Unterwegs auf allen Meeren
10.02.2026 Wohlen, PorträtWohlerin auf Kreuzfahrtschiff
Die meisten Menschen verbinden Kreuzfahrten mit Urlaub. Natalie Gregor aus Wohlen lernt derzeit die andere Seite kennen. Sie arbeitet als Media Coordinator auf einem Kreuzfahrtschiff – ein intensiver Alltag. --red
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Wohlerin auf Kreuzfahrtschiff
Die meisten Menschen verbinden Kreuzfahrten mit Urlaub. Natalie Gregor aus Wohlen lernt derzeit die andere Seite kennen. Sie arbeitet als Media Coordinator auf einem Kreuzfahrtschiff – ein intensiver Alltag. --red
Die Wohlerin Natalie Gregor arbeitet auf einem Kreuzfahrtschiff
Sie arbeitet da, wo andere Urlaub machen. Seit anderthalb Jahren jobbt die 31-Jährige auf Kreuzfahrtschiffen. Dabei arbeitet sie vier Monate am Stück, sieben Tage die Woche. «Ein solches Schiff ist ein eigener Mikrokosmos», sagt sie.
Chregi Hansen
Im September 2024 landet Natalie Gregor in Stockholm. Vom Flughafen geht es an den Hafen. Und dann ist es so weit. Sie betritt ein Kreuzfahrtschiff von Tui. Nicht als Passagierin. Sondern als Angestellte. «Ich hatte keine Ahnung, was mich genau erwartet. Aber ich war sofort fasziniert von meinem neuen Leben», schaut die Wohlerin auf den Anfang zurück.
Jetzt, im Februar 2026, sitzt sie im Café Hoi. «Ich bin zum ersten Mal hier. Aber es gefällt mir», sagt sie, während sie immer wieder bekannte Gesichter entdeckt. Die 31-Jährige geniesst gerade die freien Wochen zwischen zwei Einsätzen. Sie arbeitet da, wo andere Urlaub machen. Und macht quasi Ferien zu Hause, wohnt in dieser Zeit bei ihren Eltern oder bei Freunden. Am 19. Februar geht es dann in die Dominikanische Republik und dort auf das Schiff. Vier Monate wird sie dann wieder unterwegs sein. Vier Monate Arbeiten, ein bis zwei Monate frei, das ist der ganz normale Rhythmus in ihrem aktuellen Job. Man gewöhne sich daran, sagt sie. Wie lange sie noch dabei bleibt, weiss sie allerdings nicht. «Solange ich an der Mehrzahl der Tage gerne zur Arbeit gehe, bleibe ich. Aber irgendwann ist sicher Schluss», sagt Gregor.
Vor Anstellung auf Herz und Nieren geprüft worden
Später einmal auf einem Schiff arbeiten, das hätte sich die Wohlerin früher nie vorstellen können. Als Kind war sie mit ihrer Familie zwar einst auf einer Kreuzfahrt, aber grossen Eindruck hat ihr die Reise nicht gemacht. Die engen Verhältnisse an Bord, der eher militärische Ton, das schlechte Image von Kreuzfahrten als Klimasünder – all dies widerspricht eigentlich dem, was ihr wichtig ist im Leben. «Aber nach zwei Jahren in einem Bürojob wollte ich etwas von der Welt sehen. Dann habe ich dieses Inserat entdeckt und dachte mir: Das ist doch absurd, aber auch spannend», erklärt sie. Im Februar 2024 schickte sie ihre Bewerbung ab. Und nach einigen Gesprächen, bei denen sie auf Herz und Nieren geprüft wurde, flog Gregor sieben Monate später zu ihrem ersten Einsatz nach Stockholm. «Das wird alles vom Arbeitgeber organisiert, man muss sich um nichts kümmern, zeigt am Flughafen einfach sein Aufgebot und kann sogar zwei Koffer mitnehmen», zählt sie die Vorzüge des Jobs auf.
Damit ist aber Schluss mit Bequemlichkeiten. Auf ihren ersten Reisen war sie in einer engen Zweierkabine untergebracht ohne eigenes Badezimmer. Ihre Kabine befand sich im zweiten Deck, also fast zuunterst – in einem Bereich, welchen die Passagiere nie zu sehen bekommen. Gegessen wird in der eigenen Kantine auf Deck 4, auch die Freizeiträume, zu denen auch eine Bar, ein Coffeeshop, ein Game-Room oder ein Gym gehören, sind in den unteren Bereichen – die meisten ohne Tageslicht. Immerhin: Ihr Arbeitsraum befindet sich auf Deck 5, hier hat sie ab und an Kontakt zu den Gästen. Aber auch dieser Raum ist letztlich bloss ein enges Büro ohne Fenster. «Zum Glück gibt es einen Aussenbereich, den wir nutzen können, um zwischendurch frische Luft zu schnappen», berichtet Gregor.
Viel Arbeit und viel Verantwortung
Trotzdem hätten sie die Arbeit und das Leben an Bord vom ersten Moment an fasziniert, fügt sie an. «Ich wurde von meinem Vorgänger sehr gut eingearbeitet. Er hat mir alles gezeigt und erklärt und mich mit vielen Leuten bekannt gemacht.» Rund 1000 Personen arbeiten auf einem solchen Schiff, viele lernt man nie kennen. Dies auch, weil die Besatzung ständig ändert. «Es ist schwierig, Freundschaften zu knüpfen. Darum muss man möglichst offen sein und auf alle zugehen», sagt sie. Die Reisen dauern von wenigen Tagen bis zu drei, vier Wochen. Danach geht es unter Umständen auf ein anderes Schiff. Auf ein anderes Meer. Mit den Passagieren kommuniziert man deutsch – da Gregor für Tui Cruises unterwegs ist, kommen die meisten Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Mitarbeitenden sprechen oft englisch miteinander, sie kommen aus aller Herren Ländern. Viele von ihnen stammen aus Asien, arbeiten hart und leben in ganz einfachen Verhältnissen im untersten Deck. «Das ist nicht schön anzusehen. Aber man kommt kaum in Kontakt mit ihnen, sie bleiben meist für sich», berichtet die Wohlerin.
Ursprünglich war Natalie Gregor als Desktop Publisherin angestellt, kümmerte sich in dieser Funktion um alle Drucksachen an Bord. Von den Menükarten über das Sportprogramm bis zum Aushang, wenn wegen Rutschgefahr das Deck geschlossen ist. Letzten Sommer wurde sie befördert, ist jetzt Media Coordinator und dafür besorgt, dass die Passagiere über alles Bescheid wissen, was an Bord läuft. Auf Papier, auf Bildschirmen und in der eigenen App. Mit der Beförderung ist aber auch die Belastung gestiegen. «Vorher arbeitete ich 8 bis 10 Stunden am Tag. Und dies sieben Tage die Woche. Jetzt können es auch mal 14 oder 15 Stunden werden, wenn alles drunter und drüber geht.» Das hat auch damit zu tun, dass sie jetzt viel mehr Verantwortung hat, dass die Informationen auch stimmen. «Und es ändert sich auf einem solchen Schiff ständig etwas. Am Anfang kam ich oft ins Schwimmen. Auch darum habe ich mich jetzt nochmals verpflichtet, ich will das Erlernte jetzt anwenden.» Zudem hilft sie auch immer mal wieder in anderen Bereichen aus. Etwa beim Start der Kreuzfahrt, wenn alle Passagiere einchecken.
Berufliches Abenteuer
Neu besitzt sie einen Offiziersrang, der ihr auf dem Schiff gewisse Bequemlichkeiten bringt. So etwa eine Einzelkabine oder die Möglichkeit, sich auch mal im Speisesaal der Gäste zu verpflegen. Auch auf Tagesausflügen ist sie ab und an als Helferin dabei. Langweilig werde es nie, betont sie. Und seekrank sei sie zum Glück noch nie geworden. Sie hat sich bestens an das Leben an Bord gewöhnt. «Meine grösste Angst war, dass ich mich auf einem solch grossen Schiff ständig verlaufe. Aber das ist mir tatsächlich nie passiert», lacht sie. Auch an die Tatsache, dass sie ihre Freunde und ihre Familie während vier Monaten nicht sieht und so manche Feier verpasst, hat sie sich gewöhnt. Die letzten beiden Weihnachten war sie jeweils auf dem Schiff. «Weihnachten gibt es immer wieder. Aber die Möglichkeit hier wird sich später nicht mehr ergeben», sagt sie. Heute gebe es genug technische Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu kommen. Und ein klein wenig können sie schon Einfluss nehmen auf die Einsätze. «Eine Geburtstagsfeier verpassen, das stört mich nicht. Aber an den Hochzeiten meiner Freundinnen will ich schon dabei sein», schmunzelt Gregor. Und nippt an ihrem Cappuccino.
Natalie Gregor geniesst ihr berufliches Abenteuer in vollen Zügen. «Ich versuche bei jedem Halt, kurz in die Stadt zu gehen. An einigen Orten war ich schon mehrfach, da kennt man inzwischen die besten Locations», erzählt sie. Ein besonderes Highlight seien die seltenen Momente, wenn ein Schiff über Nacht im Hafen bleibt – dann kann auch das Personal abends feiern. «Sonst müssen wir immer spätestens eine Stunde vor Abfahrt auf dem Schiff sein. Das wird auch streng kontrolliert.» Überhaupt wird Disziplin grossgeschrieben, dazu gehören auch regelmässige Sicherheitstrainings oder Kabineninspektionen. Die Arbeitskleidung ist eine Uniform. Neu mit zwei Streifen. Dank diesen hat sie jetzt eine eigene Kabine, die sie liebevoll einrichtet, das schätzt die gelernte Schneiderin. Sich ab und zu zurückziehen können, das sei wichtig auf einem Schiff, wo 3000 Passagiere und 1000 Angestellte auf engstem Raum leben. Und ja, es gebe auch ab und an Phasen, wo sie etwas sentimental werde. Aber mit jeder neuen Stadt, die angelaufen wird, seien diese wieder weg.
Natalie Gregor war auf ihren Einsätzen schon oft in der Karibik, im Atlantik, im Mittelmeer oder auch rund um Norwegen unterwegs. «Der Norden ist bei den Angestellten am unbeliebtesten. Ich hingegen liebe es. Nachts auf dem Deck zu stehen und die Polarlichter zu beobachten, das ist traumhaft. Ich mache auch jedes Mal den Ausflug ans Nordkap mit», erzählt sie. Gern würde sie auf weiteren Reisen noch Asien entdecken, «aber da ist das Interesse am grössten. Und wir können nur beschränkt mitreden.» Sie hat die unterschiedlichsten Touren mitgemacht. Und welche Klischees über Kreuzfahrttouristen stimmen denn? «Alle», antwortet sie lachend. Viele Passagiere seien älter, da müsse man das Programm anpassen. «Auf der letzten Fahrt lag das Durchschnittsalter bei 69 Jahren. Da bringt es nichts, wenn die Disco um 22 Uhr öffnet», macht sie ein Beispiel. Umgekehrt war sie auch schon auf einem Kurztrip von Kiel nach Oslo und zurück dabei. «Der ist bei uns als Sauffahrt bekannt. Da hat es lauter junge, feiernde Leute. Darauf muss man sich einstellen können.»
Wertvolle Erfahrungen sammeln
Gregor ist sich bewusst, dass Kreuzfahrten einen schlechten Ruf haben. Und das teilweise zu Recht, gibt sie zu. «Aber es wird auch viel gemacht im Bereich Energie und Ressourcen», fügt sie an. So werde beispielsweise in ihrem Bereich der Information vermehrt digital gearbeitet, um den Papierverbrauch zu senken. Aber viele der älteren Passagiere wollen den Tagesplan eben noch immer ausgedruckt haben. Letztlich sei ein solches Schiff ein eigener, faszinierender Mikrokosmos. Ein kleines, schwimmendes Dorf in einem Paralleluniversum. «Ich bin froh, konnte und kann ich diese Erfahrung machen», sagt sie. Und was sie hier erlebe, komme ihr im späteren beruflichen Leben sicher zugute. «Man lernt, in stressigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und Konflikte schnell zu lösen. Denn Arbeit und Privatleben lassen sich auf dem Schiff eben nicht so einfach trennen.» Auch ihr Arbeitgeber, das Unternehmen «sea chefs», sei sich bewusst, dass die Arbeit streng ist. Und tue entsprechend viel für das Personal. «Einmal durfte ich hoch oben auf der Steuerbrücke dabei sein, als wir aus Gran Canaria ausgelaufen sind. Das war einfach unbeschreiblich», sagt sie.
Auch wenn sie es aktuell geniesst, im Freiamt unterwegs zu sein, so freut sie sich auch schon auf den nächsten Einsatz. Es ist möglich, dass es der letzte ist. «Ich lasse mir alle Optionen offen für die Zukunft», sagt Gregor am Schluss des Gesprächs. Bevor sie in den Mantel schlüpft und in den Schnee hinaustritt.




