Als die Legende von uns ging

Fr, 21. Aug. 2020
Andy Hug feiert am 5. Juni 1999 an der K-1 Fight Night in Zürich gegen den Deutschen Stefan Leko. Etwas mehr als ein Jahr später verstirbt Hug an Leukämie. Bilder: Archiv/amue, zg

Am Montag, 24. August, jährt sich der tragische Tod der Freiämter Kampfsport-Legende Andy Hug zum 20. Mal. Wegbegleiter wie sein Freund Heinz Muntwyler, sein Sohn Seya Hug oder Felix Bingesser, Sportchef beim «Blick», sprechen über Andy Hug. Sie erzählen über den Mensch Andy Hug, den Kampfsportler, den guten Freund, das Vorbild und den Vater. --red


Andy Hug: Unvergessen

20. Todestag: Am 24. August 2000 starb die Kampfsportlegende Andy Hug

Es ist zwei Jahrzehnte her, dass Wohlens berühmter Sohn gestorben ist. Er hat viele Kämpfe gewonnen, den letzten verlor Andy Hug im August 2000. Sein Wesen und seine Erfolge bleiben für immer haften. Sein Sohn Seya und zwei Freunde erinnern sich.

Stefan Sprenger

Donnerstag, 24. August 2000. Es ist 11.21 Uhr. Es ist der Moment, an dem Andy Hug stirbt. In einem Spital in Tokio verlässt er diese Welt. Viel zu jung. Mitten im Leben. Mit 35 Jahren. Akute Leukämie. Die Schweiz, Japan – die ganze Sportwelt, sie steht unter Schock. Alles ging so schnell. Unbegreiflich. Unfassbar. Der blauäugige Samurai hat seine Augen für immer geschlossen.

«Es war brutal»

Heinz Muntwyler war ein guter Freund von Andy Hug. «Ich war gerade auf einer Baustelle in Zürich, als ich im Radio die Nachricht von seinem Tod erfuhr», erzählt der 64-Jährige. Er fährt unter Schock nach Hause. «So ein starker Mensch wurde so schnell aus dem Leben gerissen. Es war brutal.» Tage vor Andy Hugs Ableben telefonierten die beiden noch miteinander. Andy Hug sitzt im Whirlpool. «Er sagte noch, es gehe ihm irgendwie nicht gut. Wenige Tage später war er tot», erzählt Muntwyler.

Donnerstag, 17. August 2000. Andy Hug wird mit hohem Fieber notfallmässig in eine tokioter Klinik eingeliefert. Nach einer Knochenmarkentnahme wird eine akute Leukämie diagnostiziert. Auf die sofort eingeleitete Chemotherapie hat Hug gut angesprochen. Doch dann kam es zu schweren Herz- und Kreislaufproblemen, Hirnblutungen, Lungenentzündung. Er telefoniert mit seinem Manager und hat Angst, nie wieder kämpfen zu können.

Schlägerei verhindert fast erste WM-Teilnahme

«Ich habe nie einen Menschen nach Andy kennengelernt, der einen grösseren Willen hatte», sagt Muntwyler. Und er muss es wissen. Muntwyler kennt Hug seit 1977. Damals geht er erstmals in ein Training des Karateclubs Wohlen. «Andy war da, acht Jahre jünger als ich. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden.» Sie haben die gleichen Ziele, wollen kämpfen, sie haben sich gegenseitig gepusht und gefordert. «Wir haben unzählige Stunden trainiert, reisten an die Turniere und wurden gemeinsam für die Karate-Nationalmannschaft aufgeboten.»

1984 dürfen Muntwyler und Hug an ihre erste Weltmeisterschaft. Doch das stand auf der Kippe, denn kurz davor leisteten sie sich eine wüste Schlägerei an der Fasnacht
Wohlen. «Wir gingen mit Strapsen an die Fasnacht im ‹Bären›. Es folgten Sprüche und schliesslich Provokationen. Es endete in einer Schlägerei, die Polizei kam.» Sie durften – nach Diskussionen im Verband – doch an die Weltmeisterschaft nach Japan. Hug schafft es in die 4. Runde.

Heinz Muntwyler, der Ur-Wohler, der heute in Sarmenstorf lebt, ist als Oberhaupt des Karateclubs Anglikon heute noch eng mit dem Karate verbunden – und Andy Hug ist omnipräsent. An internationalen Turnieren kommen jeweils Kämpfer aus dem Ostblock auf ihn zu, wenn sie erfahren, dass er Hug gut kannte. «Ich werde regelrecht belagert. Sie wollen Geschichten von Andy hören, er ist nach wie vor populär.»

Sohn Seya wollte am Todestag ans Grab in Japan

Mittwoch, 23. August 2000. Andy Hug fällt ins Koma. Sein Gesundheitszustand ist kritisch. Sein Sohn Seya Hug ist da gerade mal fünf Jahre alt. Die Erinnerungen an damals sind verschwommen beim heute 25-Jährigen. Seya Hug, er hat so viel von seinem Vater geerbt. Er lebt heute in Hollywood, geht den Traum seines Vaters weiter, der selbst gerne nach seiner Karriere Schauspieler geworden wäre. Nach einigen Engagements in Filmen hat Seya Hug heute Neuigkeiten: «Ich habe mein erstes Drehbuch geschrieben, und es ist in den letzten Viertel eines Drehbuchwettbewerbs gekommen.» Das heisst, von 2600 Bewerbern ist er unter den letzten 500. Auch er kämpft für seinen Traum. Wie sein Vater Andy Hug. Seine Geschichte, vom Metzger zum Samurai, sie wäre bester Stoff für einen Hollywood-Film. Seya Hug hat als Bildschirmschoner auf seinem Handy ein Bild des «Tetsujin», auf Englisch «Iron Man», zu Deutsch «Eisenmann». Ein Foto von Andy Hug zu seinen besten Zeiten. Muskelbepackter Oberkörper, der Schnurrbart als Markenzeichen in einem selbstsicheren Gesicht, das ausdrückt: «Mich kann niemand stoppen.»

Seya Hugs Traum von der Hollywood-Karriere ist momentan gestoppt, auf Pause. «Es gibt wegen des Coronavirus keine Schauspiel-Castings.» In diesen Tagen ist er mit seiner Frau in die Schweiz gereist, gemeinsam mit der Mutter trauern fällt einfacher. Nach der Ankunft aus den USA steckt er momentan in der Quarantäne. Am Todestag seines Vaters wäre eigentlich geplant gewesen, nach Japan zu fliegen. «Dort hätten wir das Grab von Papi in Kyoto besucht und mit einer Teezeremonie mit dem Mönch zelebriert», sagt Seya Hug. Auch hier macht das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung. Also wird er diesen Trauertag mit seiner Frau und Mutter Ilona Hug verbringen. Der 24. August, der Todestag von «Papi», für ihn immer ein erdrückender Tag. «Es ist immer schwierig, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass Papi viel zu früh von uns gegangen ist.»

«Er isst Reis und Poulet»

Donnerstag, 24. August 2000. Der Schweizer Arzt Didi Schmidli und Frau Ilona Hug sind bei Andy Hug. Er ist im Koma. Schon länger klagte Hug über Müdigkeit, es war ihm oft übel, immer wieder blutete er aus der Nase. Seinen letzten Kampf bestritt er am 8. Juli im japanischen Sendai. Am 5. August wäre in Las Vegas ein Kampf geplant gewesen. Hug sagte ab. Eine Blutuntersuchung in der Schweiz blieb ergebnislos. Hug reiste trotz Bedenken am 13. August nach Japan. Der Tod näherte sich.

Felix Bingesser, Sportchef beim «Blick», kannte Andy Hug bestens. Und all seine Facetten. Drei Monate vor seinem Tod besuchte ihn der Waltenschwiler in Japan. «Intensive Zeiten haben wir erlebt. Ich kannte ihn aus meiner Jugend, deshalb gab es nie eine Distanz zwischen uns. Für mich war und ist er immer Andy geblieben.» Jener Andy, der als Junior beim FC Wohlen spielte und damals nichts von einem «Andy-Kick» wusste. Vom Anspielkreis aus konnte er Tore erzielen mit Fussballschuhen, die er ausgeliehen hatte. Mit 12 Jahren wechselte Hug. Vom Fussball zum Karate. Wohlen war damals schon eine Kampfsporthochburg in der Schweiz. Seine Grossmutter in Wohlen, bei der er hauptsächlich aufwuchs, hatte nichts dagegen. Seine Aggressivität lernte er dort kanalisieren.

Nach dessen Tod veröffentlichte Felix Bingesser im «Sportmagazin» einen Text über seine Erfahrungen mit Andy Hug. Er beschreibt einen Sommertag im Jahr 1988. «In der Badi Wohlen. Im 50-Meter-Becken die 50-Franken-Wette. Andy als Brustschwimmer, die anderen dürfen crawlen. Hug schiebt das Wasser beiseite, so kraftvoll, dass er bei jedem Zug den Körper schier aus dem Wasser katapultiert. Danach, als alle anderen Hotdog essen und Cola trinken, packt er seine Plastikschüsseln aus und isst Reis und Poulet. Und erzählt von Kohlenhydraten und Eiweissen. Und strahlt und lacht und lässt seine Muskeln spielen.»

«Er sagte, er werde Weltmeister. Die Leute haben ihn ausgelacht.»

Ende der 80er-Jahre wird Andy Hug eine lokale Berühmtheit, sein Selbstvertrauen wächst, seine Muskeln ebenso. Bingesser beschreibt ein Ferienerlebnis auf Ibiza: «Stundenlang jassen wir bei brütender Hitze in der Strandbeiz. Andy verliert. Pausen gibt es keine. Er will immer weiterspielen, er will die Einsätze verdoppeln, er kann nicht glauben, dass er verliert. Es wird dunkel. Sein Siegeswille ist spürbar. Er erzählt von grossen und ehrgeizigen Zielen. Wir trauen ihm viel zu. Aber er, dereinst ein Superstar, ein Mann von Weltruf, ein Millionär? Nie!» Sein früherer Freund Muntwyler ist in Ibiza auch dabei. Er erzählt: «Andy Hug sagte einst, er werde Weltmeister. Die Leute haben ihn ausgelacht.»

Jahre später hat er die Kritiker Lügen gestraft und all jene, die ihn auslachten, bewunderten ihn nun. Seine Geschichte, die Parallelen zum Hollywood-Film «Rocky» hat, faszinierte die Menschen. Vom Metzger zum Samurai. Vom Kleinstadt-Prügler zum Kampfsport-Idol. Von Wohlen in die Welt. Dazu Bingesser: «Er hat gewusst, dass genau dies in den Anfängen seiner Karriere die Story war, die seine Fans hören wollten. Ein Stoff für Hollywood, der Mann von der Strasse, von ganz unten nach ganz oben.»

Andy Hug siegte an mehreren Europa- und Weltmeisterschaften im Kickboxen, Thaiboxen, Kyokushinkai und K1. In der Schweiz wird er zum Superstar, in Japan wird er verehrt und in der Kampfsportszene schon zu Lebzeiten zur Legende erklärt. «Er war und ist der beste Kampfsportler, den die Schweiz je gesehen hat. Seine Leistungen sind bis heute unerreicht», so Sportexperte Bingesser.

«Wo ein Wille, da auch ein Weg»

Andy Hug sagte einst: «Immer, wenn ich nach Wohlen zurückkomme, habe ich das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist.» Hier war seine Heimat. Doch die Welt war sein Zuhause. In Wohlen erinnert beim Bünzmattschulhaus eine Gedenkstätte an den berühmtesten Sohn des Dorfes.

Andy Hug hatte noch so viel vor. Im Oktober 2000 hätten die Ausscheidungen für die K1-Finals begonnen. Nach der Karriere wollte er nach Hollywood und Schauspieler werden. Es kam nicht dazu. «Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg», pflegte Andy Hug zu sagen. 24. August 2000. 11.21 Uhr. Der Weg von Andy Hug auf dieser Welt ist zu Ende. Sein Vermächtnis geht weiter – bis heute im Jahr 2020. Sein Tod ist damals ein Schock. Alles ging so schnell. Unbegreiflich. Unfassbar. Der blauäugige Samurai hat seine Augen für immer geschlossen. Doch er bleibt unvergessen – für immer und ewig. Legenden sterben früh. Helden sind unsterblich.

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