Rolf Wernli, Teneriffa, Bünzen, Wohlen.
Der Stau
Ich erinnere mich, wie wir in den 60er-Jahren an Pfingsten am Waldrand zwischen Villmergen und Wohlen unsere Wurst ins Feuer hielten und der Autoschlange ...
Rolf Wernli, Teneriffa, Bünzen, Wohlen.
Der Stau
Ich erinnere mich, wie wir in den 60er-Jahren an Pfingsten am Waldrand zwischen Villmergen und Wohlen unsere Wurst ins Feuer hielten und der Autoschlange zusahen, die sich vor der Bullenbergkreuzung bildete. Jedes Jahr das gleiche Spektakel. Die Autobahn gab es noch nicht, den Stau am Bullenberg schon. Ins Tessin fuhr man mit dem Auto gemächlich hinter den holländischen Wohnwagen über die Gotthardstrasse. Den Tunnel gabs noch nicht, aber auch noch keinen 20 km langen Stau.
Die Zeiten haben sich geändert, jetzt gibt es trotz Autobahnen überall Stau. Am Gotthard, am San Bernadino, am Gubrist, in Wohlen. Für die einen gibt es zu wenig Strassen, für die anderen zu viele Autos. Ich enthalte mich hier einer Meinung, ich staune nur, wie gut es im Grossen und Ganzen trotzdem funktioniert. Zum Beispiel in der Stadt Zürich. Laut Statistik lebten dort 2023 rund 430 000 Menschen in 211 000 Privathaushalten. 516 000 Menschen arbeiten in der Stadt und man zählte mehr als 54 000 Gebäude. Es braucht Verkehrswege, damit Menschen und Waren zirkulieren und Informationskanäle, damit alle kommunizieren können. Sämtliche Haushalte und Geschäfte wollen mit Energie versorgt und deren Abfall entsorgt sein. Stau ist quasi vorprogrammiert.
Shanghai gilt als eine der grössten Städte und ist mit rund 20000000 Einwohnern 50-mal so gross wie Zürich. Auch dort: Energieversorgung, Abfallmanagement, Verkehr, Kommunikation. Wie kann das alles funktionieren?
Grösser geht nicht mehr, werden Sie denken. Wie wäre es damit: 36 Billionen. Ausgeschrieben: 36 000 000 000 000. Das 4500-Fache der Erdbevölkerung und 80 Millionen mal die Stadt Zürich. Das ist die Anzahl Zellen, aus denen ein erwachsener Mensch besteht. Jede wird mit Energie versorgt und hat ein Abfallentsorgungssystem.
Das Nervensystem versorgt alle mit Informationen, und die Arterien, Venen und Kapillaren unseres Kreislaufsystems sorgen für den «Warentransport». Aneinandergelegt haben sie eine Gesamtlänge von etwa 100 000 Kilometern. Die Natur bringts fertig, alles ohne Stau. Es sei denn, wir Menschen pfuschen ihr ins Handwerk.
Unterdessen gibt es den Stau am Bullenberg täglich. Irgendetwas machen wir Menschen falsch.