Mit ganz viel Neugier
04.02.2025 Boswil, Region OberfreiamtWeil neu nicht immer besser ist
Junger Boswiler gewinnt Umweltpreis der FHNW für seine Bachelor-Thesis
«Bestandesanalyse und Überprüfung eines alten Bauernhauses aus dem Jahre 1835». Fabian Keusch holt mit seiner ...
Weil neu nicht immer besser ist
Junger Boswiler gewinnt Umweltpreis der FHNW für seine Bachelor-Thesis
«Bestandesanalyse und Überprüfung eines alten Bauernhauses aus dem Jahre 1835». Fabian Keusch holt mit seiner Bachelor-Arbeit den Umweltpreis. Weitere könnten folgen.
Annemarie Keusch
Nicht ein einziges Mal. Fabian Keusch hat es mit der Suchfunktion nachkontrolliert. Das Wort Umwelt kommt in seiner Bachelor-Arbeit nicht vor. Trotzdem wurde er mit dem Umweltpreis der Fachhochschule Nordwestschweiz ausgezeichnet. Dafür, dass es in seiner Arbeit selbstverständlich wirkt, dass alte Gebäude nicht einfach abgerissen werden, sondern Möglichkeiten gesucht werden, wie diese saniert werden können. «Beton und Stahl haben einen sehr hohen CO2-Ausstoss», weiss Keusch. In seiner Bachelor-Arbeit hat er aufgezeigt, dass auch alte Gebäude den heutigen Anforderungen für die Tragsicherheit entsprechen.
Untersucht hat er dies an seinem Elternhaus in Boswil. «Für mich war von Anfang an klar, dass ich keine Arbeit schreiben will, die später in einer Schublade verschwindet.» Seine Bachelor-Arbeit bildet nun die Grundlage für mögliche Sanierungen des Hauses, das seit dem Bau 1835 in Familienbesitz ist. Fabian Keusch hat das Gebäude statisch untersucht, die Tragfähigkeit überprüft. Und er kam zum Schluss: Das bald 200-jährige Wohnhaus entspricht auch den heutigen Vorgaben.
Aber der junge Boswiler ging viele Schritte weiter. Für zukünftige Sanierungen hat er Varianten zur Verbesserung der Tragsicherheit und der Gebrauchstauglichkeit geprüft. Und er hat sich des Kreuzgewölbe-Kellers angenommen – eine baustatische Besonderheit. «Es hat grossen Spass gemacht», sagt Fabian Keusch.
Nach dem Umweltpreis könnte er auch noch bei «Best of Bachelor» ausgezeichnet werden.
Fabian Keusch durfte für seine Bachelor-Thesis den Umweltpreis der FHNW entgegennehmen
Ganz tief in die Geschichte eintauchen, um Erkenntnisse für die Zukunft zu sammeln. Das hat Fabian Keusch getan, indem er sein Elternhaus, ein Bauernhaus aus dem Jahr 1835, analysierte. Die Berechnungen zeigen: die Tragsicherheit ist auch heute noch gegeben. Der junge Bauingenieur wollte vor allem Spass haben bei seiner Bachelor-Thesis und heimst nun damit Preise ein.
Annemarie Keusch
Das Interesse, die Neugier. Beides stand am Ursprung der Bachelor-Thesis von Fabian Keusch. Und beides sorgte wohl dafür, dass eine Arbeit entstanden ist, für die er nun ausgezeichnet wurde. Den Umweltpreis der Fachhochschule Nordwestschweiz hat er gewonnen. Weil seine Arbeit deutlich aufzeigt, dass auch alte Gebäude heutigen Anforderungen entsprechen und nicht abgerissen werden sollen. Für «Best of Bachelor» ist er nominiert – als beste Bachelor-Thesis der Fachhochschule Nordwestschweiz im Bereich Bauingenieurwesen. «Das war nie das Ziel. Ich wollte einfach Spass haben und das hatte ich, weil mich das Thema wirklich interessierte.»
Kein Wunder. Das Thema ist schliesslich sein Elternhaus. Ein 1835 erbautes Bauernhaus in Boswil. «Es interessierte mich, ob das Haus in Sachen Tragsicherheit heutigen Standards entsprechen würde», sagt der 24-Jährige. Diese Frage zu beantworten, war der Kern der Arbeit, aber Fabian Keusch ging weit darüber hinaus. Er tauchte in die Historie aller ursprünglich zum Landwirtschaftsbetrieb gehörenden Gebäude ein, war in Archiven unterwegs, im Austausch mit der Denkmalpflege, mit Familienmitgliedern. Dabei fand er etwa heraus, dass die Martinskapelle 1670 komplett neu erbaut wurde, vorher aber schon mehrere hunderte Jahre existierte. Oder dass das Lagergebäude, das mittlerweile dem Nachbarn gehört, ursprünglich das Wohnhaus war, samt Strohdach.
Kreuzgewölbe-Keller als Knacknuss
Der Fokus aber galt dem eigentlichen Bauernhaus. Um überhaupt Berechnungen machen zu können, mussten Grundlagen her. Fabian Keusch zeichnete Pläne, machte Sondagen. «Natürlich nicht im Wohnzimmer, sondern dort, wo es meine Eltern nicht störte.» Er spitzte Wände auf, öffnete Decken, untersuchte Mauern und Holzbalken.
Und er besorgte sich Literatur dazu, wie damals, 1835, statische Berechnungen gemacht wurden. Auch das tat Fabian Keusch gründlich und mit viel Aufwand. Johann Keusch – kein direkter Vorfahre des jungen Bauingenieurs – war Baumeister des Hauses. Um vielleicht auf alte Pläne zu stossen, ackerte er den ganzen Nachlass des 1865 verstorbenen Baumeisters durch. «Es interessierte mich einfach.» Pläne seines Elternhauses fand er zwar keine, aber solche von ähnlichen Gebäuden. Und Fabian Keusch weiss: «Früher wurde gar nicht genau berechnet, sondern eher anhand von Tabellen entschieden, welche Dimensionen die Bauteile haben sollen.» Zudem wurde mit grosser Marge gearbeitet. «80 Zentimeter dicke Wände bei einem Einfamilienhaus baut heute schliesslich niemand mehr», meint er und lacht. Aber heute sind auch die Materialien anders – die Wände seines Elternhauses sind Bruchstein-Wände.
Weil sich die Rechenart und die angenommenen Lasten für ein solches Gebäude kaum veränderten, kam Fabian Keusch schnell zum Schluss: das Haus ist nach wie vor tragsicher, auch nach aktuellen Anforderungen. «Das hat mich doch etwas überrascht, weil ich dachte, dass schon gewisse Verstärkungsmassnahmen nötig sein könnten.» Also vertiefte er sich noch mehr und bezog mögliche Modernisierungsmassnahmen mit ein. «Eine Fussbodenheizung zum Beispiel», sagt er. Diese brächte viel mehr Gewicht auf die Decken und Mauern des alten Hauses, wegen des schweren Verguss-Mörtels. «Ich prüfte verschiedene Varianten, machte verschiedene Berechnungen.» Die grosse Unbekannte ist dabei der Kreuzgewölbe-Keller. «Die Statik dahinter ist sehr komplex und eine passendes Programm ist mir nicht bekannt.» Er versuchte es selbst, rechnete mit vereinfachten Annahmen von Hand. Zudem näherte sich Keusch in seiner Bachelor-Thesis den Erdbebenberechnungen an. «Als das Haus gebaut wurde, war das noch kein Thema.»
Grundlage für künftige Sanierungen
Konzeptionell hat Fabian Keusch in seiner Bachelor-Thesis ganz vieles ausprobiert. Mögliche Herausforderungen ging er von verschiedenen Seiten an. Und er kam immer wieder zum Schluss, dass das Haus auch nach bald 200 Jahren tragsicher ist und dass es Möglichkeiten gibt, auch noch viel mehr Gewicht – etwa mit einer Fussbodenheizung – mit konkreten Massnahmen auszugleichen. Das Haus kann also gut renoviert werden, wenn die Familie das tun will. Renovieren, statt abreissen und neu bauen – der Hauptgrund, warum Fabian Keusch mit dem Umweltpreis der FHNW ausgezeichnet wurde. Rückblickend sagt er über seine Bachelor-Thesis: «Ich habe viel gelernt, als Bauingenieur, aber auch über unsere Familie, unsere Herkunft.» Natürlich verfolgten auch seine Eltern gespannt, zu welchen Erkenntnissen er kam. Sie sanierten das Haus vor rund 30 Jahren. Konkrete Erneuerungen seien aktuell nicht geplant. Aber die perfekte Grundlage hat die Familie nun.
Dass Fabian Keusch beruflich diesen Weg einschlug, war nicht von Anfang an klar. «Baustellen haben mich immer fasziniert», sagt der 24-Jährige. Die grossen Maschinen – eben nicht nur jene auf dem elterlichen Bauernhof. Später absolvierte er eine Lehre als Zeichner, Fachrichtung Ingenieurbau und die letzten drei Jahre studierte er Bauingenieurwesen in Muttenz. Nicht nur seine Bachelor-Thesis wurde ausgezeichnet, mit einer Gesamtnote von 5.7 überzeugte er auch im Studium selbst. Seit wenigen Monaten nun ist Fabian Keusch zurück im Arbeitsalltag. Bei der Debrunner Acifer Bewehrungen AG ist er in der Produktentwicklung tätig und in der technischen Beratung. Dem Bachelor- auch noch das Master-Studium anzuhängen, ist für ihn durchaus eine Option. «Aber zuerst will ich wieder in der Arbeitswelt ankommen», sagt er.