Wo Heimatgefühle aufkommen
03.08.2024 MerenschwandBeichte nach 35 Jahren
Schriftsteller Marcel Huwyler referierte an der Bundesfeier in Merenschwand
Unterhaltsam sei es gewesen, selbst die Kinder hätten zugehört. Das Feedback nach der Festrede von Marcel Huwyler fiel durchweg positiv ...
Beichte nach 35 Jahren
Schriftsteller Marcel Huwyler referierte an der Bundesfeier in Merenschwand
Unterhaltsam sei es gewesen, selbst die Kinder hätten zugehört. Das Feedback nach der Festrede von Marcel Huwyler fiel durchweg positiv aus.
Thomas Stöckli
«Ich muss das jetzt loswerden: Seit 35 Jahren will ich euch das beichten», kündigte Krimiautor Marcel Huwyler gleich zu Beginn seiner Ansprache eine grosse Enthüllung an. Gemeinderätin Claudia Dober hatte ihn, der im Dorf aufgewachsen ist und sich hier auch nach seinem Wegzug in die Zentralschweiz immer noch heimisch fühlt, zuvor auf dem Pausenplatz vor der Dreifachturnhalle begrüssen dürfen. Ihn und über 200 Interessierte, die den Geburtstag der Schweiz gemeinsam schon am Vorabend zelebrieren wollten.
«Es freut mich, dass wir draussen feiern dürfen», schickte Dober voraus. Die Feuerwehr, welche die Festwirtschaft führte, hatte sich auf alle Eventualitäten vorbereitet und auch in der Halle Sitzgelegenheiten bereitgestellt, die dann aber nicht benötigt wurden: Es blieb bei vereinzelten Regentropfen.
Doch was hatte es nun mit der angekündigten Beichte auf sich? «Während meinem Studium habe ich den Pöstler vertreten, wenn der in die Ferien ging. Und – ja eben – tut mir leid. Entschuldigung. Ich gebe es jetzt zu. Endlich kann ich das beichten», lässt der Erzählprofi die Spannung weiter ansteigen, ehe er nach einer rhetorischen Pause endlich die allseits heiss ersehnte Auflösung liefert: «Ich habe jede Postkarte gelesen! Jede! Von euch allen!»
Festredner Marcel Huwyler fand in Merenschwand einen erfrischend anderen Zugang zu einem Standardthema
Über «Heimat» wird viel gesagt am 1. August. Dem Krimiautor gelang es in der Gemeinde seiner Kindheit trotzdem, die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer in seinen Bann zu ziehen.
Thomas Stöckli
«Über was soll man zum Nationalfeiertag sprechen?» Die Frage, die sich ihm wie jedem anderen Referenten stellt, gibt Marcel Huwyler in Merenschwand an die Festgemeinde weiter – um diese in der Folge an seinen Gedankengängen teilhaben zu lassen: In der nationalen Mediendatenbank stiess er nämlich auf einen Begriff, der in diesem Zusammenhang letztes Jahr nicht weniger als 694 Einträge verzeichnete. Will heissen: 694 Erwähnungen in verschiedenen Publikationen in der Schweiz, in Zeitungen und Zeitschriften. Von einem «magischen Wort» spricht Huwyler in diesem Zusammenhang.
«Indianerlis» mit der künftigen Bundesrätin
«Heimat» ist dieser Begriff, von dem um den 1. August alle sprechen, und der deshalb «wahnsinnig wichtig» sein müsse, so der Festredner. «Wo ist diese Heimat?», fragt er sich selbst und sein Publikum weiter. «Für mich ist das klar: Da, wo ich meine Kindheit verbrachte», löst er auf.
«Heimat ist dort, wo man Sachen erlebt, die einen für den Rest des Lebens prägen», sagt Huwyler und wird konkreter: Da, wo er sein erstes Velo mit Dreigangschaltung erhalten habe. Da, wo er sein erstes Theaterstück geschrieben habe, ein Kasperlitheater. «Heute ist das mein Beruf, das Herumkaspern.» Aber auch da, wo die verloren geglaubte Säge aus der Kindheit im Ortsmuseum wieder auftaucht. Und da, wo er im Spiel als Indianer die künftige Bundesrätin aus dem Dorf an einen Baum gefesselt habe.
«Wortschüttelmaschine» als Hilfsmittel
«Was ist das Besondere, was ist das Geheimnis des Dorfs, das Herz, der Kern, die DNA?», spinnt der Referent den Faden seines Frage-Antwort-Spiels weiter. Als Hilfsmittel dient ihm nun eine «Wortschüttelmaschine», mit deren Hilfe er seine alte und seine neue Heimat unter die Lupe nimmt. Für seinen aktuellen Wohnort Lauerz spuckt diese «Ulzerus» aus, was an den medizinischen Begriff für «Geschwür» erinnert. Für Merenschwand resultiert dagegen «Drachmen-News», wobei die alte griechische Währung mit chaotischer Finanzpolitik in Verbindung gebracht werden könnte. «Das wollen wir hier aber nicht vertiefen», gibt der Referent mit Blick zu den anwesenden Behördenvertretern Entwarnung.
Erinnerungen an Sinneseindrücke
«Heimat ist dort, wo ich gerne bin», findet Huwyler zum Hauptstrang seiner Rede zurück. Dort, wo man die Kirche schon von Weitem erkennt, dort wo man Steuern zahlt, wo die eigene Zahnbürste steht und wo man den Müll vor die Türe stellt.
Und auch Erinnerungen von verschiedenen Sinneswahrnehmungen sorgen für gute Gefühle von Heimat. Der Geruch von einer Bratwurst über dem Feuer. Das erste Mal geschlossen tanzen im Skilager, untrennbar verbunden mit einem Song von Abba. «Ich wünsche Ihnen ganz viel Heimat!», wendet sich Huwyler gegen Schluss seiner Rede nochmals ans Publikum.
Lampionumzug und Feuerwerk zum Abschluss
Die trotz Standardthema doch erfrischend andere Ansprache wird an manchem der Tische noch weiter diskutiert. Zur Musik von «Six Päck» bleibt reichlich Zeit, anzustossen und sich auszutauschen, bis mit dem Eindunkeln dann der von den kleinen Festbesuchern heiss ersehnte Lampionumzug startet. Und pünktlich um 22 Uhr dürfen sich die Merenschwander über ein spektakuläres, professionell arrangiertes Feuerwerk südlich der Turnhalle freuen. Private Initiative macht es möglich. Und so entstehen auch an diesem Abend wieder ganz viele neue Sinneseindrücke, die künftig für Heimatgefühl sorgen dürften.