BRIEF AUS FLORIDA
06.06.2025 Kelleramt, Kolumne, MeinungenJoe Huber, Fort Myers.
Hoffnung stirbt zuletzt
Ich bin mit meiner «Blitzeinschlag-Studie» nicht viel weiter gekommen. Denn viele, die ich bislang fragte, haben selbst keinen blassen Dunst, doch seien hier noch einige Meinungen ...
Joe Huber, Fort Myers.
Hoffnung stirbt zuletzt
Ich bin mit meiner «Blitzeinschlag-Studie» nicht viel weiter gekommen. Denn viele, die ich bislang fragte, haben selbst keinen blassen Dunst, doch seien hier noch einige Meinungen erwähnt. Der 9/11 als Hauptgrund kam doch noch einige Male auf. Die Politiker in Washington kamen auch nicht ungeschoren davon, da hätte kein Einziger – und das schliesst alle Präsidenten ein seit dem Blitzeinschlag – irgendwann einen Versuch unternommen, die angespannte Lage zu beruhigen. Dem kann ich voll und ganz beistimmen. Einige fanden auch, dass Präsident Obama mit seinem doch forschen Linksdrall damals das Land in die falsche Richtung geführt habe. Ich gehe mit dem insofern einig, dass er vor allem die Finanzindustrie, in der ich tätig war, komplett überreguliert hatte. Also vom einen Extrem ins andere, und er war mitunter ein Grund, dass ich meinen Beruf früher als geplant an den Nagel hängte, denn es machte überhaupt keinen Spass mehr.
Ich habe aber auf meine letzte Kolumne hin in verdankenswerter Weise von verschiedenen Lesern aus der Heimat Hinweise erhalten und die nehmen – unabhängig voneinander – allesamt Bezug auf die Geschichte und kommen ohne Umschweife auf den Punkt, dass nach all den untergegangenen Imperial- und Kolonialmächten wie den Römern, den Griechen, in neuester Zeit den Briten – nur um ein paar auf der langen Liste zu nennen – nun halt eben Amerika an der Reihe und dem Absturz nahe sei. Natürlich sind mir diese Untergänge von meinen Geschichtsstunden her bestens bekannt und natürlich gingen sie mir bei meinen Überlegungen auch durch den Kopf und es kann gut sein, dass es tatsächlich so ist, aber vielleicht will ich es einfach nicht wirklich wahrhaben. Denn wenn ich mir dieses riesige Land, dessen Vielfalt, das innovative Denken und die Einstellung, dass das Glas halb voll ist und nicht halb leer, vor Augen führe, habe ich, ehrlich gesagt, schon ein bisschen Mühe mit diesem Gedanken. Ich habe die Amis in allen Jahren auch so kennengelernt, dass sie sich aufrappeln, wenn sie bis zum Hals im Dreck stehen. Und es ist immer noch die grösste Wirtschaftsmacht, zugegeben, die Chinesen holen auf. Und meines Wissens sind die USA immer noch das reichste Land der Welt, allerdings ist dieser Reichtum sehr schlecht verteilt, das ist aber auch in vielen anderen Ländern so, auch in der Schweiz.
Dass mir die fast täglichen Entwicklungen in Washington auch Sorge bereiten, gebe ich unumwunden zu. Und natürlich haben meine Frau und ich schon mal diskutiert, ob wir eventuell in die Schweiz zurückkehren sollten. Diese Diskussion ging aber nicht lange und wir haben klar entschieden, dass wir hier in Amerika bleiben. Das hat auch mit dem Alter zu tun und wir wollen jetzt nicht nochmals neue Zelte aufschlagen, denn das haben wir schon geschätzte zehnmal gemacht, das reicht und zudem sagt uns der floridianische Lebensstil bestens zu, es gibt viele schlimmere Orte auf dieser Welt. Die Hoffnung (auf bessere Zeiten) stirbt zuletzt.
Der in Jonen aufgewachsene Joe Huber wohnt seit 1986 in den USA. Lange Zeit in New York, nun in Fort Myers, Florida. Regelmässig berichtet er von seinem Leben und hält seine Gedanken als Auslandschweizer fest.

