Mit Disziplin zum Erfolg
24.01.2025 Boswil, Region OberfreiamtAn die Spitze geschafft
«Brennpunkt»-Veranstaltung um Sport und Kultur
Wenn man die Spitze erreichen will, wie viel macht da das Talent aus und wie gross ist der Anteil von Ehrgeiz und Biss? Dem ging die Veranstaltungsreihe ...
An die Spitze geschafft
«Brennpunkt»-Veranstaltung um Sport und Kultur
Wenn man die Spitze erreichen will, wie viel macht da das Talent aus und wie gross ist der Anteil von Ehrgeiz und Biss? Dem ging die Veranstaltungsreihe «Brennpunkt Oberfreiamt» am jüngsten Anlass in Boswil auf den Grund. Zwei, die es geschafft haben, liessen das Publikum im «Löwen» an ihren Erfahrungen teilhaben.
Dabei verriet Ärztin und Super-League-Fussballerin Michelle Stierli, dass sie den Facharzt anstrebt, und Profimusiker Renato Bizzotto, dass er auch gerne gute Bücher schreiben oder mit Filmen Geschichten erzählen können würde. --tst
Unter dem Titel «Der Weg zur Spitze» referierten Fussballerin Michelle Stierli und Oboist Renato Bizzotto in Boswil
Am Tag, an dem in Davos das WEF startete und in Washington der neue alte Präsident seinen Amtseid ablegte, hatte auch das Oberfreiamt seinen «Brennpunkt». In Boswil erzählten Super-League-Fussballerin Michelle Stierli und Profimusiker Renato Bizzotto, beide aus Muri, von ihrem Karriereweg.
Thomas Stöckli
Was braucht es, um im Sport und in der Kultur an die Spitze zu kommen? Das war die zentrale Frage am dritten Anlass im Rahmen der Reihe «Brennpunkt Oberfreiamt». Auf dem Podium im «Löwen», Boswil, bieten Michelle Stierli und Renato Bizzotto Einblick in ihre erfolgreiche Karriere. Zwei Persönlichkeiten, die aus der Region kommen – beide aus Muri –, aber weit darüber hinaus ausstrahlen. Sie als Captain des FC Aarau in der Women’s Super League, der höchsten Spielklasse im Schweizer Frauenfussball, und Ärztin, er als Oboen-Profi mit Engagements bis nach China und künstlerischer Leiter von «The Muri Competition».
«Die Freude am Sport stand am Anfang», blickt Michelle Stierli auf ihre Juniorinnenzeit beim FC Muri zurück. Als sie dann zu den Jungs gewechselt habe, sei es nicht einfach gewesen, sich durchzusetzen. Auch von den Gegnern habe es regelmässig Sprüche gegen sie gegeben – «allerdings nach den Spielen nicht mehr», hält sie mit Genugtuung fest.
Verzicht gehört dazu
Mit 15 Jahren wechselte die ebenso talentierte wie ambitionierte junge Frau dann zum Team Aargau, womit sie auf die Leistungssport-Schiene abbog. Dazu gehörten vier Trainings unter der Woche und jedes Wochenende ein Match, gegen Gegner aus der ganzen Schweiz. «Pausen gab es nur im Winter und im Sommer», blickt Stierli zurück. «Sonst gab es keine Ferien, keine Ausnahme für ein Geburtstagsfest, auch wenn das Grosi 90 wird, hat man Training», veranschaulicht die Fussballerin. «Verzichten gehört dazu – und mit der Zeit wird es selbstverständlich.»
Der grosse Einsatz trug Früchte. Michelle Stierli erhielt ihre ersten Nati-Aufgebote. «Da kommen die Besten zusammen, man muss sich durchsetzen», beschreibt sie. «Und wenn man Fehler macht, wird das auch wahrgenommen. Mit dem Druck muss man umgehen können.» An der Sportkanti in Aarau fand Stierli die Rahmenbedingungen, um sich auf den Sport fokussieren und trotzdem auch die Bildung vorantreiben zu können. Das sei allerdings sehr streng gewesen, blickt sie zurück. Und: «Den Stress hat dann zum Teil meine Familie abbekommen.»
Ärztin im Hauptberuf
Mit dem Entscheid für ein Medizinstudium hat sich Michelle Stierli dann vom Ziel Profisport verabschiedet. Dass sie als Captain ihren Verein trotzdem zum Aufstieg in die höchste Liga führen – und dort etablieren – konnte, macht sie stolz. Auch wenn die verschiedenen Verpflichtungen nicht einfach unter einen Hut zu bringen waren: «Phasenweise habe ich 60 Prozent gearbeitet, daneben noch das Studium und der Fussball …», erzählt sie und fügt sogleich an: «Aber ich habe alles mit Freude gemacht.»
Vorübergehend ausgebremst wurde die Fussballerin von einem Kreuzbandriss. «Da braucht es Durchhaltewillen, die gelernte Disziplin kommt zum Tragen.» Fast ein Jahr lang musste sie allein im Krafttraining fürs Comeback schuften. «Es war eine intensive, eine lehrreiche Zeit», blickt sie zurück. «Umso schöner, wenn man danach wieder da anknüpfen kann, wo man vorher stand.»
Mittlerweile hat die Fussballerin eine Stelle als Assistenzärztin in Aarau angetreten. «Das macht mir sehr viel Freude», sagt sie. Auch wenn die Herausforderung, Beruf und Sport unter einen Hut zu bringen, nicht kleiner wird: «Im Fussball wird immer mehr Leistung gefordert», stellt sie fest. Gerade in ihrer Rolle als Captain müsse sie das Team anführen. Die Doppelbelastung will sie auch in Zukunft in Kauf nehmen: «Solange ich es mit Freude mache, gelingt das auch gut», ist sie überzeugt.
Musik- statt Fussballkarriere
Mit seiner Profikarriere abgeschlossen hat Renato Bizzotto, zumindest was seine Rolle als Orchestermusiker betrifft. Als Ü60er müsste er am Tag wohl sechs, sieben Stunden üben, um noch ganz oben mitmischen zu können. So hat er seine Hauptaktivität auf die Organisation von Konzerten verlagert. «Ich biete Musikern Auftrittsmöglichkeiten», wie er es formuliert. Auf die Bühne in Boswil nimmt er sein Instrument mit und gibt eine kurze Kostprobe. «Wie Fussball funktioniert, das wissen wohl alle hier drin», wogegen sein Instrument nicht allen ein Begriff sei.
Eigentlich sei er ja auch ein Fussballer, so Bizzotto. Als Beweis projiziert er das Bild der Junioren C1 des FC Muri aus der Saison 1973/74 auf die Leinwand, das ihn als Jungspund zeigt – notabene zwischen zwei Stierlis. Bis ins 19. Lebensjahr spielte er bei Wettingen und Aarau und wurde sogar in die Nachwuchs-Nati aufgeboten. Damals erschien ihm eine Musikerkarriere allerdings lukrativer als eine Fussballerlaufbahn. Ein gegnerischer Ellbogenschlag auf seinen Mund habe ihn dann bewogen, die Fussballschuhe an den Nagel zu hängen.
Das Rüstzeug für seine internationale Karriere holte sich Bizzotto an der Kantonsschule und schliesslich am Konservatorium in Luzern. Vier bis fünf oder auch mal sieben bis acht Stunden pro Tag hat er da geübt, sein Instrument zu beherrschen. «Das Instrument soll dazu dienen, die Genialität des Komponisten zum Ausdruck zu bringen», beschreibt er seinen Antrieb. Nebst der Disziplin legte er grossen Wert darauf, sich ein Netzwerk aufzubauen. «Ich wollte nicht an einer Musikschule Schülerinnen und Schüler unterrichten müssen, die nicht üben», so Bizzotto.
Nicht «der Ausländer» bleiben
In den guten Orchestern bewerben sich auf die Ausschreibungen für den ersten und den zweiten Oboisten jeweils 100 bis 150 Leute. Zum Vorspielen eingeladen werden die besten 30, die sich dann in mehreren Runden gegen ihre Konkurrenz durchsetzen müssen. Bizzotto schaffte es, spielte im Aargauer und schliesslich im Zürcher Sinfonieorchester. Mitte 30 sei er gewesen, blickt er zurück, als er sich gedacht habe, da müsse doch noch mehr kommen. Kurzerhand bewarb er sich für ein Radioorchester in Shanghai. «Für mich war das ein richtiges Abenteuer», beschreibt er und erzählt, wie er sich mit Eselsbrücken ein Chinesisch-Vokabular angeeignet hat: «Ich kann alles Essen bestellen und Small Talk führen.»
«Sie haben mich geholt, um von mir zu lernen», beschreibt er die Ausgangslage als einer von ganz wenigen Westlern in einem chinesischen Orchester und bietet dem Publikum in Boswil Einblick in eine TV-Aufnahme des Oboenkonzerts «Der Zigeunerbaron». «Entsprechend haben sie erwartet, dass ich alles kann, nie Fehler mache und in allem besser bin als sie.» Eines Tages wurden dann alle Ausländer im Orchester Knall auf Fall entlassen – trotz laufender Verträge. Bizzotto informierte sich bei chinesischen Freunden über seine Möglichkeiten, den Entscheid anzufechten. Schliesslich habe er sich ans «Büro für Beklagung» der Kommunistischen Partei gewandt, die «skandalösen Bedingungen» gerügt und mit dem Gang an die Öffentlichkeit gedroht. So konnte er für sich und die westlichen Kollegen neun Monate Lohnfortzahlung und einen Rückflug in die Heimat aushandeln.
Selber hatte Bizzotto von China noch nicht genug. Er wechselte zu einem Orchester in Peking, «einem noch besseren», wie er betont. Der Lohn stimmte, die Reichweite mit diversen TV-Auftritten ebenfalls. «Es gab eine Zeit, da wollte ich gar nicht mehr nach Europa zurück», beschreibt der Musiker. Die Meinung geändert hat er, als er immer mehr realisierte, dass er in China immer der Ausländer bleiben würde. «Integration, wie wir sie pflegen, kennt man da nicht.» Zurück in der Heimat, schaffte er den Wiedereinstieg Opernhaus Zürich, wo er spielte, bis ihn das «mit der Zeit nicht mehr erfüllt» habe.
«Manchmal greifen im Leben die Zahnräder einfach ineinander und es ‹flutscht›», beschreibt Renato Bizzotto die erfolgreiche Lancierung von «The Muri Competition» im Jahr 2013 – dem weltweit bedeutendsten Wettbewerb für Oboe und Fagott. Ein Musikwettbewerb, der mittlerweile über eine bedeutende Ausstrahlung verfügt und den jungen Musikerinnen und Musikern eine wertvolle Möglichkeit bietet, sich dem internationalen Vergleich zu stellen.
Disziplin und Fleiss entscheidend
«Bei der Lancierung der Veranstaltungsreihe haben wir es uns zum Ziel gesetzt, zu thematisieren, was das Freiamt bewegt», hat Alexander Eigensatz, der als Moderator durch den Abend führte, zu Beginn verraten. Dazu gehören nebst Politik, Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen auch Kultur und Sport. Was braucht es denn nun, um den Weg an die Spitze zu schaffen? Talent hilft, am Anfang die Freude zu entdecken, sind sich beide Referenten einig. Wenn dann die Talentierten zusammenkommen, seien es die Disziplin, der Fleiss und das konsequente Verfolgen der eigenen Ziele, die den Unterschied ausmachen zwischen Erfolg und Mittelmass. «Ich denke immer vorwärts, beisse mich wie eine Bulldogge fest, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe», bringt es Bizzotto auf den Punkt.