Albtraum oder Abenteuer
02.04.2026 Region OberfreiamtPro Senectute: Vortrag von Verena Steiner zu «Alleinsein im Alter» im Restaurant Löwen in Boswil
Was passiert, wenn das engste Umfeld wegstirbt? Wie damit umgehen? Wie zu sich selbst schauen und ein neues Leben aufbauen? Diese Fragestellungen hat die ...
Pro Senectute: Vortrag von Verena Steiner zu «Alleinsein im Alter» im Restaurant Löwen in Boswil
Was passiert, wenn das engste Umfeld wegstirbt? Wie damit umgehen? Wie zu sich selbst schauen und ein neues Leben aufbauen? Diese Fragestellungen hat die Autorin in ihrem neusten Werk «Solo – Alleinsein als Chance» verarbeitet.
Verena Anna Wigger
Um es vorwegzunehmen: Wer Mut lebt, Selbstfürsorge betreibt und sich mit sinnstiftenden Perspektiven auseinandersetzt, der dürfte das Alter als Abenteuer erleben. So auf alle Fälle der abgekürzte Abriss aus dem Referat von Verena Steiner. Die studierte Biologin und Spezialistin für Lernprozesse hat sich nach dem frühen Tod ihres Mannes damit auseinandersetzen müssen. Sie erlebte Trauer, Angst und eine Leere. «Was, wenn das enge Umfeld wegstirbt und man fortan quasi allein durchs Leben gehen muss?» Diese Frage stellte Steiner den über 100 Interessierten. Man müsse sich mit den Gefühlen auseinandersetzen und dies verarbeiten, empfahl sie. Wenn man, wie sie, genauer hinschaue, habe Einsamkeit verschiedene Aspekte. Dies bestätigten ihr auch Einträge in Büchern und Foren. Eine emotionale und soziale Einsamkeit sei darin enthalten, führte Steiner aus. Natürlich könne dies auch in früheren Lebensphasen passieren, wie beispielsweise bei einer Scheidung. Aus ihren umfassenden Recherchen und Erfahrungen ist ihr neustes Buch «Solo – Alleinsein als Chance» entstanden. Zu diesem Thema bietet sie an der Zürcher Volkshochschule Kurse an.
Mut üben, Schritt für Schritt
Denn ganz so einfach, wie es sich anhört, sei es nicht, aus dem Schmerz des Verlustes oder des Alleinseins herauszukommen. Es gehe darum, sich darin zu üben, sagt die Zürcher Autorin. Will sie den schweren und trüben Gedanken etwas entgegenstellen, dann müsse sie aktiv dagegensteuern. Dafür legte sie als Basis drei Punkte fest: Mut, Selbstfürsorge und Sinnstiftung oder Perspektive. Das hat sie in ihrem Buch ausführlich besprochen und anschaulich beschrieben. Beim Referat hat sie dies mittels Übungen veranschaulicht. Und so banal es töne, «es fängt damit an, wieder aus dem Haus zu gehen», sagte Steiner. Etwas Alltägliches, aber in dem Moment etwas sehr Wichtiges, sagt sie. Damit meint sie, Mut zu haben und den ersten Schritt zu tun.
Allein zu sein, verändert alles
Als kurz vor der Pension ihr Mann verstarb, waren bei ihr mit einem Mal alle Träume und Ziele weg. Die gemeinsam geplanten Einsätze bei Hilfswerken machten auf einmal keinen Sinn mehr. Sich dort zu bewegen, wo sie schöne Erinnerungen an ihre Partnerschaft hatte, schmerzte. Sich miteinander auszutauschen und die Nähe und die Rückmeldung beim andern abzuholen, dies fehlte. So machte sie eine spontane Umfrage beim Publikum: «Wie viele haben noch einen Partner?» Das Resultat: Etwa die Hälfte der Anwesenden lebt noch in einer Partnerschaft. «Übt jetzt schon, damit ihr in der Situation besser gerüstet seid», lautete ihr Tipp.
Es brauche Übung, um es geniessen zu können
Weitere Übungen, die zu mehr Mut führen: ins Kino gehen oder auf eine Gruppenreise. Sie empfahl, zuvor abzuklären, ob andere Alleinreisende dabei seien. Neue Wege gehen und Erfahrungen machen, das könne weiterhelfen. «Beim dritten Mal werdet ihr es geniessen», sagte Steiner.
Dazu gehören auch Dinge, die bis anhin der Partner oder die Partnerin gemacht hat. Beispielsweise Kochen. Dies gehöre zur Selbstfürsorge, so Steiner. Man müsse im Alter fürsorglicher mit sich selbst umgehen, «nicht einfach delegieren», forderte sie ihre Zuhörerschaft auf. Dazu gehöre auch, «Mikromomente der Verbundenheit zu schaffen». Dies hat die amerikanische Psychologin Barbara Fredrickson bereits im Jahr 2013 empfohlen. Dabei gehe es anfänglich darum, zu lächeln, zu grüssen und dann ein paar Worte zu wechseln. Diese sozialen Hemmungen und die Komfortzone zu verlassen, das falle Männern schwerer, gab Steiner zu bedenken. Daher empfahl sie «eine freundliche, liebevolle Haltung sich gegenüber».
Sinnstiftende Perspektiven und Atemübungen
Damit lernt man, zu spüren, wenn negative Gefühle hochkommen. «Mit positiven Gefühlen kann man Gegensteuer geben.» Dies komme zustande, wenn man sein Leben mit sinnstiftenden Perspektiven fülle, gab die gebürtige Aargauerin zu bedenken. Zum einen empfahl sie Atemübungen und mehr Selbstvertrauen. Mehr Selbstwirksamkeit, wie Steiner betonte, sei etwas vom Wichtigsten.
Tische reserviert für Solisten
Und dann gab es noch etwas: Beim anschliessenden Apéro, welchen die Pro Senectute organisierte, stand auf zwei Tischen ein grosses Schild «Solo». Die «Solisten» unter den Besuchern wurden eingeladen, sich dort einzufinden. Das war der Referentin wichtig und das wurde rege genutzt. So gingen die angeregte Diskussion und der rege Austausch im Anschluss an das Referat hier weiter.

