Wohl letzter grosser Höhepunkt
11.03.2025 Region OberfreiamtEntscheid der Vernunft
Musikgesellschaft Bettwil stellt Probenbetrieb ein
Der Entscheid an der letzten Generalversammlung fiel einstimmig. Darüber ist Präsidentin Marie-Theres Bircher froh. Die Mitgliederzahlen sanken in den letzten Jahren ...
Entscheid der Vernunft
Musikgesellschaft Bettwil stellt Probenbetrieb ein
Der Entscheid an der letzten Generalversammlung fiel einstimmig. Darüber ist Präsidentin Marie-Theres Bircher froh. Die Mitgliederzahlen sanken in den letzten Jahren stetig. Kommt hinzu, dass die Suche nach einem neuen Dirigenten erfolglos verlief. «Es war ein Entscheid der Vernunft», sagt die Präsidentin. Einer, der natürlich alles andere als leichtfiel. Am 21. und 22. März, jeweils um 20 Uhr, steht entsprechend das wohl letzte Jahreskonzert an. «Das wird ganz sicher emotional», sagt Bircher. --ake
Nach dem bevorstehenden Jahreskonzert stellt die «Musig» Bettwil den Betrieb ein
Es war kein einfacher Entscheid. «Aber ein vernünftiger», sagt Marie-Theres Bircher. Sie ist Präsidentin der Musikgesellschaft Bettwil. «Ohne Dirigent und ohne junge Mitglieder geht es eben nicht», fasst sie die Herausforderungen zusammen. Einstimmig hat der Verein entschieden, den Probenbetrieb bald einzustellen.
Annemarie Keusch
Irgendwie fühlt sich noch alles an wie immer. Die Proben werden zum Jahreskonzert hin intensiver. Die Nervosität steigt. «Das kommt gut», sind sich Marie-Theres Bircher und Seppi Schönenberg einig. Beide prägten die Musikgesellschaft Bettwil über lange Jahre mit. Schönenberg war Präsident, Bircher ist es aktuell. Dass diese intensiven Proben auf das Jahreshighlight des Vereins hin wohl zum letzten Mal stattfinden, das wissen sie. Präsent im Probenalltag ist es aber nicht. Noch nicht. «Wir wollen schliesslich am Konzert noch einmal unser ganzes Können zeigen», sagt Marie-Theres Bircher. Und trotzdem, es sind spezielle Gefühle, die die beiden aktuell begleiten. «Es wird sicher emotional», sagen sie im Hinblick auf die Jahreskonzerte vom 21. und 22. März. An das letzte Lied, die letzten Töne wollen sie noch nicht denken. Trotz aller Melancholie – die beiden sind überzeugt: «Es ist der einzig richtige und vernünftige Schritt.»
Marie-Theres Bircher und Seppi Schönenberg sind Geschwister. Gemeinsam traten sie vor 37 Jahren der Musikgesellschaft Bettwil bei. «Wir haben immer gerne musiziert», sagen sie. Der Schritt in den Verein war für sie logisch, sich in diesem zu engagieren, ebenfalls. «Wir haben viel Zeit der Musik und dem Verein gewidmet und haben das nie bereut», sagt Marie-Theres Bircher. Der Aufwand mit den vielen anspruchsvollen Proben habe sich für die Hühnerhautmomente bei den Auftritten mehr als gelohnt. «Mit Musik anderen eine Freude zu machen – das ist doch wunderschön», findet Seppi Schönenberg.
Gleich zwei Generationen fehlen
Nur ging die Zahl jener, die es gleich empfinden wie Bircher und Schönenberg, in den letzten Jahren kontinuierlich zurück. Schönenberg sagt: «Es ist gegen zehn Jahre her, dass Befürchtungen im Raum standen, dass es unseren Verein nicht mehr lange gebe.» Das Problem damals: Junge Leute fehlen. Heute ist das nicht anders. Marie-Theres Bircher spricht Klartext: «Wir gehören zu den Jüngsten im Verein, obwohl wir seit 37 Jahren dabei sind. Es fehlt nicht eine Generation, es fehlen deren zwei.» Nur drei Mitglieder sind unter 40 Jahre alt, zwei davon erst 15-jährig. «Für sie tut es mir enorm leid», gesteht Bircher. Warum machen denn die Jungen nicht in der Musikgesellschaft mit? «Mögliche Erklärungen gibt es mehrere. Bettwil ist ein kleines Dorf. Vor allem aber ist es unattraktiv geworden, sich zu einem Verein zu bekennen und das ganze Jahr über dabei zu sein und mitzuarbeiten», sagt Seppi Schönenberg. Viele Kinder und Jugendliche lernen zwar noch ein Instrument, spätestens wenn die Schulzeit vorbei ist, legen sie es aber beiseite.
Einfach hingenommen hat der Verein den Mitgliederschwund nicht. Er war an Festivitäten im Dorf präsent und hat für sich geworben, die Neuzuzüger mit Flyern versucht für sich zu gewinnen, Gespräche geführt, sich an der Jugendförderung beteiligt, indem er Blechblasinstrumente für Schülerinnen und Schüler an der Musikschule auslieh oder den Musikunterricht mitfinanzierte. «Heute sind wir da und müssen sagen, dass alles nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat», resümiert Marie-Theres Bircher. Die Zahl der Austritte war in den letzten Jahren fast immer höher als jene der Eintritte. In allen Registern mangelt es an Leuten. «Aber wir sind nach wie vor in allen Registern besetzt, können auftreten und es tönt immer noch sehr gut», sagt Seppi Schönenberg und lacht. Dennoch: 35 Musikantinnen und Musikanten waren sie in den besten Jahren, aktuell sind es noch 17. «Es darf niemand ausfallen, sonst wird es schnell schwierig, sogar schon für Ständli.»
Entscheid fiel einstimmig
Dass der Probenbetrieb nach dem anstehenden Jahreskonzert eingestellt wird, ist aber nicht nur der schwindenden Mitgliederzahl geschuldet. Überhaupt erst so richtig ins Rollen kam der Stein, als der bisherige Dirigent im letzten Sommer seinen Rücktritt bekannt gab. Auch hier, die «Musig» gab sich alle Mühe, die Nachfolge zu regeln. «Aber das ist nicht einfach, die ‹Musig›-Zeitung ist voller Inserate von Vereinen, die Dirigenten suchen», weiss Seppi Schönenberg. Zudem ist ihm bewusst, dass grössere Vereine ohne Nachwuchssorgen für Dirigenten wohl attraktiver sind. So reifte der Entscheid innerhalb des Vereins immer weiter. An der letzten Generalversammlung fiel er definitiv. Der Probenbetrieb wird eingestellt. «Wir entschieden das einstimmig, zum Glück», sagt Präsidentin Marie-Theres Bircher. Dass es vor allem für die langjährigen Mitglieder nicht einfach war, wissen Bircher und Schönenberg aus eigener Erfahrung nur zu gut.
Eine Auflösung des Vereins stand indes nie zur Debatte. «Das Musizieren steht im Zentrum, aber das Gesellige ist nicht minder wichtig», betont Marie-Theres Bircher. Dies soll auch künftig gelebt werden. Und die Musik? «Wer weitermachen will, findet sicher einen freien Stuhl in umliegenden Gesellschaften», sagt die Präsidentin. Sie lebt in Bünzen, Schönenberg in Boswil. «Aushelfen sicher, ob ich in einem anderen Verein mitmachen werde, weiss ich noch nicht.» Ähnlich tönt es bei Seppi Schönenberg, der sich auch darauf freut, private musikalische Projekte zu realisieren. «Vielleicht ein neues Instrument lernen. Aber ich werde die Noten sicher nicht verbrennen und das Instrument einstampfen.» Auch, weil es vielleicht wieder mal ein Projekt mit der «Musig» Bettwil gibt.
Nach Konzert folgt Theater
Zuerst aber gilt der Fokus den Jahreskonzerten vom 21. und 22. März. Ohne Dirigent werden sie dabei nicht auftreten. Der einstige Dirigent, der zuletzt in der Brassband mitspielte, übernimmt. «Wir freuen uns riesig auf diesen letzten Auftritt», sagen Bircher und Schönenberg. Nach dem Konzert wird das Publikum noch mit dem Theater «Früsch verlügt» unterhalten.
Mehr Infos: www.mg-bettwil.ch