Harter Aufprall nach Starteuphorie
04.07.2025 Sport, FussballFrauenfussball, Europameisterschaft in der Schweiz: Die Nati verliert in Basel mit 1:2 gegen Norwegen ihr Startspiel
Rekordkulisse. Heim-EM. Startspiel. Starke erste Halbzeit. Eigentlich deutete alles darauf hin, dass die Schweiz optimal startet. Doch es kam anders. Die ...
Frauenfussball, Europameisterschaft in der Schweiz: Die Nati verliert in Basel mit 1:2 gegen Norwegen ihr Startspiel
Rekordkulisse. Heim-EM. Startspiel. Starke erste Halbzeit. Eigentlich deutete alles darauf hin, dass die Schweiz optimal startet. Doch es kam anders. Die beiden Freiämterinnen Julia Stierli und Alayah Pilgrim waren in den Hauptrollen in diesem Spektakelspiel.
Stefan Sprenger
Beatrice Egli singt die Nationalhymne. Der St.-Jakob-Park in Basel singt mit. Die Emotionen riesig. Und jene Euphorie wird auf den Platz getragen. Die Schweizerinnen legen eine hervorragende erste Halbzeit hin. Gegner Norwegen kann sich kaum befreien, die Schweiz powert stets nach vorne, agiert clever, mutig und konzentriert. Einziger Makel: die mangelhafte Chancenauswertung. Die Murianerin Julia Stierli zeigte in der Verteidigung in den ersten 45 Minuten eine tadellose Leistung. Die Krönung für die Schweizerinnen: In der 27. Minute trifft Nadine Riesen zur verdienten 1:0-Führung. Das Stadion steht kopf. Die Heim-Europameisterschaft startet traumhaft. Die Nati wird in Basel von den 34 063 Zuschauenden angefeuert.
Rekord pulverisiert
Noch nie waren so viele Menschen an einem Spiel eines Frauenteams in der Schweiz mit dabei. Der vorherige Bestwert (17 306 Fans letzten November in Zürich) wurde pulverisiert. «Die Atmosphäre war unglaublich, in der Schweiz habe ich so etwas noch nie erlebt», sagte Julia Stierli nach dem Spiel.
Vermutlich hat sie auch eine solche zweite Halbzeit noch nie erlebt. Denn die Freiämterin (die beim SC Freiburg spielt) wurde nach dem Seitenwechsel zur unglücklichen Heldin, zum Pechvogel. In ihrem 50. Länderspiel trifft Julia Stierli ins eigene Tor (1:2). Sie will in der 58. Minute eine Hereingabe in extremis klären und lenkt den Ball ins eigene Tor ab. In jener Szene sieht die ganze rechte Abwehrseite der Schweizerinnen nicht gut aus. Schon vier Minuten zuvor trafen die Norwegerinnen zum 1:1-Ausgleich. Schon der Eckball, der zum Gegentor führte, war höchst unnötig. Als die Hereingabe vor das Tor kommt, sieht Torhüterin Livia Peng nicht gut aus, sie fliegt an Ball und Gegnerin vorbei. Ada Hegerberg – der Star und Captain der Norwegerinnen – trifft per Kopf.
Pilgrims Fussspitze
Norwegen dreht innert fünf Minuten das Spiel. Das Schweizer Kartenhaus fällt zusammen und der bis dahin stark umgesetzte Matchplan muss revidiert werden. Und die Schweizerinnen reagieren. Nach 63 Minuten wird die Murianerin Alayah Pilgrim eingewechselt, ebenso Sydney Schertenleib. Beide sind starke und trickreiche Offensivwaffen der Schweizerinnen. In der 66. Minute scheint dies bereits zu fruchten, doch Géraldine Reuteler scheitert an der Torhüterin Norwegens.
Und dann folgen wilde Szenen im St.-Jakob-Park in Basel. Klares Handspiel von Reuteler, Penalty für Norwegen. Hegerberg tritt an – und verschiesst. Im Gegenzug wird Nadine Riesen gefoult – Penalty für die Schweiz. Der Video Assistant Referee (VAR) stellt ein vorgängiges Abseits fest. Die Fussspitze von Alayah Pilgrim stand im Offside. Es ist irgendwie eine symptomatische Szene für den ganzen Abend: Denn es fehlte nur ganz wenig zum erfolgreichen Start in diese EM.
Norwegen unheimlich abgezockt
Denn auch danach gab es einige Szenen, in denen die Schweizerinnen das nötige Wettkampfglück nicht hatten. Reuteler, Pilgrim, Beney – sie alle haben Chancen. Doch der Ball will nicht rein. Auch, weil die Kräfte an diesem warmen Juli-Abend immer mehr schwinden. Und auch, weil Norwegen vor allem etwas viel besser macht als die Schweiz: Die Skandinavierinnen sind unheimlich abgezockt. Sie erlauben sich kaum einfache Fehler und bringen den Sieg so in trockene Tücher. Die Schweizerinnen zeigten eine engagierte und phasenweise sehr gute Leistung. Dass am Ende kein Punktgewinn aus dem Startspiel resultiert, ist selbst verschuldet. Denn wie die erste Halbzeit zeigt, sind sie das bessere Team.
Aber eben nicht das abgezocktere. Nationaltrainerin Pia Sundhage sagt nach dem Spiel: «Ich bin sehr enttäuscht. Zuerst: Es war eine grossartige Atmosphäre im Stadion. Wir haben die Unterstützung der Fans gespürt. Und wir haben ein Tor geschossen. Ich bin nicht glücklich über die zwei Gegentore. Meine Spielerinnen haben mit ihrer Spielweise und ihrer Haltung gezeigt, dass sie bereit waren, zwei Schritte nach vorne zu machen.»
Gegen Island unter Druck
Statt Party war direkt nach Spielende Frust angesagt. Jedoch wich dieser schnell und vermischte sich auch mit Stolz. Denn dieses Spiel war beste Werbung für den Frauenfussball und für diese Europameisterschaft in der Schweiz. Und die gigantische Stimmung im St.-Jakob-Park in Basel nehmen die Schweizerinnen in die nächste Partie mit. Und wenn man dort so spielt wie in den ersten 45 Minuten, liegt einiges drin. Am Sonntag (21 Uhr, live SRF) trifft das Frauen-Nationalteam in Bern auf Island. Und steht angesichts der angestrebten Viertelfinal-Qualifikation unter Druck.
«Das war der Hammer»
Freiämter am EM-Eröffnungsspiel
Die Hütte voll. Die Stimmung bestens. Der grösste Event im Frauensport wurde in Basel stark eröffnet. Mittendrin auch viele Menschen aus der Region.
Logisch, dass die Familie Pilgrim geschlossen an das Startspiel geht. Alayah Pilgrim, Nationalspielerin aus Muri, wurde beim Startspiel gegen Norwegen (1:2) vor 34 000 Fans eingewechselt. Auf der Tribüne fiebern viele Freunde und Verwandte mit. Darunter ihr engster Kreis. Mutter Tanja, Vater Belkir Naama, Tante Ursi und ihre Geschwister Aileen und Jalil. Sie machten auch den Fanmarsch mit.
«Wahnsinnig genial»
«Der ganze Tag war der Hammer», sagt Mutter Tanja. «Dass die Spielerinnen der Frauen-Nati dies erleben dürfen, mit so vielen Fans, mit so viel Unterstützung, das ist einfach wahnsinnig genial. Das Team zeigte das beste Spiel seit Langem. Schade, gab es eine unglückliche 1:2-Niederlage, sie hätten sich den Sieg verdient. Aber weiter gehts. Nun gewinnt man eben die nächsten beiden Spiele», sagt die stolze Mama weiter.
Unter den Zuschauern waren viele aus dem Freiamt. Die Dubler-Brüder Markus und Denis aus Wohlen, Sarah Isler aus Waltenschwil, Simon Strebel und Gabriel Schöpfer (Vorstand TV Muri Handball, aus Muri) und Yanick Bento und Manuel Tschamper (beide Fussballer vom FC Bünz-Maiengrün).
«Erst skeptisch, dann mitgefiebert»
Denis Dubler sagt: «Die Atmosphäre war richtig geil. Ich war erst skeptisch, muss am Ende aber sagen, dass mir der Frauenfussball gefällt. Das Tempo war wie erwartet nicht so hoch wie bei den Männern, aber spielerisch war es sehr positiv zum Zusehen und es war sehr spannend. Wir haben mitgefiebert und erlebten einen tollen Abend.»
Einen tollen Abend erlebt auch Melanie Willi (in Aristau aufgewachsen, heute in Rottenschwil). Sie durfte bei der Eröffnungsshow vor einem TV-Millionenpublikum als Tänzerin mitwirken.
«Unvergesslich»
Die Zeremonie, an der 185 Darstellende mitmachten, war in mehrere Akte aufgeteilt. Willi war Teil der synchronisierten Show mit der langen Silberröhre. Vor rund 10 Tagen begannen die Proben. «Die Show lebte von der Präzision, jeder Griff musste sitzen», sagt sie. Für Melanie Willi, die früher selbst beim FC Muri spielte, war es «unvergesslich, vor solch toller Kulisse aufzutreten, und eines meiner schönsten Erlebnisse». --spr