Zukunft dank Laptop
11.07.2025 Merenschwand, Region Oberfreiamt16 000 Laptops in fünf Jahren
«Wir lernen weiter» – eine Erfolgsgeschichte, die während der Pandemie entstand
Damit Armutsbetroffene Zugang zur digitalen Welt erhalten. Tobias Schär gründete vor fünf Jahren ...
16 000 Laptops in fünf Jahren
«Wir lernen weiter» – eine Erfolgsgeschichte, die während der Pandemie entstand
Damit Armutsbetroffene Zugang zur digitalen Welt erhalten. Tobias Schär gründete vor fünf Jahren «Wir lernen weiter».
Annemarie Keusch
Eigentlich könnten die ganzen Wände damit tapeziert sein. Mit handgeschriebenen Karten und Papieren. Sie alle bringen dasselbe zum Ausdruck: Dank. «Es ist enorm schön, wie viele Rückmeldungen wir erhalten», sagt Tobias Schär, Gründer und Geschäftsführer von «Wir lernen weiter». Das Hilfsprojekt sammelt ausrangierte Laptops, bereitet diese auf, setzt sie neu auf und gibt sie Armutsbetroffenen. Wie gross deren Dankbarkeit ist, zeigen die Rückmeldungen. Wie gross das Bedürfnis ist, zeigt auch der nationale Bedarf. Längst arbeitet «Wir lernen weiter» mit Sozialdiensten von Gemeinden und Kantonen zusammen – über tausend Gemeinden sind es mittlerweile schweizweit. «Jede 500. Person in unserem Land hat ein Gerät des kleinen Teams erhalten.»
Dabei hat alles ganz klein und unscheinbar angefangen. Mit der Pandemie und der Frage, die sich Tobias Schär stellte: «Was macht man, wenn man keinen Zugang zur digitalen Welt hat?» Schnell war die Idee zu «Wir lernen weiter» entstanden. Was in seinem Schlafzimmer in Merenschwand anfing, ist mittlerweile ein schweizweites Hilfswerk mit sieben Vollzeitstellen und zwei Standorten geworden. «Ich bin richtig stolz», sagt Gründer und Geschäftsführer Tobias Schär.
Merenschwand: Tobias Schär blickt auf fünf Jahre «Wir lernen weiter» zurück
Im Pfarrhaus und in der Industrie. Neun Angestellte. Aus einer Idee ist innert fünf Jahren ein nationales Hilfswerk entstanden. Der 31-Jährige erzählt von den vielen Entwicklungen, die «Wir lernen weiter» erlebt hat, und er ist überzeugt: «Wir verändern wirklich etwas.»
Annemarie Keusch
Irgendwie ist es kaum mehr vorstellbar. Tobias Schär nennt es «Wildwest-Aktionen». Etwa, dass Tausende Laptops ins Dachgeschoss des Pfarrhauses in Merenschwand getragen wurden – und natürlich wieder runter. Oder dass die Schlange jener, die in der Garage des Pfarrhauses einen Laptop abholten, einst gar bis zur Hauptstrasse reichte. Improvisieren, das war lange Zeit das, was Tobias Schär täglich musste. «Tetris spielen», sagt er, wenn er zurückblickt, wie in den Anfängen alle Geräte in unterschiedlich grossen Schachteln verschickt wurden. «Was eben gerade da war.» Und daran, dass damals auch noch allerlei Geräte angeliefert wurden. «Heute sind sie einheitlicher, weil sie in grösseren Mengen fast ausschliesslich von Firmen kommen.» Die Zeit von «Chruut und Rüebli» ist vorbei. «Zum Glück», sagt Schär. Nicht, weil jetzt vieles einfacher ist und mehr Geräte benötigt werden. Sondern weil es zwischenzeitlich auch um seine Gesundheit ging. «Ende 2020 war ich einem Burn-out sehr nahe», gesteht er. Ein Wochenende, an dem er nicht für «Wir lernen weiter» gearbeitet hat, gab es seit der Gründung am 1. April 2020 nicht. Dabei war Schär noch im Studium, arbeitete in einem 80-Prozent-Pensum.
Diese Zeiten sind längst vorbei. Schär kann sich nur noch auf «Wir lernen weiter» konzentrieren, ist zu hundert Prozent bei seinem Herzensprojekt angestellt. Sieben Vollzeitstellen braucht es mittlerweile, neun Leute gehören zum Team. Der Gesamtverein umfasst 60 Mitglieder aus der ganzen Schweiz. «Dass es je so gross wird, hätte ich nie gedacht», gesteht der Merenschwander. Denn angefangen hat alles ganz klein, in seinem Schlafzimmer im Elternhaus. Anfangs waren es Verwandte und Bekannte, die ihm ihre ausrangierten Laptops brachten, er bereitete sie auf, suchte Armutsbetroffene, denen er die Geräte weitergeben konnte. Via soziale Medien machte Schär auf sein Projekt aufmerksam. «Wir lernen weiter» wuchs rasant. Im April 2020 gegründet, folgte im August 2020 der Umzug ins Pfarrhaus, im April 2021 dank Stiftungen die ersten kleinen Pensen. «Vorher war alles ehrenamtliche Arbeit. Und es war enorm viel.» Mittlerweile ist der Verein komplett unabhängig von externen Finanzierungen.
1000 Gemeinden als Partner
Aber auch wenn Schär die Situation anfangs im Pfarrhaus mit der jetzigen vergleicht, hat sich vieles verändert. Auf eigene Kosten hat der Verein «Wir lernen weiter» das Dachgeschoss ausgebaut. Und hier werden keine Laptops mehr aufgesetzt, sondern es ist «nur» noch der Bürostandort. Und lange Schlangen vor der Garage gibt es auch keine mehr. «Wir lernen weiter» arbeitet längst mit einem Logistikpartner und Sozialämtern zusammen. Jede zweite Schweizer Gemeinde zählt zu den Abnehmern. Alle grossen Deutschschweizer Städte sind dabei, wenn die Verträge mit kantonalen Sozialämtern abgeschlossen wurden, gar ganze Kantone. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass es gerade im Freiamt nicht flächendeckend grün ist. «Der Föderalismus im Aargau macht es für uns gelinde gesagt nicht einfacher», sagt Tobias Schär. Und es sei eine Tatsache, dass primär grössere Gemeinden von ihrem Angebot Gebrauch machen. «Weil dort die Armut auch als Problem angegangen wird.» Aber die grossen Gemeinden sind alle dabei: Wohlen, Bremgarten, Muri, Villmergen – und viele mehr.
Er betont aber auch, dass in konservativeren Regionen mehr weggeschaut wird. «Uns geht es einfach zu gut. Wir denken schlicht nicht daran, dass es Armut auch bei uns gibt. Aber es gibt sie, das zeigen die Statistiken der Sozialdienste auch bei uns.» Dabei betont Schär, dass es nicht die Aufgabe von «Wir lernen weiter» sei, zu beurteilen, weshalb jemand in Armut gerät. Klar ist aber: Die Hilfe kommt an, wo sie nötig ist. «Darum geben wir Laptops seit langer Zeit nicht mehr an Private ab, sondern arbeiten mit Partnerorganisationen, wie Gemeinden oder kantonalen Migrationsstellen.» Es habe Momente gegeben, in denen er sich ausgenützt gefühlt habe, wenn beispielsweise dasselbe Gesicht zum dritten Mal in der Warteschlange aufgetaucht sei. Dabei betont Schär: «Wir wollen einfach helfen, wenn diese Hilfe nötig ist.» Und das ist sie. 16 000 Laptops hat der Verein in den letzten fünf Jahren neu aufgesetzt.
Eigene Programme entwickelt
Wobei das, was Schär und sein Team in Merenschwand tun, viel mehr ist. Seit 2023 hat «Wir lernen weiter» einen zweiten Standort. Gut 200 Quadratmeter Platz in einem Neubau im Industriegebiet Merenschwands. «Hier wird die ‹richtige› Arbeit erledigt», sagt Schär und lacht. Aufbereitung, Lager, Logistik, Software-Entwicklung, Infrastruktur. «Ich bin oft hier, weil ich nicht vergessen will, was der Kern unserer Arbeit, unseres Projekts ist.» Hier kommen die gespendeten Laptops an. Die Löschung der Daten ist ein erster und sehr wichtiger Schritt. «Das müssen wir gewährleisten können, auch Löschzertifikate und Videos als Beweis», sagt Schär. Es folgt die Inventarisierung, die Reinigung, das Testen. Schliesslich müssen Tastatur, Festplatte, Akku funktionieren. Zudem werden ein neues Betriebssystem und neue Programme installiert und nochmals alles getestet, bevor der Laptop verschickt wird. Wöchentlich verlassen bis zu 200 Laptops das Lager.
Wenn alles reibungslos läuft, braucht es keine fünf Minuten, die ein Mitarbeiter am Gerät verbringt. «Natürlich, die Programme dauern längern», betont Schär. Aber «Wir lernen weiter» nimmt sich nicht nur Laptops an, die einwandfrei funktionieren. «Schliesslich geht es zwar primär darum, dass die Menschen den digitalen Anschluss nicht verpassen, aber es muss auch ökonomisch tragbar sein.» Teile zu ersetzen, auch wenn es viel Zeit in Anspruch nimmt, gehört dazu. Gleiches gilt für das ständige Optimieren. Ein Beispiel? «Wir lernen weiter» hat ein eigenes Löschsystem entwickelt und stetig optimiert. Daten werden zuverlässig gelöscht und die Löschung auch überprüft. Industrielle Schredder vernichten defekte Festplatten. «Es ist uns wichtig, immer besser zu werden», betont Schär. Möglichst viel werde automatisiert. «Nur beim Reinigen der Geräte wird dieser Schritt wohl kaum möglich sein.»
Taten anstatt Worte
Besser werden, nach Höherem streben, möglichst viel verändern – das entspricht Tobias Schär. Dass «Wir lernen weiter» nach fünf Jahren selbstfinanziert dasteht, macht ihn stolz. Dass 96 Prozent der Einnahmen aus Unkostenbeiträgen bestehen, ebenfalls. Denn kostenlos kann der Verein die Laptops längst nicht mehr abgeben. 150 oder 250 Franken muss ein Sozialamt für ein Gerät zahlen – kostenloser Whatsapp-Support inklusive. Gemeinden, die ihre ausrangierten Geräte zur Verfügung stellen, zahlen den kleineren Betrag. «Im Schnitt sind es 230 Franken pro Laptop. Für einen solchen Preis lässt sich kein Gerät kaufen, zumal die Anforderungen stetig steigen.» Schär weiss von Fällen, die in einer Integrationslehre einen Laptop mit Touchscreen voraussetzen. «Völlig sinnbefreit und eine Zumutung für jemanden, der wahrscheinlich gar kein Geld hat.»
Die Politik ist Teil der Arbeit, aber vielmehr will Schär Taten statt Worte sprechen lassen. «Genau das haben wir nun seit fünf Jahren getan.» Fast schon jede 500. Person in der Schweiz hat dank «Wir lernen weiter» Zugang zur digitalen Welt, kann dadurch eine Lehre absolvieren oder sich im Berufsleben etablieren. Es ist Schärs soziale Ader, die am Anfang der Idee stand. Aber er betrachtet es auch aus ökologischer Sicht. «Die Wirtschaft kann es sich doch nicht leisten, dass wir künftig auch noch Hunderttausende digitale Analphabeten irgendwie durchfüttern müssen. Wir sparen den Steuerzahlenden schon heute Millionen.» Darum gibt es für ihn auch nur einen Weg: weiter, immer weiter. Denn der Bedarf reisst mit steigender Digitalisierung nicht ab. Der Tatendrang des Teams ebenfalls nicht.
Mehr Infos: www.wir-lernen-weiter.ch