir gefällt es hier.
Trotzdem, was sagen Sie zu den vielen Problemen?
Alles geht auf das Geld zurück. Alles kostet. Eine Zentrumsgemeinde hat in der Regel viele Belastungen zu meistern. Und nicht alle Leute, die in Wohlen leben, können sich eine Wohnung im steuergünstigen Oberwil-Lieli leisten.
Bitte je eine kurze Einschätzung zu den folgenden Themen oder Problemen. Verkehr …
Da haben wir tatsächlich ein Defizit. Die Experten vom Kanton sagen, unser Verkehr sei hauptsächlich hausgemacht. Ich vertraue darauf, dass die Experten ihre Aufgaben gut gemacht haben. Da müssen wir den Wohlerinnen und Wohlern schon ans Herz legen, für kurze Wege ins Dorf das Velo statt das Auto zu nehmen.
Schulraum-Not …
Den neuen Schulraum braucht es einfach. Langfristig zu denken, ist hier essenziell. Gewiss, Prognosen sind keine klaren Zahlen. Aber auf fachmännische Prognosen darf man sich in der Regel verlassen. Darum: Bitte keine Feuerwehrübungen beim Schulraum. Trotz verschiedenen politischen Agenden darf man nun mit der jetzt gewählten Strategie zuversichtlich sein. Das Ziel ist klar: Wohlen soll lebenswert sein. Sollte jedoch in Zukunft einmal der nötige Schulraum tatsächlich fehlen, dann ist das ein grosser Risikopunkt. Beim Schulraum darf man über ganz viel diskutieren, aber man darf ihn einfach nicht mit einem privaten Hausbau vergleichen.
Der Schuldenberg von prognostizierten bald 157 Millionen …
Der ist enorm. Man muss aber auch genau hinschauen, wie dieser Schuldenberg entstanden ist und entstehen wird. Wohlen hatte und hat einen Investitionsstau, das ist der hauptsächliche Grund für den Schuldenberg. Und ein Punkt ist klar: Wenn man mit Sanierungen oder mit dem Unterhalt zuwartet, dann wird es teurer. Das gilt auch für die Gemeinde. Notfallübungen und zu spätes Handeln kosten ebenfalls viel Geld. Die Vergangenheit, in der zu wenig investiert wurde, lässt sich nicht mehr ändern. Aber man sollte aus der Vergangenheit lernen.
Wie lauten Ihre Ziele als Einwohnerratspräsidentin?
Ich hätte Lust auf mehr Kultur und Sport rund ums Parlament. Es gibt beispielsweise ein Nationalratsorchester und einen FC Grossrat. Es wäre schön, wenn wir in Wohlen eine ähnliche Verbundenheit hätten. Das schafft Dialogsmöglichkeiten. Denn man kann ja die Menschen nicht zwingen, öfter miteinander zu reden. Zudem möchte ich einen guten Draht zu allen Fraktionen pflegen. Und ich habe keine Lust auf ein Gezänk im Rat. Deshalb wünsche ich mir eine gewisse Lockerheit. Die braucht es neben der Ernsthaftigkeit unserer Ratsarbeit.
Lockerheit. Das klingt gut …
Wir sollten uns alle doch nicht so wichtig nehmen und ab und zu unser Ego hintenanstellen. Dann wären doch alle zufriedener. Ich weiss, das ist alles ein wenig salopp beschrieben. Sollte das nicht funktionieren, werde ich es selbstverständlich akzeptieren.
Sie gehen mit gutem Beispiel voran. Woher kommt Ihre stete gute Laune?
(Seufzt.) Ich habe gar nicht immer gute Laune. Ich bin da ein ganz normaler Mensch. Vielleicht habe ich ein Feeling für eine gute Performance. Wie gesagt, auch in der Politik sollte man mit einer gewissen Lockerheit auftreten. Ich bin sicher eine positive Person und ich suche oft die Leichtigkeit, obwohl Politik ein ernstes Format ist.
Was bringt Sie aus der Fassung?
Ich kann mich über vieles ärgern. Aber Ungerechtigkeit mag ich nicht leiden. Wir in der Schweiz haben es ja gut. Ich bin mir der Privilegien sehr wohl bewusst. Ich bin in einer komfortablen Lage aufgewachsen, habe viele Möglichkeiten, um im Leben etwas zu erreichen – ohne etwas für die gute Ausgangslage beigetragen zu haben. Ich habe einfach das Glück, hier geboren zu sein. Darum braucht es auch Demut – im Leben und in der Politik. Deshalb habe ich wenig Verständnis für soziale Ungerechtigkeit und für Menschen mit ganz wenig Kompromissbereitschaft.
Sie sind ausgebildete Sängerin. Musik und Kultur stehen für Sie über der Politik. Stimmt dieser Eindruck?
Ja, das stimmt. Die Leichtigkeit und Farbigkeit der Kultur entspricht mir sehr. Nur schon aus beruflichen und wirtschaftlichen Gründen stehen Kultur und Musik über allem anderen.
Sie unterrichten an der Musikschule, sind unterwegs als Sängerin, Moderatorin, Erzählerin und als Event-Organisatorin. Das ist viel auf einmal. Haben Sie den Überblick?
Der Unterricht gibt mir Struktur und ich muss sehr flexibel sein. So viele Jobs verursachen auch einen grossen Administrationsaufwand. Das darf man nicht unterschätzen. Es gibt in meinem Berufsleben keine fixen Tage, die genau gleich sind. Ich möchte eben mehrheitlich mein eigener Chef sein. Das ist zwar streng, aber auch toll. Zudem möchte ich genügend Freiheit haben, um immer wieder in neue Projekte einsteigen zu können.
Was kommt denn nach dem Einwohnerratspräsidium? Geht es dann weiter die politische Leiter empor?
Ich absolviere jetzt sehr gerne die zwei Jahre als Einwohnerratspräsidentin. Danach ist dann mal gut so mit der Politik. Sollte sich trotzdem etwas ergeben, werde ich es mir genau anschauen.
Dann soll es bei der Gesangskarriere weitergehen, eventuell auf grossen Bühnen?
Die Gesangskarriere hat dann Vorrang. Wer weiss, vielleicht kommen doch noch die grossen Opernhäuser. Hoffentlich gelingt es mir, mein Geld auf den Musikbühnen zu verdienen. Es ist mein Ziel, von der musikalischen und künstlerischen Tätigkeit leben zu können. Das Unterrichten ist eine gute Ergänzung. Es ist wichtig, meine Offenheit zu bewahren. Ich muss sogar offen bleiben. Denn ich weiss nicht, was in der Gesangskarriere noch alles kommen wird.
Das braucht auch Mut.
Richtig. Das braucht Mut, aber auch sehr viel Energie. Und sollte in dieser Richtung wenig gehen, dann muss man das auch aushalten können. Ich habe jedenfalls noch viel vor.
Zurück zur Politik. Warum war Ihre GLP in Wohlen im vergangenen Wahlherbst so erfolgreich?
Das war für uns selbst erstaunlich. Vor vier Jahren waren unsere Themen aktuell, jetzt eher weniger. Wir haben eben gute und fähige Personen, die bei der Bevölkerung anerkannt sind. Die Persönlichkeit der Politikerinnen und Politiker ist im Lokalen sehr wichtig. Und wir haben als Fraktion einen sehr guten Job gemacht, damit haben wir Vertrauen gewonnen.
Und warum sind Sie denn überhaupt bei den Grünliberalen gelandet?
Das war ein wenig Zufall. Ich wurde von Maja Meier angefragt, ob ich denn Interesse am Einwohnerrat habe und ob ich bei einer Vakanz ins Parlament nachrutschen wolle. Ich habe sofort gewusst, ich kann mich mit der GLP gut identifizieren. Ich spürte, das passt.
Es passt, wie als Einwohnerratspräsidentin?
Ja. Gerne. Wie schon gesagt, ich möchte nicht über andere gestellt werden. Es fühlt sich gut an und ich möchte auch Vorbild sein.

