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10.02.2026 Bremgarten, FasnachtSandro Schmid vor einer für ihn ganz speziellen Bremgarter Fasnachtseröffnung
Als Schpitelturm-Stubenmeister war er jahrelang für die Anklage der Regierung zuständig. Nun sitzt er selbst darin. Der 39-Jährige hofft auf Milde seiner ehemaligen ...
Sandro Schmid vor einer für ihn ganz speziellen Bremgarter Fasnachtseröffnung
Als Schpitelturm-Stubenmeister war er jahrelang für die Anklage der Regierung zuständig. Nun sitzt er selbst darin. Der 39-Jährige hofft auf Milde seiner ehemaligen Vorstandskollegen. Und freut sich nichtsdestotrotz diebisch auf die fünfte Jahreszeit.
Marco Huwyler
Seit rund einem Monat sind Sie Bremgarter Stadtrat. Haben Sie sich schon gut eingelebt im Rathaus?
Sandro Schmid: Es sind natürlich immer noch viele neuen Themen und Eindrücke, die da auf einen niederprasseln. Der Start war aber gut. Der Empfang von den Ratskollegen warm und herzlich. Und ich war bereits ein erstes Mal in Aarau und habe erste graue Haare davongetragen (schmunzelt).
Das erste Jahr im Amt gilt als besonders streng. Wie sieht es derzeit aus mit der Work-Life-Balance von Sandro Schmid?
Ich wusste ja, was auf mich zukommt. Deshalb konnte ich mich darauf vorbereiten und einstellen. Wichtig sind klare Strukturen und ein Abgrenzen von Arbeit, Politik und Freizeit. Klar, kann ich mich momentan über zu wenige Termine nicht beklagen. Aber es sind ja auch Dinge, die mich interessieren und die ich gerne mache. Und nun kann ich ja schon zum ersten Mal etwas durchschnaufen (lächelt).
Sie haben Fasnachtsferien genommen – wie immer in den letzten Jahren.
Genau, das ist ein wichtiger Fixpunkt im Jahr für mich. Auch als Stadtrat: Ich bin und bleibe mit Haut und Haaren ein Fasnächtler.
Trotzdem ist ganz und gar nicht alles wie immer vor der diesjährigen Narrenzeit. Nach fast acht Jahren sind Sie als Stubenmeister der Schpitelturm-Clique zurückgetreten. Ein schwerer Entscheid?
Es war mir immer klar, dass das eine der Konsequenzen aus der Wahl in die Regierung werden würde. Stubenmeister zu bleiben unter den neuen Umständen, stand für mich nicht zur Diskussion. Ich möchte auf keinen Fall, dass unsere Fasnachts-Clique zum politischen Spielball wird. Deshalb bin ich auch ganz aus dem Vorstand ausgetreten. Es hat mir aber sehr weh getan, das will ich nicht verhehlen.
Wie haben die Fasnachtskollegen auf Ihren Stubenmeister-Rücktritt reagiert?
Meistens mit sowas wie: «Machs nicht! Tritt doch vom Stadtrat zurück und bleibe Stubi!» (lacht)
Überzeugen liessen Sie sich davon nicht – wurden Sie verabschiedet?
Offiziell noch nicht. Wir wollten das Ganze erst im Sommer thematisieren und den Wechsel dann öffentlich machen – aber wenn halt der Herr von der Presse schon jetzt kommt ... (schmunzelt). Anfang Januar hatten wir meine letzte Sitzung als Stubenmeister. Da erhielt ich bereits ein paar Abschiedsgeschenke.
Zum Beispiel?
Eine kleine Figur mit Stab – so einer war ja mein Markenzeichen. Ein Red Bull, damit ich den Stadtrat zum Fliegen bringe. Schokolade, damit ich nicht depressiv werde in der Politik. Und «Nastüechli» zum Trocknen der Wehmutstränen. Die habe ich auch prompt gebraucht. Ich war gerührt. Es war sehr emotional für mich.
Der Fasnachtseröffnung werden Sie trotz allem prominent beiwohnen – einfach auf der anderen Seite. Gibt es eine Chance, dass der Stadtrat die Schlüssel mit Ihnen in der Regierung nicht abgeben muss?
Ich glaube, da bleibt die Chance doch eher klein (lacht). Aber es wird sowieso eine etwas andere Eröffnung sein als bisher. Ohne klassisches Pingpong mit Anklage und Verteidigung. Ich möchte meinen Kollegen aber hier nicht vorweg greifen. Man darf sich überraschen lassen.
Ein kleiner Hinweis für unsere Leser wäre aber schön.
Der Gesamtstadtrat wird eingebunden und gefordert sein. Es gibt sicher weiterhin Anlass zum Lachen. Aber ich weiss selber nichts Konkretes, ganz ehrlich. In die Planung war ich nicht mehr involviert. Deshalb bin ich selbst sehr gespannt.
Was erwarten Sie von Ihren ehemaligen Kollegen? Werden Sie Ihren langjährigen Stubenmeister glimpflich davonkommen lassen?
Auch da wird es eine Überraschung für mich, ob sie eher die Samthandschuhe oder die Peitsche auspacken. Ich wappne mich auf jeden Fall für beides.
Und im Anschluss – wird sich Sandro Schmid wie gewohnt tagelang feuchtfröhlich unter die Bremgarter Narren mischen?
Selbstverständlich. Es werden intensive Tage (lacht). Die ich aber als ganz normales Cliquenmitglied verbringen werde. Das bringt auch Vorteile mit sich. Ich habe bedeutend weniger zu tun. Viel weniger Aufwand auch im Hintergrund. Viel weniger Verantwortung.
Feiert man als Stadtrat gleich ungehemmt?
Ich kann mir wohl nicht mehr ganz jeden Blödsinn erlauben (schmunzelt). Aber übermässig zurücknehmen muss und werde ich mich auch nicht. Das würde von meinen Kollegen auch gar nicht geduldet.
Wie sieht es mit der Verkleidung aus?
Wir haben uns als Regierung ein lustiges Motto einfallen lassen. Doch auch hier gilt, wie immer: Bis zur Eröffnung ist dies ein streng gehütetes Geheimnis.
Was werden Sie vom Stubenmeister-Dasein besonders vermissen?
Meine besondere Rolle als Ganzes, die ich sehr mochte. Und natürlich die Gelegenheit, den Stadtrat einmal im Jahr so richtig aufs Korn nehmen zu können.
Wie hätten Sie die Regierung denn dieses Jahr getadelt?
Hmm ... Schwer zu sagen so spontan. Ziemlich sicher wäre ich auf die Wahlflyer unserer (Nicht-)Helden im Rathaus eingegangen (lacht). Und es hätte ja auch bedeutet, dass ich nicht gewählt worden wäre. Vielleicht hätte da eine gewisse Selbstironie gut gepasst. Auch wenn das schmerzhaft gewesen wäre.
Was bleibt von den 12 Jahren im Vorstand der Schpitelturm-Clique?
Ein gewisser Stolz, dass es uns als Clique gelungen ist, den Generationenwechsel durchzuführen. Diesen begleitet und geprägt zu haben und den Vorstand gut aufgestellt ohne schlechtes Gewissen verlassen zu können. Wir sind und bleiben eine lustige Truppe und ein wilder Haufen, wie es sich für die Fasnacht gehört.
Sind Sie vor der Eröffnung mehr oder weniger nervös als in den Vorjahren?
Ganz klar weniger. Als Stubenmeister war da immer eine gewisse Anspannung. Jetzt bin ich relaxt und voller Vorfreude. Es wird ein sehr spezielles Gefühl. Ich werde versuchen, das voll und ganz zu geniessen, selbst wenn ich ins Visier geraten sollte (lacht).
Schpitelturm-Clique
Die Schpitelturm-Clique wurde 1962 mit dem Ziel gegründet, «das fasnächtliche Leben sowie die fasnächtlichen Bräuche in Bremgarten für alle Zeiten zu erhalten und zu fördern». Bis heute ist der Männerverbund in enger Zusammenarbeit mit dem neu gegründeten Verein «Brämgarte esch Fasnacht» (vgl. Ausgabe vom 23. Januar) für die Fasnachtseröffnung, den grossen Umzug alle zwei Jahre und das «Usrüere» zuständig. Der Vorstand bzw. der «Cliquenrat» besteht aus sieben Mitgliedern. Nach dem Ausscheiden von Sandro Schmid komplettiert Reto Moser den neuen Vorstand. Wer Nachfolger von Schmid als Stubenmeister wird, steht noch nicht fest. Anlässlich der Juni-GV finden Neuwahlen statt. Die diesjährige Fasnachtseröffnung hat der Vorstand im Verbund in Angriff genommen. --huy


