«Wir sind bereit für Olympia»
06.03.2026 Wohlen, SportPascal Jenny, der Wohler ist Vizepräsident von Swiss Olympic, zu Olympia Mailand und Ausblick Schweiz 2038
Er war in offizieller Mission an den Olympischen Spielen in Mailand. Pascal Jenny gewann als Vizepräsident von Swiss Olympic einen umfassenden Eindruck vom ...
Pascal Jenny, der Wohler ist Vizepräsident von Swiss Olympic, zu Olympia Mailand und Ausblick Schweiz 2038
Er war in offizieller Mission an den Olympischen Spielen in Mailand. Pascal Jenny gewann als Vizepräsident von Swiss Olympic einen umfassenden Eindruck vom Grossereignis. Der Wohler arbeitet nun gezielt auf die Olympischen Spiele 2038 in der Schweiz hin. Für dieses Ziel verfolgt er eine Devise: «Mut zur Klarheit – lieber kleiner, dafür glaubwürdig.»
Daniel Marti
«Geil war es», haben Sie in einer ersten Einschätzung geschrieben. Wie war Ihr erster Eindruck von den Olympischen Spielen in Milano-Cortina effektiv?
Pascal Jenny: Geil war es tatsächlich. Die Kombination aus Mailand als Metropole und den Dolomiten als alpine Bühne hatte eine unglaubliche Wucht. Als Aroser spürt man sofort: Winterspiele in den Bergen haben eine besondere Energie. Gleichzeitig war es organisatorisch ein Kraftakt. Diese Mischung aus Emotion, Natur und Grossstadt war beeindruckend. Und der Eishockey-Final zwischen den USA und Kanada war schlicht eines der sportlich genialsten Erlebnisse, welchen ich je beiwohnen durfte.
Nun ist das Spektakel seit bald zwei Wochen vorbei. Wie ist Ihr Eindruck, nachdem sich alles etwas gesetzt hat?
Mit etwas Distanz wird man differenzierter. Sportlich war es echt stark, die Schweizer Leistungen haben überzeugt, wenn sie auch nicht überraschend kamen. Organisatorisch sieht man die Komplexität dezentraler Spiele. Olympia ist heute nicht mehr nur ein Sportfest, sondern ein geopolitisches, wirtschaftliches und infrastrukturelles Mammutprojekt. Das darf man nicht verkennen. Persönlich finde ich, dass das nationale OK in Italien und das IOC einen tollen Job gemacht haben innerhalb der notwendigen Anpassungen für eine weiterhin erfolgreiche Zukunft von Olympischen Winterspielen.
Sie waren in offizieller Mission für Swiss Olympic an den OS. Was haben Sie denn besucht?
Ich war an verschiedenen Wettkämpfen, bei strategischen Meetings, Funktionärs- und Volunteer-Gesprächen und im Austausch mit dem IOC sowie anderen Nationen.
Und was nehmen Sie persönlich davon mit?
Die Wichtigkeit ganzheitlicher Betreuung unserer Athletinnen und Athleten – im sportlichen und mentalen Bereich. Die Schweiz mit Delegationsleiter Ralph Stöckli ist hier absolute Weltspitze. Weiter nehme ich mit, wie entscheidend klare Strukturen und kurze Entscheidungswege sind. Hier hat Swiss Olympic mit der neuen Präsidentin Ruth Metzler-Arnold eine grossartige Führungsperson an der Spitze.
Weitere Erkenntnisse?
Wie wichtig internationale Netzwerke für eine künftige Schweizer Kandidatur sind. Mir hat es auch bestätigt, dass meine Kandidatur für den internationalen Handballverband IHF wichtig war. Mit einer solchen Funktion wird man überall noch ein wenig ernster genommen.
Diese Spiele wurden anfänglich wegen der Nachhaltigkeit gerühmt. Davon ist wenig übrig geblieben, fast alle Anlagen wurden neu gebaut …
Nachhaltigkeit ist heute ein politisches Schlagwort – aber es muss mehr sein als Kommunikation. Ja, es wurde neu gebaut, meines Wissens wurde aber nur die Bobbahn extra neu gebaut. Die Santa-Giulia-Halle fürs Eishockey war schon lange als Messe-/Veranstaltungshalle geplant seitens der Stadt und wird künftig als solche genutzt werden.
Zudem wurde sie privat finanziert. Entscheidend wird sein, ob diese Infrastruktur langfristig genutzt wird. Für die Schweiz 2038 wäre klar: Wir dürfen mit bestehenden Anlagen oder temporären Lösungen arbeiten. Alles andere wäre nicht glaubwürdig.
Die Spiele waren sehr dezentral – fast 500 Kilometer auseinander. Vor- oder Nachteil?
Beides. Der Vorteil: Bestehende Standorte konnten genutzt werden. Der Nachteil: Die olympische Verdichtung, dieses «Wir sind alle am gleichen Ort»- Gefühl, geht ein wenig verloren. Das wird aber in der heutigen Zeit kaum mehr zukunftsfähig sein. Auch hier sollten wir bei den Fakten bleiben; Winterspiele waren auch in der Vergangenheit meistens schon dezentraler als Sommerspiele. Beispielsweise Peking, Pyeongchang. Sogar Vancouver. Es gab auch tolle Stimmung, beispielsweise in Livigno. Und ja, Bormio, nur mit den Rennen der Alpinen, war das weniger gute Beispiel. Diese Erkenntnisse sind eine sehr grosse Chance für alle Austragungsländer der Zukunft. Gerade für die Olympischen Winterspiele 2038 in der Schweiz werden wir sehr bewusst entscheiden: Wo schafft man Nähe, wo akzeptiert man Distanz.
Die Stimmung sei nicht überall überragend gewesen. Skifahrer fühlten sich teilweise wie an einem Weltcuprennen.
Das habe ich auch gehört. Und teilweise gespürt. Wenn sich Wettkämpfe wie reguläre Events anfühlen, fehlt etwas vom Mythos. Aber man darf nicht vergessen: Athletinnen und Athleten machen die Spiele besonders – nicht nur die Kulisse. Ich habe mich selbst die ganze Zeit in einem Hühnerhaut-Gefühl erlebt. An Olympischen Spielen zu sein, die Ringe überall zu sehen, dies ist und bleibt etwas Unbeschreibliches, Distanzen hin oder her. Unser Delegationsleiter Ralph Stöckli hat mit seinem Zitat in meinen Augen den Nagel auf den Kopf getroffen: «Sehr viele Athletinnen und Athleten sind mit vielen Olympiaeindrücken abgereist. In Cortina, Antholz und Livigno war der Spirit durchaus spürbar.»
Ist der olympische Geist an gewissen Orten nicht etwa zu kurz gekommen?
Olympischer Geist entsteht durch Begegnung und Austausch. Oft ist es auch ein individueller Eindruck und hängt je nachdem auch mit der eigenen Leistung zusammen. Bei verteilten Standorten ist das schwieriger. Aber ich habe ihn auch stark erlebt – im Schweizer Team, im Austausch zwischen Nationen, bei den Wettkampfstätten.
Was ist Ihr Highlight aus Schweizer Sicht?
Die Breite unserer Leistungen. Wir sind nicht nur in einzelnen Disziplinen stark, sondern sind strukturell gewachsen. Medaillengewinne in fünf Verbänden und acht Sportarten. Das spricht für die gute Arbeit in den Verbänden – und für die Sportförderung in der Schweiz. Das zeigt explizit: Swiss Olympic und die Verbände arbeiten nachhaltig.
Die Schweiz will 2038 die Spiele ausrichten. Was nehmen Sie diesbezüglich aus Mailand mit?
Drei Dinge: Mut zur Klarheit – lieber kleiner, dafür glaubwürdig. Bestehende Infrastruktur nutzen. Politik und Bevölkerung früh einbinden. Das haben wir in den letzten Monaten sehr gut gemacht im Verein Olympische und Paralympische Winterspiele 2038. Zudem kann eine alpine Nation Winterspiele auch emotional tragen – das ist unsere DNA. Wenn ich sehe, wie die grossen Schneesportregionen wie eben beispielsweise Arosa Lenzerheide boomen, wie beliebt der Schneesport in der Schweiz aktuell ist, dann kann man sagen: Wir sind bereit für die Olympischen Winterspiele 2038.
Was müsste man 2038 denn besser machen?
Ich ganz persönlich würde Wert darauf legen, dass in jedem Kanton der Schweiz Olympia thematisiert wird. Egal ob man Wettkämpfe hat oder nicht. Das wäre für Kinder, Familien, Schulen und Gäste unvergesslich. Der Rest steht im aktuellen Konzept für die Spiele 2038. Wir haben eigentlich bereits auf alle Kritikpunkte von Milano-Cortina die Antwort ausgearbeitet. Der Verein wird dies in den nächsten Wochen zu beantworten wissen.
Nachhaltigkeit als Trumpf der Schweiz – kann das auch gelebt werden?
Ja. Aber nur, wenn wir konsequent sind. Die vier Dimensionen der Nachhaltigkeit sind mein Berufsalltag. Mit unserer Firma tfy-consult begleiten wir über 200 Firmen in der Schweiz in den Themen. Erleben also tagtäglich, dass nachhaltiges Agieren ein Wettbewerbsvorteil ist. Das wird in Zukunft stark zunehmen. Auf die Spiele in der Schweiz umgemünzt heisst dies Folgendes: Temporäre Bauten, bestehende Anlagen, Finanzierung und Themen der sozialen Nachhaltigkeit transparent machen. Oder anders ausgedrückt, die Legacy und deren spezifische Projekte bereits nach dem Zuschlag, hoffentlich im Frühjahr 2027, bis weit nach der Durchführung in der Gesellschaft sinnvoll integrieren. Und vielleicht am wichtigsten: keine Spiele um jeden Preis. Nur Spiele, die zur Schweiz passen. So, wie jetzt unser Konzept präsentiert wurde.
Olympia und Politik – kaum trennbar. Wie sehen Sie das?
Olympia war immer politisch. Das darf man nicht verdrängen. Sport wird von der Politik auch gezielt genutzt. Siehe Russland oder auch USA. Es ist schwierig für den Sport, sich dem zu entziehen. Swiss Olympic braucht politische Unterstützung – auf Bundesebene, in den Kantonen, in den Regionen. Entscheidend sind Transparenz und Ehrlichkeit. Keine Versprechen, die man nicht halten kann.
Gab es Kontakte in Mailand zur neuen IOC-Führung? Konnten Sie die Schweiz 2038 schmackhaft machen?
Die IOC-Präsidentin traf ich zweimal in Lausanne. Leider nun in Italien nicht. Ich war zum falschen Zeitpunkt am falschen Austragungsort. Aber unser Executive-Rat von Swiss Olympic hatte als Team Gespräche auf verschiedenen Ebenen mit IOC-Vertreterinnen und -Vertretern. Solche Prozesse laufen langfristig.
Und abschliessend: Wie stehen die Chancen für Schweiz 2038?
Realistisch betrachtet: Wenn wir die Hausaufgaben machen, die Schweiz die Spiele will, dann kriegen wir sie vom IOC zugesprochen. Wir können uns nur noch selbst stoppen. Das wäre in Anbetracht von diesem echt grossartigen Konzept zu Olympischen Spielen 2038 in der Schweiz sehr, sehr schade, wenn es noch Gegenwind geben würde.
Persönlich
Pascal Jenny (geboren am 23. März 1974) ist in Wohlen aufgewachsen. Er ist ehemaliger Schweizer Handballspieler und heutiger Touristiker, Unternehmer sowie Ökosystem-Experte.
Er bestritt insgesamt 73 Länderspiele (118 Tore) für die Schweizer Handballnationalmannschaft. Aktuell ist er Präsident des Schweizerischen Handballverbandes.
Zudem ist Pascal Jenny Vizepräsident Swiss Olympic, Präsident Arosa Tourismus, Chief of Competition internationaler Handballverband IHF. Seit dieser Woche ist Pascal Jenny Delegierter für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles (siehe Artikel rechts).
Delegierter in Los Angeles
Die nächste Wahl von Pascal Jenny
Pascal Jenny wurde diese Woche im 1st Council der IHF als einer von zwei offiziellen Delegierten für Los Angeles 2028 bestimmt. Die Internationale Handballföderation (IHF) ist der Handballweltverband mit Sitz in Basel. «Das heisst, ich sitze im OK der Olympischen Spiele», betont er im Wissen, dass da eine ganze Menge Arbeit auf ihn zukommen wird. Wohl drei bis vier Monate wird er dann vor den Olympischen Spielen in Los Angeles vor Ort sein.
Also der nächste Karriereschritt. Die Aufgabe, als Delegierter für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles tätig zu sein, bedeutet für ihn vor allem Freude. «Gerade auch der Besuch von Paris und Milano-Cortina haben in mir die Lust geweckt, an so einem Anlass mal konkret mitwirken zu dürfen.» Nun ermöglicht ihm dies sein Amt bei der IHF. «Auch wenn es wohl ein intensives Jahr 2028 geben wird, freue ich mich einfach ungemein.»
Kreis schliesst sich
Pascal Jenny blickt auch 30 Jahre zurück. Er habe immer noch das Ausscheiden als letzter Spieler in der Handball-Nati für die Olympischen Spiele im Jahr 1996 in Atlanta im Hinterkopf, erklärt er. «Der Kreis wird sich nun im Jahr 2028 schliessen.» --dm


