Von Blaumeisen und Filzhasen
02.04.2026Der Vater kommt ins Esszimmer, schaut durch das Küchenfenster einen Moment lang in den frühlingshaft blühenden Garten und bleibt mit dem
Martin Rüfenacht
Blick an einer Blaumeise hängen, die nervös im Geäst eines ...
Der Vater kommt ins Esszimmer, schaut durch das Küchenfenster einen Moment lang in den frühlingshaft blühenden Garten und bleibt mit dem
Martin Rüfenacht
Blick an einer Blaumeise hängen, die nervös im Geäst eines Hartriegelbusches umherhüpft. Er kann sich schliesslich vom Anblick losreissen und beginnt dann gemächlich den Tisch zu decken.
Seine Tochter kommt hinzu und setzt sich missmutig auf ihren Platz.
Tochter: Murmelt etwas Unverständliches.
Vater: Wie bitte?
Tochter: Verdreht die Augen und legt ihren Kopf auf die verschränkten Arme auf der Tischplatte: Ich sagte, es ist zu früh …
Vater: Komm schon, es ist Ostern. Schlafen kannst du noch das ganze Jahr in der Schule.
Tochter: Haha, sehr witzig.
Vater: Hilf mir lieber, den Tisch zu decken. Hier, nimm die Filzhasen und verteile sie! Er reicht ihr die Verpackung.
Sie steht missmutig auf und beginnt, die Hasen zu platzieren.
Vater: Ich finde es schön, wenn wir unsere Traditionen beibehalten. Weisst du noch, dass ihr euch immer gestritten habt, wer den Hasen mit dem Lampiohr haben durfte? Er lächelt sie liebevoll an.
Sie lächelt zurück und popelt besagten Hasen aus der Verpackung.
Tochter: Meiner! Sie strahlt und legt die Filzfigur behutsam neben den Teller an ihrem Platz.
Vater: Was hast du eigentlich gegen Ostern? Früher habt ihr euch immer sehr darauf gefreut. Deine Mutter und ich mussten uns jeweils sehr anstrengen, neue Verstecke für eure Osternestli zu finden.
Tochter: Ja, das war vor hundert Jahren … Wieder verdreht sie die Augen. Ich kriege dieses Jahr aber wieder einen Schoggihasen, oder?
Vater: Wenn das in deine vegane Ernährung passt …
Tochter: Das war letzten Monat, ich bin keine Veganerin mehr.
Vater: Verdreht jetzt selbst die Augen und rückt die Butter etwas näher an den Platz der Tochter heran. Wo bleiben die anderen?
Tochter: Zuckt mit den Schultern. Musst du nicht noch eine Ostergeschichte für die Zeitung schreiben?
Vater: Habe ich schon gemacht.
Tochter: Einen Krimi?
Vater: Nein, ich fand, ein Krimi passt irgendwie nicht zu Ostern.
Tochter: Warum nicht? Beim Eiersuchen findet der kleine Nils die Leiche des Nachbarn. Sie malt mit grosszügigen Gesten eine Schlagzeile in die Luft.
Vater: Winkt ab. Ich sehe, du hast Talent. Er lächelt nicht ohne Stolz.
Tochter: Oder ein Tierkrimi, so wie der mit den Schafen. Der Mörder ist immer der Osterhase, oder so. Wieder zeichnet sie Schlagzeilen in die Luft.
Vater: Setzt sich an den Tisch und lehnt sich zu seiner Tochter vor. Ich glaube, wir haben schon genug Gewalt auf der Welt, findest du nicht?
Tochter: Zieht die Augenbrauen nach oben.
Vater: Bei Ostern geht es doch um etwas ganz anderes.
Tochter: Nämlich?
Vater: Um den Sieg des Lebens über den Tod, zum Beispiel.
Tochter: Eben doch Krimi.
Vater: Ja, nur umgekehrt. Beim Krimi steht die Leiche selten wieder auf. Aufersteht selten … Er stutzt einen kurzen Moment. Wie auch immer, es geht doch um etwas Grösseres. Um Frieden und Erlösung und so. Wobei ich mich immer gefragt habe, was das mit der Erlösung soll, das habe ich irgendwie nie richtig verstanden. Vermutlich, dass man sich schon zu Lebzeiten mit dem Tod auseinandersetzen soll … Gut, danach ist auch eher schwierig. Aber wahrscheinlich steht hinter dem Ganzen die Idee, dass man vor dem Tod keine Angst zu haben braucht, weil danach etwas Besseres kommt?
Tochter: Sieht ihn skeptisch an.
Vater: Ich meine ja nur, vielleicht lohnt es sich, darüber nachzudenken. Immerhin werde ich auch nicht ewig leben.
Tochter: Jetzt fängst du wieder damit an? Geniesse doch einfach, was du hast. Mich zum Beispiel. Sie wirft sich in Pose und schiebt ihm einen ziemlich zerzausten Filzhasen hin. Oder deinen Schmuddelhasen hier. Sie lacht laut auf.
Vater: Lächelt gequält. YOLO, was?
Tochter: Ganz genau!
Vater: Nimmt die lädierte Figur in die Hand und hält sie sich vors Gesicht. Manchmal fühle ich mich tatsächlich wie dieser Hase.
Tochter: Alt und verfilzt? Sie lacht erneut.
Vater: Legt den Hasen zurück auf den Tisch.
Tochter: Komm schon, lass dir von einem Filzhasen nicht den Tag verderben. Immerhin ist Ostern, schon vergessen? Hast du vorhin ja selbst gesagt.
Vater: Steht wortlos auf und geht zur Kaffeemaschine.
Tochter: Dreht sich zu ihm um. Darf ich dein Auto haben, wenn du stirbst?
Vater: Schaut sie schockiert an.
Tochter: Lacht laut. War nur ein Scherz. Jemand muss mich ja noch zum Training fahren, bis ich 18 bin. Sie grinst frech.
Vater: Widmet sich der Kaffeemaschine und hantiert daran herum.
Der Sohn betritt das Esszimmer.
Sohn: Schreit. Warum kriegt sie den Hasen mit dem Lampiohr?! Wirft sich beleidigt auf seinen Stuhl und vergräbt den Kopf in seinen Armen.
Tochter: Lacht fies und streckt ihrem kleinen Bruder die Zunge heraus.
Vater: Kommt zum Tisch und legt seinem Sohn liebevoll die Hand auf die Schulter. Seht ihr, das ist genau, was ich meine. Wie soll Frieden auf der Welt herrschen, wenn ihr nicht einmal hier am Tisch friedlich sein könnt?
Tochter: Ich bin ja friedlich.
Sohn: Bist du nicht! Er hebt den Kopf.
Tochter: Ernsthaft? So ein Theater wegen eines Filzhasen?
Sohn: Selber Theater.
Vater: So, jetzt ist aber Schluss, ihr zwei. Helft mir lieber.
Sohn: Steht übellaunig auf, holt Besteck aus der Schublade und legt es unmotiviert auf den Tisch.
Vater: Nur wer sich selbst gern hat, kann andere lieben.
Sohn: Meinst du mich?
Vater: Sieht mir jedenfalls nicht nach liebevollem Umgang aus, so wie du das Besteck auf den Tisch wirfst.
Sohn: Richtet die Messer etwas gerader aus. Besser so?
Vater: Viel besser. Lächelt dem Sohn freundlich zu.
Sohn: Ist zufrieden mit sich. Kann ich iPad?
Vater: Bitte einen ganzen Satz.
Sohn: Darf ich biiiiitte iPadeln?
Vater: Nein.
Sohn: Warum nicht?
Vater: Weil heute Ostern ist und wir zusammen brunchen wollen.
Sohn: Ich nicht.
Vater: Dann gibt’s auch keinen Schoggihasen.
Sohn: Trollt sich beleidigt aufs Sofa im Wohnzimmer.
Tochter: Ruft ihm hinterher. Ausserdem heisst das heute Ei-Pad, ist schliesslich Ostern. Sie betont das Wort «Ei».
Vater: Lass ihn …
Tochter: Du redest von Weltfrieden, aber erpresst deinen Sohn mit einem Osterhasen?
Vater: Überlegt kurz. Eigentlich hast du recht. Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass in der Erziehung kein Tag ohne Erpressung, Drohung oder Bestechung vergeht. In diesem Fall war es wohl eine Mischung aus allen dreien. Ist nicht gut, finde ich auch. Da sind wir schlechte Vorbilder.
Tochter: Passiert auf der Welt gerade auch nicht anders, wenn man sich so die Nachrichten ansieht.
Vater: Wie wäre es, wenn wir heute einmal versuchen würden, einen vorbildlichen Tag zu leben, was meinst du?
Tochter: Ich bin dabei.
Vater: Ruft dem Sohn zu. Du kannst so viel iPad schauen, wie du willst.
Sohn: Yesss! Steht auf und holt sich das Gerät.
Tochter: Braucht es nicht trotzdem Regeln für den Weltfrieden? Wenn jeder machen kann, was er will, dürfte es schwierig werden.
Vater: Da hast du wieder recht. Ruft dem Sohn zu. Aber nur 10 Minuten!
Sohn: Ruft beleidigt etwas Unverständliches zurück.
Tochter: Die UNO hat einen schweren Stand.
Vater: Grinst. Manchmal wäre vielleicht ein Osterhase hilfreich.
Tochter: Wie meinst du das?
Vater: Na ja, jemand, der zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Geschenke bringt, um gute Laune zu verbreiten und die Gemüter zu beruhigen.
Tochter: Gute Idee. Und alle sitzen dann um einen Tisch, vertragen sich und haben eine gute Zeit.
Vater: So in der Art.
Tochter: Wo ist eigentlich Mami?
Vater: Ist noch im Bett. Lass sie schlafen.
Tochter: Überlegt. Wenn du die UNO bist, wer ist Mami dann?
Vater: Der Sicherheitsrat? Lacht. Keine Ahnung. Ich würde sagen, wir gründen für deine Mutter eine zweite UNO, einverstanden? Vielleicht ist die dann geschickter im Umgang mit schwierigen Fällen. Zeigt mit dem Kinn in Richtung Wohnzimmer und lächelt. Aber schau mal, da hinten wartet ein Hase auf deine Mutter.
Tochter: Geht in die Küche und holt einen grossen rosaroten Schoggihasen, den sie behutsam auf den Tisch stellt. Der ist aber schön!
Die Mutter kommt im Pyjama die Treppe herunter.
Mutter: Wer ist schön?
Tochter: Zeigt auf den Hasen. Der da.
Mutter: Lächelt. Ja, der ist wirklich schön. Wendet sich zum Wohnzimmer um. Kommst du?
Der Sohn kommt ohne Umschweife an den Tisch.
Vater und Tochter werfen sich einen erstaunten Blick zu und nehmen ebenfalls Platz.
Auf dem Sims des Esszimmerfensters sitzt die Blaumeise mit einem Zweig im Mund und zieht sämtliche Blicke auf sich.
Vater: Frohe und friedliche Ostern euch allen.
Mutter, Tochter und Sohn: Frohe Ostern!
Der Autor: Martin Rüfenacht ist Jurist und Autor der Bernauer-Krimis. Er wohnt mit seiner Familie in Aristau. Er ist gerne in der Natur unterwegs, liebt Schoggihasen und Osterbrunch.


