10 Sekunden vor dem Ende
02.05.2025 Sport, SchwingenErinnerungen und ein Schock
Am Sonntag startet die Kranzfestsaison im Schwingen mit dem Solothurner Kantonalen in Grenchen. Dieses Fest konnte SK-Freiamt-Urgestein Paul Vollenweider einst gewinnen. Der Eidgenosse erinnert sich. Und es gibt vor dem Auftakt eine ...
Erinnerungen und ein Schock
Am Sonntag startet die Kranzfestsaison im Schwingen mit dem Solothurner Kantonalen in Grenchen. Dieses Fest konnte SK-Freiamt-Urgestein Paul Vollenweider einst gewinnen. Der Eidgenosse erinnert sich. Und es gibt vor dem Auftakt eine Schocknachricht: Für Eidgenosse Lukas Döbeli ist die Saison vorbei. --spr
Schwingen: Der Eidgenosse Paul Vollenweider prägte den Schwingklub Freiamt und schwelgt in Erinnerungen
Dieses Jahr feiert der SK Freiamt seinen 100. Geburtstag. Am Sonntag werden die ersten Kränze am Solothurner Kantonalen vergeben. Jenes Fest konnte Paul Vollenweider aus Merenschwand schon gewinnen. Er erzählt von seinen Siegen – auf und neben dem Schwingplatz.
Stefan Sprenger
Bei Paul Vollenweider treffen sich die Superlativen. Er ist der einzige Freiämter, der ein Bergfest gewinnen konnte (Schwarzsee 1984). Und er ist der Einzige in der Geschichte des Schwingsports, der es schaffte, mit fünf gestellten Gängen dennoch einen eidgenössischen Kranz zu gewinnen.
Eine glatte 10 zum Schluss
Das war 1989 in Stans. Bei seiner fünften Teilnahme an einem Eidgenössischen. Für Vollenweider, der 1974 mit dem Schwingsport angefangen hat, geht damals ein Traum in Erfüllung. Mit 33 Jahren. An seinem letzten Schwingfest. Und das 10 Sekunden vor dem Ende seiner Karriere. Nach einem guten Start am Samstag mit zwei Siegen und zwei Gestellten erreicht er bei den ersten drei Gängen am Sonntag ebenfalls nur unentschieden. «Ich wusste, dass ich den letzten Gang gewinnen muss, wenn ich noch eine Chance auf den Kranz haben will», erinnert sich Vollenweider. Und ihm gelingt das, 10 Sekunden vor dem Ende. Ein Plattwurf gegen Kurt Pfyl beschert ihm die Note 10. Und 42 000 Menschen jubeln ihm zu. Er kommt total auf 74.75 Punkte. Ob das für den Kranz reicht? «Ich ging duschen. Als ich rauskam, stürmten meine Freiämter Kameraden in die Garderobe und erzählten mir die frohe Botschaft», sagt Vollenweider. Die Emotionen sind riesig. Der letzte von total 51 Kränzen in seiner Karriere ist zugleich der grösste. Es wird am gleichen Abend im «Storchen» in Mühlau gefeiert bis morgens um 6 Uhr.
Der Baumeister schreibt ein «Oberfreiämter Märchen», wie es damals in der Zeitung steht. «Und ich habe danach nie mehr geschwungen und meine Karriere beendet.» Sein Körper war nach all den Jahren des Sports verbraucht. Beckenriss, Rippenbrüche, gebrochene Finger und Quetschungen. Und dazu hat er eine junge Familie und ein eigenes Bauunternehmen. «Es war der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören», sagt der 68-Jährige.
Judo hilft ihm fürs Schwingen
Vollenweider war nicht nur Schwinger. Er holt auch zwei eidgenössische Kränze im Ringen und einen im Nationalturnen (am eidgenössischen Turnfest in Winterthur 1984, einen Tag bevor er das Schwarzsee-Schwinget gewinnt). Und als er mit 18 Jahren ein Jahr in Schweden verbringt, lernt er den Judo-Sport kennen. «Diese Haken, Fusswürfe und Übersprünge beim Judo haben mir beim Schwingen sehr geholfen», sagt er.
In seiner Karriere holt er weitere starke Siege an Schwingfesten. Er ist bis heute der einzige Freiämter, der ein Bergfest gewinnen konnte. Am Schwarzsee 1984 war das. «Einen Sahne-Tag» habe er da erwischt. Er siegte auch am Aargauer (1989), Solothurner (1982) (beide jeweils mit sechs Siegen) und am Baselstädtischen Schwingfest (1980). «Ich war nur 84 kg schwer und mit 1,80 m auch nicht der Grösste. Ich war ein unkonventioneller Schwinger. Gegen die grossen Kaliber konnte ich mich aber stets stark wehren, und ich bin mit meiner Karriere sehr zufrieden.»
Ein steter Rückhalt war für ihn sein Verein, der Schwingklub Freiamt. «Eine tolle Kameradschaft, mein Herzensverein», sagt Vollenweider. Dies war wohl auch der Grund, wieso er nach der Aktivkarriere dennoch eine prägende Figur bleibt. Vollenweider wird 1989 Präsident vom SK Freiamt – er übernimmt damals von Walter Rohrer.
«Goldene Zeiten» und Bau der Schwinghalle
Er bleibt bis 1996 Präsident – und erlebt just in jenem Jahr die erfolgreichste Saison der 100-jährigen Vereinsgeschichte, als die Freiämter insgesamt 41 Saisonkränze gewinnen. «Goldene Zeiten», sagt Vollenweider noch heute. 2001 wird er zudem Präsident des Aargauer Schwingverbandes. Vollenweider ist zudem Ehrenmitglied des SK Freiamt, des Aargauer und des Nordwestschweizerischen Schwingverbandes. In all den Jahren hat er viel für den Schwingsport geleistet. Einer seiner grössten Würfe war aber der Bau der neuen Schwinghalle in Aristau im Jahr 2007. Gemeinsam mit Ueli Küng – damals Gemeindeammann in Aristau – und weiteren Schwingerfreunden war Vollenweider als Bauunternehmer die treibende Kraft dieses Projekts. «Unser Klub brauchte ein neues Zuhause. Dass ich da mitwirken durfte und es realisiert wurde, erfüllt mich mit grosser Genugtuung», sagt er.
Er hofft auf tolles Jubiläumsjahr
Vollenweider, Vater von drei Kindern und mittlerweile neunfacher Grossvater, ist ein Sportfanatiker. Er fährt das Motorhome für das Team von Mick Schumacher (Sohn von Michael Schumacher) als Chauffeur an die Rennen der Formel 1 in Europa. Und darf dort jeweils hautnah bei den Rennen dabei sein.
Auch wenn er viele Sportarten liebt, das Schwingen ist seine grösste Leidenschaft. Am diesem Sonntag werden am Solothurner Kantonalschwingfest die ersten Kränze vergeben. An jenem Fest also, wo er 1982 siegte. «Ich hoffe, dass unsere Freiämter Schwinger mit tollen Leistungen für ein starkes Jubiläumsjahr sorgen. Am Eidgenössischen im August wäre es schön, wenn zwei Kränze ins Freiamt gehen», sagt Vollenweider. Und er hofft – genau 100 Jahre nach der Gründung 1925 – «dass der Schwingklub Freiamt weiterhin gedeiht und tolle Persönlichkeiten hervorbringt». Eben solche Persönlichkeiten, wie er eine war – und bis heute geblieben ist.
Schocknachricht für Lukas Döbeli
Am Sonntag findet das Solothurner Kantonalschwingfest in Grenchen statt. Mit dabei sind ein Dutzend Freiämter Schwinger. Eidgenosse Lukas Döbeli wird aber fehlen. «Die Saison ist für mich vorbei», sagt Döbeli niedergeschlagen vorgestern Mittwoch. Im letzten Gang des Guggibad-Schwinget hat er einen Schmerz im Knie verspürt. «Ich dachte erst, es sei eine Ermüdung.» Der 25-Jährige macht ein MRI – ohne Ergebnis. «Im Training habe ich das Knie sofort wieder gespürt und habe nochmals ein MRI machen lassen», erklärt Döbeli. Und nun erhielt er in dieser Woche die Diagnose: Der äussere Meniskus im rechten Knie hat einen Riss. Die Folge: Operation, rund ein halbes Jahr Pause, das ist gleichbedeutend mit dem Saisonende. Es gibt eine ganz kleine Hoffnung, dass man den Meniskus nicht nähen muss, sondern einfach ein Stück entfernt.
In diesem Fall wäre das Eidgenössische Ende August noch möglich. «Aber ich mache mir nur wenig Hoffnungen», sagt Döbeli. Er verspürt momentan «eine grosse Leere». Die Situation ist schwierig.
Auch Pascal Joho out
«Ich war schon lange nicht mehr richtig fit. Nun hatte ich das Gefühl, dass alles wieder gut ist.» Insofern ist die Diagnose doppelt bitter. «Ich werde jetzt die Schwingplätze erstmals meiden, denn ich bin gerade am Boden zerstört», sagt Lukas Döbeli.
Auch Pascal Joho fehlt verletzt, er hat sich seine Schulter ausgekugelt «und möchte nun nichts riskieren». Er fällt rund fünf Wochen aus. Weil Joel Strebel erst in einigen Wochen sein Comeback gibt, ist Andreas Döbeli die grösste Freiämter Kranzhoffnung am Solothurnischen. --spr