Wie gut ist das Trinkwasser?

Di, 24. Nov. 2020
Stellvertretend fürs Freiamt: Wassermeister Dirk Strebel ist überzeugt von der Qualität «seines» Murianer Leitungswassers. Bild: rig

Der Reichtum an Wasser wie auch seine Vielfalt sind einmalig in der Schweiz. Die Versorgung mit sauberem Wasser ist stets gewährleistet. Auch qualitativ erfüllt das Wasser höchste Richtlinien. Plötzlich auftretende bakterielle Verunreinigungen sind hierzulande äusserst selten. Meldungen lassen daher aufhorchen, dass in zahlreichen Wasserfassungen, auch im Freiamt, Spuren eines Pflanzenschutzmittels und dessen Abbauprodukte festgestellt wurden. Ist das Hahnenwasser in Gefahr?--rig


Wasser – ein gefährdetes Gut?

Frage rund um die Chlorothalonil-Problematik – auch im Freiamt: Was empfiehlt die Wasser-Sommelière?

Eine Wein-Sommelière ist in gehobeneren Gaststätten Standard. Aber eine kompetente Beratung für Wasser als Essensbegleitung ist eher die Ausnahme. Auch ohne professionelle Empfehlung stellt sich im Zusammenhang mit der Pestizideproblematik «Chlorothalonil» die Frage: Natürliches Hahnenwasser oder doch Mineralwasser aus der Flasche?

Richard Gähwiler

Meldungen über grenzwertige Nachweise von Chlorothalonil-Abbauprodukten verunsicherten die Bevölkerung. Das schweizweit fast beliebig verfügbare Trinkwasser mit einem Makel belastet? Chlorothalonil ist in Pflanzenschutzmitteln enthalten und wurde seit den 1970er-Jahren in der Schweizer Landwirtschaft eingesetzt. Dann hat die Schweiz mit der EU gleichgezogen und diesen Wirkstoff ab dem 1. Januar 2020 verboten. Dies aufgrund einer Einstufung der Gesundheitsgefährdung als «möglicherweise krebserregend». Ein resultierendes Abbauprodukt (Metabolit Chlorothalonil-Sulfonsäure, R417888) ist als «möglicherweise erbgutschädigend» klassiert. Ein weiterer Metabolit (R471811) gilt zwar als relevant, aber nicht als toxisch.

Beide sind mobil und können ins Grundwasser und somit ins Trinkwasser gelangen. Für beide gilt daher ein Grenzwert von 0,1 Millionstel Gramm pro Liter Trinkwasser (0,1 µg/l). Dieser Grenzwert wurde nach ersten Messungen bei rund zwei Dritteln der Trinkwasserfassungen im Aargau überschritten. Das führte bei den meisten Wasserversorgern zu Problemen und neuen Herausforderungen. Nachfolgend eine Bestandesaufnahme im Freiamt.

Im Freiamt steht die Ampel auf «Orange»

Die Wasserversorgungsgenossenschaft Boswil und der Gemeinderat von Bünzen haben zusammen mit dem Amt für Verbraucherschutz (AVS) ein Beprobungskonzept betreffend die Chlorothalonil-Problematik ausgearbeitet. Messungen dieser Pflanzenschutzmittelrückstände in einzelnen Wasserzuläufen ergaben eine Überschreitung der Grenzwerte des nicht toxischen Abbauproduktes, im Reservoir Hansimatt 0,22 µg/l und im Reservoir Gländ 0,66 µg/l. Die belasteten Quellen zum Reservoir Gländ wurden daher nicht ins öffentliche Netz eingeleitet, wodurch eine Reduktion der Rückstände erreicht werden konnte. Das Gleiche gilt für die Gemeinde Besenbüren, die heute vollumfänglich von der Gemeinde Bünzen mit Trinkwasser versorgt wird.

In Muri wurden einzig bei den Pumpwerken Lippertswiese die aktuellen Grenzwerte der nicht toxischen Abbauprodukte R471811 leicht überschritten, was so auf der Homepage ausgewiesen wird. Im Pumpwerk Schachen und in den Quellen wurden keine Schadstoffe festgestellt. Durch Beimischung von unbelastetem Wasser werden die Werte stark verringert.

Muri beliefert Nachbargemeinden

«So kann das Wasser bedenkenlos und ohne Gesundheitsrisiko konsumiert werden», erklärt der Murianer Wassermeister Dirk Strebel, nachdem ihm dies vom Amt für Verbraucherschutz (AVS) in Aarau bestätigt wurde. Dasselbe gilt auch für Benzenschwil als direkten Wasserbezüger von Muri. Auch Merenschwand kauft zur Deckung des Gesamtbedarfs zusätzlich Wasser von Drittanbietern. Im Zusammenhang mit der Chlorothalonil-Problematik dient dieser Zukauf aus Muri auch zum Abmischen mit eigenem Quellwasser, das eine deutliche Überschreitung der Schadstoffgrenzwerte zeigte.

Die Wasserversorgung Mühlau wird durch das Grundwasserpumpwerk Fahr gespiesen. «Die Proben ergaben einen einwandfreien Befund», steht im aktuellen Untersuchungsbericht des AVS. Mit weniger als 0,02 µg/l liegen die Werte der Chlorothalonil-Metaboliten unter der Bestimmungsgrenze der entsprechenden Methode.

Die Wasserversorgung der Gemeinde Aristau hat im vergangenen September die jährliche Untersuchung nach Abbaustoffen des Pestizids Chlorothalonil (Chlorothalonil-Sulfonsäure, R417888) im Trinkwasser vorgenommen. Der Wert von 0,03 μg/l entspricht den Qualitätsanforderungen gemäss Verordnung des EDI über Trinkwasser und kann ohne weitere Massnahmen bedenkenlos konsumiert werden.

Wohlen hilft Villmergen aus

In Dottikon wurde die Quelle Tieffurt umgehend vom Netz genommen, als ein zu hoher Wert der problematischen Chlorothalonil-Sulfonsäure R417888 festgestellt wurde. «Das Trinkwasser im Leitungsnetz ist daher weiterhin uneingeschränkt konsumierbar und verfügbar», antwortet Brunnenmeister Roland Michel. Auch im Wohler Trinkwasser wurden Überschreitungen des Grenzwertes für Chlorothalonil-Sulfonsäure (R417888) festgestellt. Die ibw als Versorger der Gemeinde Wohlen mit Trinkwasser hat das betroffene Grundwasserpumpwerk Eichholz umgehend ausser Betrieb genommen und dies wird bis auf Weiteres so bleiben, bestätigt Geschäftsleiter Giovanni Romeo auf Anfrage.

Ebenfalls deutliche Überschreitungen beider Chlorothalonil-Abbauprodukte sind in der aktuellen Auflistung der Wasser-Qualitätsdaten der Gemeindewerke Villmergen (GWV) dokumentiert. «Das Wasser kann auch im Fall einer Höchstwertüberschreitung weiterhin uneingeschränkt als Trinkwasser verwendet werden. Es sind aber Massnahmen erforderlich, damit längerfristig wieder alle Anforderungen an das Trinkwasser eingehalten sind», wurden die Gemeindewerke Villmergen vom Amt für Verbraucherschutz informiert.

Zulkon: Nach anfänglicher Skepsis ist alles wieder gut

«Als Massnahme haben wir den Wasserkauf von Wohlen auf das vertragliche Maximum erhöht», erklärte Gemeinderat Renato Sanvido kürzlich (siehe Ausgabe vom vergangenen Dienstag, 17. November). Somit wird das Wasser aus den eigenen Quellen so weit verdünnt, dass das Chlorothalonil in Villmergen nicht über den Maximalwert kommt. Als Spitzenreiter bezüglich dieser Pestizid-Rückstände wurde Anfang 2020 die Gemeinde Zufikon gelistet. Die aufgeführten 0,91 µg/l bezogen sich jedoch auf eine einzelne Grundwasserfassung und nicht auf das aus verschiedenen Quellen und aus dem Einzugsgebiet des Regionalen Wasserverbandes Mutschellen gemischte Trinkwasser.

Aktuelle Messungen im Trinkwassernetz haben ergeben, dass die Werte für die kritische Chlorothalonil-Sulfonsäure (R417888) deutlich unter dem Grenzwert liegen. Die Analysen für den Chlorothalonil-Metaboliten R471811 lagen mit 0,11 und 0,31 µg/ l geringfügig über dem Grenzwert.

Nachhaltige Lösungen brauchen Zeit

Wie die Umfrage zeigte, wird als Sofortmassnahme in mehreren betroffenen Gemeinden das kontaminierte Wasser mit Wasser aus anderen Wasserfassungen gemischt. Dadurch soll der Schadstoffgehalt gesenkt werden, wodurch der Grenzwert wieder eingehalten wird.

Diese «End-of-Pipe-Lösung» kann nicht von Dauer sein. Das Verbot von Chlorothalonil ist ein erster Schritt. Dennoch ist zu erwarten, dass die Chlorothalonil-Metaboliten aufgrund deren Langlebigkeit noch mehrere Jahre bis Jahrzehnte im Grundwasser nachweisbar sein werden. Daher braucht es weitergehende Massnahmen.

So setzt das Kantonale Amt für Verbraucherschutz (AVS) auf Weisung des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit einen Zeitraum von zwei Jahren, um technische Aufbereitungsverfahren einzusetzen. Stichworte sind da Aktivkohle-Adsorption und Nano-Filtration, aufwendige und kostspielige Verfahren, die sich nicht im Handumdrehen umsetzen lassen.

Beruhigend informiert das AVS, dass das Trinkwasser weiterhin ohne Bedenken konsumiert werden kann, auch wenn der Grenzwert temporär überschritten wird. Die Schadstoffe seien erst in höherer Konzentration oder bei längerer Exposition gefährlich. Aber wer trinkt schon täglich 100 Liter Wasser? Trotzdem sei die Frage erlaubt: Soll man besser nur noch Mineralwasser aus Flaschen trinken?

Aus der Plastikflasche statt aus dem Hahn?

Und was unterscheidet Mineralwasser von normalem Leitungswasser? «Natürliches Mineralwasser ist mikrobiologisch einwandfreies Wasser, das aus einer oder mehreren natürlichen Quellen oder aus künstlich erschlossenen unterirdischen Wasservorkommen besonders sorgfältig gewonnen wird», so die Definition gemäss der Verordnung. Ein Minimalgehalt an Mineralien wird hingegen nicht gefordert. Daher gibt es einige Mineralwasser, die nicht mehr Mineralien – das sind im Wesentlichen die Stoffe Natrium, Magnesium, Kalzium, Chloride, Sulfate und Hydrogencarbonat – enthalten als das Leitungswasser. «Diese Mineralien sind es, die Geruch und Geschmack eines Wassers bestimmen», erklärt Wasser-Sommelière Anke Scherer. Sie muss es wissen. Seit mehreren Jahren berät sie diesbezüglich die Gäste im Grand Resort Bad Ragaz.

Stets auch Hahnenwasser

Ein bekanntes Schweizer Mineralwasser erhält mit ihren Worten folgende Beurteilung: «Riecht leicht säuerlich. Feine Perlen. Ist mineralreich und wirkt hart am Gaumen. Säuerlicher Abgang. Passt zu kräftigen Gerichten.»

Neben Mineralwässern – zu Hause hat sie meist fünf verschiedene Typen – genehmigt sie sich auch gerne und ohne Bedenken ein Schlückchen ab dem Hahn. «Den Geruch oder Geschmack von Chlorothalonil oder anderen Schadstoffen konnte ich bis anhin nicht feststellen, da wäre bei der Wasserversorgung etwas schiefgelaufen, denn die Grenzwerte sind so tief angesetzt, dass auch Supernasen keinen Makel finden», erklärt Wasser-Sommelière Scherer.

Weitere Informationen: www.ag.ch/de/ dgs/verbraucherschutz – Angaben zur Wasserqualität erhält man bei jeder Gemeindeverwaltung.


Künftig bitte chemiefreies Wasser

Der Entscheid zwischen «Hahn oder Flasche» kann nicht qualitativen Ursprungs sein. Er kann aber finanziell begründet werden: Mineralwasser kostet in der Schweiz zwischen 20 und 90 Rappen pro Liter, ein Liter Trinkwasser ab Hahn durchschnittlich 0,2 Rappen, also rund 100 bis 500 Mal weniger. Aber auch ökologische Gründe sprechen deutlich für das Wasser aus dem Hahn. Oder es ist einfach das Bauchgefühl und das persönliche Empfinden, das für die eine oder die andere Variante spricht. «Trotz dem zu erwartenden häufigen Nachweis von R471811 bleibt das Aargauer Trinkwasser ein sicheres Lebensmittel, das sich uneingeschränkt zum Trinken und für die Lebensmittelherstellung eignet», bestätigt das Amt für Verbraucherschutz in der Medienmitteilung von Anfang November. Daher mögen einigen Kritikern die vorsorglichen Massnahmen (Verbot, Grenzwerte) übertrieben erscheinen.

Eine Symbiose

Aber muss man immer zuwarten, bis die Folgen des Wirkens brutal und heimtückisch in Erscheinung treten (Asbest-Fasern, Teflon-Rückstände, Dioxin-Vergiftungen)? Die Gesundheit ist in Symbiose mit Umwelteinflüssen. Eine intakte Natur, reine Luft und sauberes Trinkwasser sind Voraussetzungen für ein gesundes Leben. --rig

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