Ein Gastbeitrag von Musikexperte Egon Egemann zum Eurovision Song Contest, dem Mega-Event in Basel
1990 vertrat Egon Egemann die Schweiz am Eurovision Song Contest. Als Musikredaktor bei Radio DRS wirkte der Wohler mit österreichischer Herkunft zudem vor rund 30 ...
Ein Gastbeitrag von Musikexperte Egon Egemann zum Eurovision Song Contest, dem Mega-Event in Basel
1990 vertrat Egon Egemann die Schweiz am Eurovision Song Contest. Als Musikredaktor bei Radio DRS wirkte der Wohler mit österreichischer Herkunft zudem vor rund 30 Jahren in der ESC-Vorjury mit. In seinem Gastbeitrag ordnet der Violinist und Musikproduzent den ESC vom vergangenen Wochenende in Basel ein. Den Sieger aus Österreich sah er schon im Vorfeld als einen der Favoriten.
«Nachdem ich am Samstagabend als Fernsehzuschauer vollen Mutes in den Marathon der grössten medialen Musikveranstaltung der Welt gestartet bin und sich am Morgen danach mein durch stundenlanges, gleichförmiges Getöse eingeschlichener Tinnitus verklungen ist, starte ich den Versuch, das Gesehene und Gehörte ehrlich und nicht ganz unkritisch einzuordnen.
«Vorlage für künftige Events»
Eines möchte ich gleich vorausschicken: Meine 12 Punkte vergebe ich an keinen der Teilnehmenden, sondern an die Organisatoren und Moderatoren, die SRG und die Stadt Basel, die die bisherigen Veranstalter des ESC an Originalität und Perfektion bei Weitem übertroffen haben. Die Schweiz kann sich sehen lassen und hat eine Vorlage für künftige ESC-Events hinterlassen.
Dass sie auch gesanglich und künstlerisch ganz vorne mitmischen kann, hat sie auch dieses Jahr mit Zoe Me, die nach der Bewertung der Fachjury auf dem sensationellen 2. Rang lag, mit ihrem wunderschönen, einfühlsamen Song «Voyage» einmal mehr bewiesen. Die aus meiner Sicht überhaupt nicht nachvollziehbaren null Punkte im Publikumsvoting haben dann immerhin noch zu einem guten 10. Platz geführt. Zu meinen Favoriten gehörten unter anderem auch Israel (2. Platz), Italien (5. Platz) und Griechenland (6. Platz), die meine Hoffnung, dass die klassische Form des Liedes beim ESC noch immer eine Chance hat, bestätigt.
Der von den Wettbüros hochgejubelte schwedische Sauna-Song «Bara Bada Bastu» ist ohne Zweifel ein origineller, gut gemachter Mitsing-Kracher, der aber letztendlich das Rennen nicht machen konnte und auf dem 4. Platz landete.
«Delikates Detail»
Im Wettbewerb darum, wer die höchsten Töne singen kann, hatte der österreichische Countertenor Johannes Pietsch – Künstlername JJ – die Nase vorn und brachte den ESC-Sieg nach Hause. Delikates Detail am Rande: Wie in meinem Fall vor 35 Jahren gibt Österreich der Schweiz 0 Punkte!
In eine dreiminütige Schockstarre bin ich gefallen während des irritierenden Gastauftritts von Nemo, der seine Aura des glorreichen, hochbegabten Vorjahresgewinners infrage stellte. Man möchte den Schmerz, der ihm innewohnt, nur zu gerne verstehen.
«Viel Getöse um relativ wenig Inhalt»
Ich würde Nemo von Herzen wünschen, dass er unbeschadet seinen Weg findet und nicht an den brutalen Gesetzen des Showbusiness zerbricht.
Mein Fazit für den Eurovision Song Contest 2025 in Basel: Wie schon so oft ganz viel Lärm, hohe Töne, Lichttiraden und Getöse um relativ wenig Inhalt. Der normale Alltag hat die Schweiz nach einigen Ausnahmewochen wieder eingeholt. Gut so.»
Egon Egemann