Wenig Haare, viel Talent

Do, 01. Apr. 2021
Beim FC Aarau sorgte er für viele Glanzparaden. Hier im Spiel gegen den FC Basel am 20. April 2005, war Oliver Stöckli allerdings machtlos. Der Endstand war 0:5. Bild: Andy Müller / Archiv

Fussball, Serie «Unsere Regionalfussballhelden»: Oliver Stöckli startete beim FC Muri und kickte danach bei vielen NLA-Clubs

Ein zweites Zuhause beim FC Basel, gefeierter Penaltyheld beim FC Aarau: Torhüter Oliver Stöckli erlebt Glanzzeiten. «Gruppe Wald» beim FC St. Gallen und ein Gerichtsfall mit Cristian Constantin: Der Ex-Profi aus Aristau muss auch Tiefschläge verkraften. «Meine Karriere war eine Lebensschule», sagt der 44-Jährige, der heute in Wohlen arbeitet.

Stefan Sprenger

Am Ende ist Goalie Oliver Stöckli der gefeierte Held. Wir schreiben den 13. Februar 2005. Der FC Aarau ist zu Gast im Espenmoos in St. Gallen. 7000 Zuschauer sind beim Viertelfinal des Schweizer Cups dabei. 2:2 stehts nach 90 Minuten. 3:3 nach Verlängerung. Das Elfmeterschiessen entscheidet. Stöckli krallt sich zwei Penaltys. Der Goalie mit den wenigen Haaren schreit in den Nachthimmel. Aarau gewinnt 7:6 und die grosse Cup-Party beginnt. «Vielleicht das beste Spiel meiner Karriere», erzählt der heute 44-Jährige.

Beim FC Muri verwurzelt, in Wohlen der Arbeitsort

Oliver Stöckli, ein Typ Marke angenehm, lebt heute in Althäusern mit seiner Frau Annalena und der 4-jährigen Tochter Malin. Mit Fussball hat er nicht mehr viel zu tun. Nach seinem Karriereende 2009 war er noch als Goalietrainer im Nachwuchs des FC Basel und später beim FC Muri tätig, zog sich sonst aber zurück. «Beim FC Muri bin ich an den Heimspielen noch ab und zu dabei und Mitglied des Club 50», sagt er. Dort könne er sein grosses Netzwerk einbringen. Seit rund 12 Jahren arbeitet der gelernte Bankkaufmann wieder in seinem angestammten Beruf als Firmenkundenberater, davon seit drei Jahren bei der UBS Switzerland AG in Wohlen. Dort kann er auch seine grössten Stärken ausspielen: hilfsbereit, diplomatisch und aufgestellt.

Dort, in einem Sitzungszimmer namens «Niedermatten», trifft diese Zeitung Oliver Stöckli und spricht mit ihm über die Erinnerungen an seine Profikarriere. Er erzählt von jenem Cupspiel im Februar 2005 mit dem FC Aarau. «Dieser Moment war ein emotionaler Höhepunkt nach einer schwierigen Zeit.»

Die zwei Jahre zuvor steckt Stöckli in einem Loch. Angefangen hat die Misere beim FC St. Gallen. Im Frühling 2003 wird er vom Trainer Heinz Peischl in die «Gruppe Wald» befördert, eine Trainingsgruppe für aussortierte Spieler.

Konkurs in Lugano, Rechtsstreit mit Constantin

Er wird zum FC Lugano ausgeliehen. Im Tessin macht er kein einziges Spiel. Dafür erlebt er eine andere böse Überraschung. «Am Montagmorgen hiess es, wir können zusammenpacken und nach Hause gehen.» Der FC Lugano hatte Konkurs gemacht. Die Spieler gehen nach dieser Schockmeldung trotzdem trainieren. Ein Plauschmätchli soll es sein. Für Stöckli wurde es zum Horrortrip. «Ich wurde umgesäbelt. Diagnose: Splitterbruch im Fuss.»

Immerhin: Er hatte in St. Gallen einen laufenden Vertrag und somit eine Absicherung. Im Sommer 2003 wechselt er zum FC Sion. Ein riesiges Missverständnis. Stöckli macht nur zwei Spiele und landet am Ende mit Sion-Präsident Cristian Constantin vor Gericht. «Es war vieles nicht so wie vereinbart», sagt er dazu. Zwei Jahre dauerte der Rechtsstreit, am Ende gab es eine aussergerichtliche Einigung. Und heute kann er darüber lachen.

Wie über so vieles in seiner Karriere. «Es hatte alles seinen Grund. Aus allem habe ich etwas gelernt und mitgenommen.» Angefangen hat er bei den E-Junioren des FC Muri. Dort durchkickt der Aristauer die ganze Juniorenabteilung und landet 1993 – als 16-Jähriger – in der ersten Mannschaft. In seiner ersten Saison unter Trainer Salvatore Andracchio durfte er zwei Einsätze absolvieren.

Debüt vor 15 000 Fans im Joggeli

In seiner zweiten Saison schafft er den Durchbruch Muri. «Die Derbys gegen Wohlen vor den vielen Fans sind bis heute unvergesslich.» Weil er zudem Teil der Nachwuchs-Nationalmannschaft war, fällt der talentierte Freiämter auch den grossen Clubs auf. 1995: Der FC Basel angelt sich Oliver Stöckli. Er findet in Basel ein zweites Zuhause. Unter Goalietrainer-Koryphäe Milan Sarovic wird er immer besser, erhält seine ersten Einsätze in der Nationalliga A und spielt in der U21-Nati.

3. Mai 1997. FC-Basel-Goalie Thomas Grüter verletzt sich im Spiel gegen GC. Nach der Halbzeit (beim Stand von 2:2) kommt Oliver Stöckli, damals 20 Jahre jung und noch in voller Haarpracht, zu seiner Premiere in der höchsten Spielklasse. «Ich hatte schwitzige Hände», meint er. Verständlich. Bei GC hiess das Sturmduo Viorel Moldovan und Kubilay Türkyilmaz. Für Basel trifft Adrian Knup zum 3:2. Das alte Joggeli-Stadion mit 15 000 Zuschauern bebt. Goalie Stöckli muss den Ausgleich hinnehmen, Joël Magnin trifft zum 3:3.

Blüte und Fall in St. Gallen

Dieses Spiel verhilft ihm zum Durchbruch. Der für die kommende Saison designierte Trainer des FC Basel, der verstorbene Deutsche Jörg Berger, sass auf der Tribüne und war vom Spiel des Freiämters so beeindruckt, dass er ihn zur neuen Nummer 2 im Tor des FCB nominierte. Rund 10 Spiele durfte er in dieser Zeit für Basel absolvieren.

Was danach folgt, ist eine Reise durch die halbe Fussballschweiz. 1998 geht Stöckli zum FC Baden und nach einer Saison ist er wieder in Basel unter Trainer Christian Gross. Erneut ein Jahr später geht es zu Winterthur und schliesslich folgt seine Hochzeit ab 2001 beim FC St. Gallen. 52 Spiele absolviert er für die Espen, wird im «Blick» zum «Aufsteiger des Jahres» gekürt und spielt im UEFA-Cup gegen Bukarest und Freiburg. «Eine tolle Zeit», erinnert er sich.

Nach dem Abstellgleis in der «Gruppe Wald» im Jahr 2003 folgen die Abstecher nach Lugano, Sion und Concordia Basel. In der Winterpause der Saison 2004/05 folgt seine zweite Glanzzeit, als er zum FC Aarau wechselt. Dort gelingt ihm im Cup-Viertelfinal eines seiner besten Spiele der Karriere. Im Penaltyschiessen wird er der Held des FC Aarau und eliminiert die Ostschweizer dank seinen Hexerparaden. Ausgerechnet gegen diesen FC St. Gallen, wo er zwei Jahre zuvor aussortiert wurde. Das Wort «Revanche» will er dabei nicht in den Mund nehmen. «Es war mehr eine Bestätigung, dass ich es noch kann», meint er korrekt und diplomatisch.

Kurzes Gastspiel beim FC Wohlen

2006 gehts zum FC Winterthur in die Challenge League. Stöckli spielt regelmässig. Im Januar 2008 trainiert er kurz in den Niedermatten. Beim FC Wohlen absolviert er ein Aufbautraining unter Trainer Martin Rueda. Der Transfer platzt. Stöckli kehrt im Januar 2008 nochmals, zum dritten Mal, zurück zum FC Basel. Wieder heisst der Trainer Christian Gross. Bei den Bebbi kommt er viermal zum Einsatz, feiert den Meistertitel und den Cupsieg. Die grossartigen Champions-League-Spiele gegen Barcelona, Sporting Lissabon und Schachtar Donetzk – bei denen er als Ersatztorhüter dabei war – bleiben ihm bis heute in bester Erinnerung.

Der Haaransatz verzieht sich immer weiter nach hinten und das Karriereende rückt immer näher. Stöckli engagiert sich zu jener Zeit als Goalietrainer beim FC-Basel-Nachwuchs. Sein letztes Spiel der Karriere machte er im Dezember 2008. Der FC Luzern schenkt dem FC Basel und Oliver Stöckli fünf Tore ein (1:5).

In Althäusern zu Hause

Im Sommer 2009 war Schluss. Nach 12 Saisons als Profi hat der damals 32-Jährige genug. «Ich habe den Entscheid gefällt und war nicht mehr bereit, für den Fussball so viel zu opfern.» Nach Spielen im UI-Cup, dem UEFA-Cup und total 66 NLA- und 49 NLB-Partien, hängt er die Goaliehandschuhe endgültig an den Nagel. Und Oliver Stöckli ist kein Typ, der danach noch aus Plausch zu den Senioren kicken geht. «100 Prozent oder gar nicht», meint er dazu.

Er setzt fortan auf den Job. Die Banklehre machte er bei der Freiämter Bank SLO, in der Anfangszeit beim FC Basel arbeitet er beim Bankverein (heute UBS). Dort knüpft er nach dem Profifussball an. Er steigt bei der Raiffeisenbank in Muri ein und ist seit drei Jahren bei der UBS Switzerland AG in Wohlen tätig.

In seiner Laufbahn spielt er für viele Vereine, wechselt oft den Wohnort. Basel, St. Gallen, Sion, Lugano. Doch nach der Karriere spült es ihn zurück in die Heimat Freiamt. Mit seiner Familie wohnt er heute in Althäusern. Dort, wo auch seine Frau aufgewachsen ist.

Heute blickt er wohlwollend auf seine Karriere zurück: «Die Zeit in Basel oder St. Gallen, ja selbst der Gerichtsfall gegen Cristian Constantin, das alles war eine wichtige Erfahrung und hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich erlebte Hochs und Tiefs, alles in allem war es eine wunderbare Zeit.» Das Fussballbusiness war nicht immer ein Wohlfühlort, wie der sensible Stöckli erklärt. «Manchmal muss man als Profisportler beissen.» Mitgenommen aus der Fussballzeit hat er viel – auch ein paar Freunde. Sie heissen Reto Zanni, Goran Ivelj, Jan Berger oder Marko Walker.

«Jetzt ist es ein Wollen»

Nach der Karriere macht er lange Zeit keinen Sport. Und feiert dann seinen grössten sportlichen Erfolg abseits des Fussballplatzes. Mit der App «Freeletics» trainiert er regelmässig und diszipliniert mit Eigengewicht. «Als Profisportler war manch ein Training ein Müssen. Jetzt ist es ein Wollen. Dass ich nun wieder ein regelmässiges Training in meinen Alltag einbauen konnte, ist ein grosser sportlicher Erfolg für mich», meint er lachend.

Wir schreiben den 16. März 2005. Einen Monat ist es her, dass Oliver Stöckli der gefeierte Penaltyheld war im Cup-Viertelfinal gegen den FC St. Gallen. Diesmal duelliert sich Aarau mit St. Gallen in der Meisterschaft. Wieder sind 7000 Fans im Espenmoos. Es steht 0:0. In der 86. Minute erhalten die Ostschweizer einen Penalty. Alex Tachie-Mensah läuft an. Oliver Stöckli krallt sich den Penalty auf sensationelle Art und Weise. Der Goalie mit den wenigen Haaren schreit in den Nachthimmel. Er ist erneut der gefeierte Held.

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