Dank Druckkunst zum Kunstdruck
17.04.2026 Muri, Kunst, Kultur«The Making Of»: Vernissage eines bedeutsamen Forschungsprojekts über Caspar Wolf
Unterwegs zum Gesamtverzeichnis zu Caspar Wolf machte das Projektteam in einer Werkschau Station. Darin sollen bis Sommer 2027 alle Stiche nach den Bildern des Alpenmalers ...
«The Making Of»: Vernissage eines bedeutsamen Forschungsprojekts über Caspar Wolf
Unterwegs zum Gesamtverzeichnis zu Caspar Wolf machte das Projektteam in einer Werkschau Station. Darin sollen bis Sommer 2027 alle Stiche nach den Bildern des Alpenmalers erfasst werden. Die wertvolle komplexe Forschungsreise zur Destination «Catalogue raisonné der Druckgrafik nach Caspar Wolf» wird also noch andauern.
Albert Schumacher
Terminlich war der Boxenstopp gut gewählt. «Seit 1. Januar ist die Stiftung Murikultur Besitzerin des Singisenflügels. Das macht uns stolz, bringt aber auch viele Pflichten mit sich», begrüsste Röbi Barrer, Präsident des Stiftungsrates, die stattliche Gästeschar.
Die Alpen bildlich darzustellen, war Anfang des 18. Jahrhunderts kein Thema. Literarisch rückte erst 1732 Albrecht von Hallers Gedicht «Die Alpen» in den Fokus der differenzierten Naturwahrnehmung. Die Berge, bisher eine «schreckliche Einöde», wandelten sich zu einem Ort der Schönheit und Reinheit. Die Ode gilt als einer der Auslöser für den beginnenden Alpintourismus in der Schweiz. Ab den 1770er-Jahren war Capar Wolf der Pionier der Hochgebirgsmalerei und eng mit dem aufklärerischen Geist von Haller verbunden.
Wolf war ein Auftragsmaler
«Wäre Caspar Wolf 1735 nicht in Muri geboren – so behaupte ich –, würde ihn kein Mensch heute kennen», stellte Projektleiter Peter Fischer als kecke These in den Raum. «Das Benediktinerkloster stand damals in Hochblüte und pflegte ganz bewusst die Künste. Der Fürstabt ermöglichte dem 14-jährigen talentierten Zeichner Caspar eine Lehre beim Konstanzer Maler Johann Jakob von Lenz. Nach einer Dekade mit Lehr- und Wanderjahren kehrte Wolf nach Muri zurück, fühlte sich aber mit Illustrations- und Dekorationsaufträgen unterfordert.» In der Kunstmetropole Paris kam er in Kontakt mit der dortigen Malerelite. Er fand in der Freilichtmalerei – bis heute fast unübertroffen – seine Berufung. Seine Bilder, Ikonen der europäischen Landschaftsmalerei, verfertigte Caspar Wolf im Auftrag des Berner Verlegers Abraham Wagner. Dieser wollte aber keine blossen Unikate. Seine aussergewöhnliche Idee: Wolfs Ölgemälde sollten als Vorlagen für Kupferstiche dienen, die Wagner zusammen mit Texten des Naturforschers Jakob Samuel Wyttenbach zu publizieren gedachte. Heute sind insgesamt 137 verschiedene Ausgaben von Stichen nach Wolfs Motiven bekannt.
Spürsinn von Detektiven
Wenig ist jedoch bekannt über deren Entstehung. Hier setzt das Forschungsprojekt von Murikultur an, und die Ausstellung informiert vielfältig über den Stand der Arbeiten. Sie ermöglicht einen Blick über die Schultern des Forschungsteams, das mit detektivischer Akribie und dennoch lustvoll Spuren verfolgt. Die Resultate sind im Museum in vier Räumen ausgestellt. Teamforscherin Nadia Häfner beschäftigt sich mit der Erfassung der Druckgrafiken in einer Datenbank. Ziel ist es, einen Grossteil der über 2000 Grafiken online frei zugänglich zu machen.
Ihr zweiter Auftrag gilt der Erforschung der druckgrafischen Techniken: «Wie funktionierte denn eine Farbaquatinta vor rund 250 Jahren?» Diese Technik wird im Kabinett anhand von Koloriervorlagen im Workshop handfest demonstriert; auch ein Video über den Prozess in der Druckwerkstatt von Urs Jost und Raphael Egil erleichtert das Verständnis.
Bergwandern und Forschen
Im Korridor hat Kristina Pfister, passionierte Bergwanderin, ihre Arbeit illustriert. «Meine Aufgabe bestand darin, die Wege und Standorte von Verleger Wagner, Maler Wolf und Naturforscher Wyttenbach bei ihren gemeinsamen Bergwanderungen ins Lauterbrunnental von 1773 bis 1776 zu rekonstruieren und sie mit Wolfs Gemälden und Studien zu vergleichen. Grundlage war der Reisebericht von Wyttenbach «Merkwürdige Prospekte (Ansichten) aus den Schweizer Gebürgen und derselben Beschreibung». Ich brauchte zeitgenössische Karten und dabei galt es auch, alte Flurnamen zu entschlüsseln.» Kristina Pfister dankte im Referat sichtlich gerührt ihrem Partner und den Eltern für die vermittelte Bergliebe.
Kunsthandel europäisch vernetzt
Museologin Katja Häckel liess wissen: «An der Produktion und Verbreitung der Druckgrafiken war ein europäisches Netzwerk von gut 100 Personen beteiligt.» Ganz geschäftstüchtig widmeten Verleger die Grafiken Adligen und Diplomaten, um sie weit zu streuen. «Ich erforschte also die Beziehungen dieser Akteure zueinander. Zum Beispiel stellte sich die Frage: Welche Rolle spielten der Statthalter der Niederlande oder der französische Kupferstecher Charles Melchior Descourtis? Meine Recherchen führten mich sogar in Archive nach Paris und Den Haag.» In Peter Fischers Kabinett stehen Fragen, Rätsel und Kuriositäten zur Schau. Es geht da um Regenbögen, Frauen- und auch Selbstdarstellungen in Wolfs Werken, analog zu Hitchcocks Filmauftritten.
Sadhyo Niederberger, selbst Kuratorin von Ausstellungen, lobte die Präsentation an der Vernissage: «Da war kein Blabla, man sprach präzisen Klartext.» Die Ausstellung wird – ergänzt durch öffentliche Führungen – noch bis am 26. Juli zu sehen sein.



