Patrick Grob, Wohlen.
Wie gewonnen, so zerronnen
Zwiifli ist nicht gerade bekannt dafür, ein Glückspilz zu sein. Jetzt spricht er aber davon, den Jackpot geknackt zu haben. Welch Wunder. ...
Patrick Grob, Wohlen.
Wie gewonnen, so zerronnen
Zwiifli ist nicht gerade bekannt dafür, ein Glückspilz zu sein. Jetzt spricht er aber davon, den Jackpot geknackt zu haben. Welch Wunder. «Gröbli, schau her, die Glücksfee hat mich geküsst. Ich habe den grossen Fang gemacht!», schreit er mir von weither zu. Seine Augen getränkt in Freudetränen. Auf die Frage, ob er im Lotto gewonnen habe, meinte er nur: «Besser, ich bekomme Geld geschenkt!» Hat Zwiifli etwa geerbt? Von einer reichen Tante hat er jedenfalls noch nie erzählt. Zwiifli zeigt sein Natel und darauf zu sehen ist folgende Nachricht: «Mein Freund, ich hoffe diese Nachricht erreicht dich bei bester Gesundheit. Mein Name ist Prinz Abdullah vom Sudan.» Schon bei den ersten Zeilen klingeln meine Alarmglocken: Betrug.
Zwiifli wird aufgefordert, unter einem Link seine persönlichen Daten, wie auch Kontoverbindungen anzugeben. Auch eine Kopie seines Ausweises wird verlangt und eine Überweisung von 1000 Franken für die Umtriebskosten. Im Gegenzug bekomme er Teile des Reichtums des Prinzen, umgerechnet 145 000 Schweizer Franken. Zwiifli zittert vor Freude und meint: «Ich bin gerade auf dem Weg zur Bank, Gröbli. Bald bekomme ich das grosse Geld.» Er scheint keinen Moment hinterfragt zu haben, weshalb gerade er vom Prinzen auserwählt wurde oder woher dieser seine E-Mail-Adresse hat. Zwiifli scheint wirklich nur den grossen Gewinn zu riechen. Ich glaube, es ist meine Aufgabe, Zwiifli diese Freude wieder zu nehmen. Ich konfrontiere ihn mit den üblichen Fragen und kläre ihn ein Stück weiter über die Wild-Westartige Welt des Internets auf. Merkbar verändert sich sein Gesichtsausdruck von grosser Freude zu grossem Schock. Seine Freudetränen verkommen zu Tränen der Trauer. Zwiifli wirkt am Boden zerstört, hat er sich doch so viel von dieser Nachricht des Prinzen erhofft.
Schon lustig, früher mussten uns die älteren Menschen sagen, dass wir keine Süssigkeiten von Fremden annehmen sollen. Heute sagen wir den älteren Menschen, dass sie Mails von fremden Prinzen nicht anklicken sollen. Na ja, ich zweifle daran, ob Zwiifli lange traurig bleibt. Konnte ich ihn doch davor bewahren, um 1000 Franken ärmer zu werden und irgendein Betrüger in den Weiten des Internets 1000 Franken reicher.