«Darf sich keine Wunder erhoffen»
30.12.2025 Wohlen, Parteien, PolitikInterview mit Marc Läuffer, abtretender Präsident des Einwohnerrates
Offiziell endet seine Amtszeit erst Ende Jahr. Verabschiedet wurde er bereits vor vier Wochen an der letzten Sitzung des Parlaments. Marc Läuffer hat das Parlament souverän und mit ...
Interview mit Marc Läuffer, abtretender Präsident des Einwohnerrates
Offiziell endet seine Amtszeit erst Ende Jahr. Verabschiedet wurde er bereits vor vier Wochen an der letzten Sitzung des Parlaments. Marc Läuffer hat das Parlament souverän und mit ruhiger Hand geführt. «Ich hatte mit allen im Rat ein gutes Verhältnis», sagt er heute.
Chregi Hansen
Sie haben Mitte Jahr in einem Gespräch angekündigt, Sie würden in Ihrer Abschlussrede dem Parlament ins Gewissen reden. Davon war aber nichts zu spüren an der letzten Sitzung. Sind Sie harmoniesüchtig?
Marc Läuffer: Das ganz sicher nicht. Höchstens etwas altersmilde (lacht). Ich habe mir zwar durchaus überlegt, ob ich einigen im Saal die Leviten lesen soll, aber kam dann zur Einsicht, dass ich das besser unter vier Augen mache. Das habe ich getan, von daher war nichts mehr offen. Im Übrigen sind wir es einer Institution wie dem Einwohnerrat doch schuldig, dass ein solcher Abschnitt in Würde zu Ende geht. Das habe ich mir darum zu Beginn der Sitzung von allen gewünscht.
Trotzdem gab es wieder Angriffe auf Ihre Partei, die SVP.
Das war zu erwarten und die Kritik war auch erlaubt. Aber es darf nicht zum Ping-Pong-Spiel werden, darum habe ich dann auch schnell reagiert.
Sie haben überhaupt sehr oft interveniert in den zwei Jahren. Aber intensive Debatten gehören doch zur politischen Auseinandersetzung.
Solange es die Sachebene betrifft, ist das richtig. Da darf man von mir aus stundenlang diskutieren. Aber immer, wenn es auf die persönliche Schiene geriet, habe ich schnell reagiert. Leider gibt es Mitglieder, bei denen das immer wieder der Fall war. Darunter auch aus meiner eigenen Partei. Und es ist nicht so angenehm, wenn man die eigene Partei zurückpfeifen muss. Aber als Präsident habe ich neutral zu sein und das Gesamtbild im Auge zu behalten. Ich glaube, das ist mir gelungen.
Wurde Ihnen das übelgenommen in der SVP?
Nein. Es ist immer akzeptiert worden, da gab es nie böse Mails oder Telefonate am nächsten Tag. Die Partei wusste ganz genau, was sie bekommt, wenn sie mich nominiert. Ich war auch an jeder Fraktionssitzung dabei, zudem im Ausschuss und in der Parteileitung. Ich habe parteiintern mitdiskutiert bei den Geschäften. Nur bei den Einwohnerratssitzungen, da war ich stets neutral. Das wurde problemlos akzeptiert – auch von den Hardlinern in unserer Partei. Und das schätze ich sehr, das ist nicht selbstverständlich.
Und wie war das Feedback aus den anderen Parteien?
Ich hatte mit allen im Rat ein gutes Verhältnis. Selbst der emotionale Mitte-Vertreter, der von mir nicht unbedingt geschont wurde, hat sich nach hitzigen Debatten bei mir mit Handschlag verabschiedet. Auf der persönlichen Ebene hat es gut funktioniert im Rat.
Sie haben den Ratsbetrieb sehr diszipliniert geleitet. Wie intensiv konnten Sie die Debatten noch inhaltlich verfolgen?
Als Präsident hat man die Funktion eines Moderators. Das sieht einfacher aus, als es ist. Man muss darauf achten, dass alles richtig abläuft. Das benötigt Konzentration. Vor allem aber muss man als Präsident auf alles vorbereitet sein, muss wissen, wer noch nicht das Wort hatte und muss reagieren, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Es gab sogar Situationen, in denen wir erst klären mussten, wie vorzugehen ist, etwa beim Ordnungsantrag in der Debatte um die Tennisplätze. Ich musste mich vor allem um das Drumherum kümmern und konnte die inhaltliche Debatte nur am Rand verfolgen. Dazu kommen leider technische Probleme: Wir auf der Bühne hören die Voten sehr schlecht. Das haben wir schon moniert, lässt sich aber offenbar nicht so leicht ändern. Dazu sehen wir von unseren Plätzen den Gemeinderat nicht und merken manchmal nicht, dass sich dieser zu Wort meldet.
Aber es wäre doch ein Leichtes, die Umstände zu verändern?
Es gibt offenbar Dinge, die sind vorgegeben, mit denen müssen wir zurechtkommen. Wie die Sache mit den Mikrofonen. Früher gab es mehrere verteilt im Saal, da konnte man vom Platz her sprechen. In der Coronazeit wurden die Redepulte vorne eingeführt. Heute hätte es gar nicht mehr genügend Mikrofone, um zum alten System zurückzugehen. Jeder muss zum Sprechen nach vorne. Das bremst lebendige Debatten aus.
Was nehmen Sie mit aus der Zeit im Ratspräsidium?
Es ist ein wenig wie im Militär: Es gibt viele verschiedene Aufgaben, die man übernehmen muss. Die einen macht man gerne, die anderen weniger. Aber was wirklich in Erinnerung bleibt, sind die vielen schönen Begegnungen mit ganz verschiedenen Menschen. Ich habe sicher 95 Prozent der Anlässe, zu denen ich eingeladen wurde, auch wahrgenommen. Ich habe viel Neues kennengelernt. Wurde auf Probleme aufmerksam, von denen ich vorher nichts wusste. Nur ein kleines Beispiel: Ich war am Empfang nach dem Eidgenössischen Turnfest. Und habe da erfahren, dass die Organisatoren vergessen haben, dem Behindertensportclub ihre Medaillen zu übergeben. Das hat mich wirklich betroffen gemacht. Aber auch Anlässe wie das Jugendfest oder Feiern im Bifang bleiben unvergessen.
Aber sind diese Einladungen an Gemeindevertreter heute noch zeitgemäss? Muss der Einwohnerratspräsident wirklich an jede GV?
Wenn ich eingeladen bin, gehe ich hin. Nicht als Marc Läuffer, sondern als Vertreter des Einwohnerrates. Diese Vereine engagieren sich für die Gemeinde, darum haben sie es verdient, dass man ihnen Respekt entgegenbringt. Das bedeutet aber nicht, dass ich dann ein Grusswort halte. Das habe ich tatsächlich nur selten gemacht.
Selbst an der Fasnacht waren Sie aktiv.
Ich bin eigentlich gar kein Fasnächtler, bin aber über meinen Schatten gesprungen. Denn ich musste das ganze Jahr über neutral bleiben, hier konnte ich Faxen machen, ohne dass es mir jemand übelgenommen hätte, und mit Julia habe ich die perfekte Partnerin gefunden. Dabei war das erste Mal gar nicht abgesprochen, sondern wir haben uns zufällig getroffen und waren danach zusammen unterwegs. Im nächsten Jahr haben wir uns dann gemeinsam ein Sujet ausgedacht.
Und jetzt wird man Sie jede Fasnacht antreffen?
Nein. Das Ganze sagt mir einfach nichts. So, wie viele sich nicht mit meinem grossen Hobby, der Modelleisenbahn, anfreunden können.
An der letzten Sitzung wurde fast nur noch gedankt und alle waren ganz nett und freundlich. Ist die Wohler Politik wirklich so harmonisch?
Das gehört sich so am Ende einer Legislatur. Wir hatten im Herbst einen harten Wahlkampf, in dem viel ausgeteilt wurde. Ich wollte, dass wir das jetzt hinter uns lassen. Und überhaupt: Man kann von einzelnen Parteien und Vertretern halten, was man will, aber jeder investiert Zeit und Herzblut, da gebieten es Anstand und Respekt, diese Leistung zu würdigen und einfach Danke zu sagen.
Nach den Wahlen verändern sich die Stärkeverhältnisse. Was erwarten Sie für die Zukunft?
Ich wünsche allen Glück und Erfolg beim Lösen der grossen Herausforderungen in Wohlen. Wir haben etliche Probleme, das lässt sich nicht wegreden. Wir dürfen uns auch keine Illusionen machen. Die neuen Gemeinderäte und das neue Parlament stehen jetzt vor den gleichen Problemen. Aber vielleicht finden sie tatsächlich neue Lösungsansätze. Letztlich muss man aber auch immer das Volk hinter sich bringen.
In Wohlen wird fast nur noch über Schulraum und Finanzen diskutiert. Laufen wir nicht Gefahr, dass anderes vergessen geht?
Es war wichtig, den Fokus jetzt auf diese beiden Bereiche zu richten. Aber natürlich gibt es viele andere Themen. Das sind vielfach Aufgaben, welche die Exekutive und die Verwaltung in ihrem Tagesgeschäft lösen. Das fängt beim Sozialdienst an und hört bei der Feuerwehr auf. Es läuft in vielen Bereichen hervorragend und darum kommen diese Themen auch nicht in den Einwohnerrat. Das Parlament muss sich nur um die wesentlichen Punkte kümmern und nicht um Nebensächlichkeiten.
Was auffällt: Manche Sitzungen sind vollgepackt mit Themen, bei anderen lohnt es sich kaum zu kommen. Wieso lässt sich das nicht besser steuern?
Die Traktandenliste wird vom Gemeinderat gesteuert, die kann der Präsident nicht gross beeinflussen. Das hat mit den Abläufen auf der Verwaltung zu tun. Manchmal sind gleich mehrere grosse Geschäfte aus verschiedenen Abteilungen beschlussreif. Und was bereit ist, soll auch behandelt werden. Es kann höchstens vorkommen, dass in der FGPK-Sitzung Fragen auftauchen, deren Beantwortung länger dauert. Dann kann ich als Präsident das Geschäft vertagen. Umgekehrt kam es vor, dass ausgerechnet an der Sitzung, an der 19 Geschäfte traktandiert waren, auch noch eine dringliche Motion eingereicht wurde. Dann dauert die Sitzung sehr lange, und ob dies gut ist für die Qualität der Debatte, dahinter kann man ein Fragezeichen setzen. Irgendwann kann man nichts mehr aufnehmen.
Vermutlich haben Sie auch darum immer zu kurzen Voten gerängt.
Es ging mir um die Effizienz. Gerade bei Antworten auf Anfragen muss man das nicht in die Länge ziehen. Entweder ist man mit der Antwort zufrieden oder nicht, dann muss man eben die Diskussion verlangen. Aber die Antworten zu kommentieren, das ist nicht vorgesehen. Dass ich das durchgesetzt habe, dafür wurde ich oft kritisiert. Aber wir haben ein Reglement, dem wir verpflichtet sind.
Gibt es eine Sitzung, die Ihnen besonders in Erinnerung bleibt?
Davon gab es sogar zwei. Zum einen diejenige, in welcher der Verein Schöner Wohlen eine dringliche Motion eingereicht hat. Das gab es vorher noch nie. Am herausforderndsten war aber die Situation, als sich ein Ratsmitglied über eine Aussage des Gemeindeammanns aufgeregt und ihn quasi als Lügner betitelt hat. Hier richtig zu handeln, das war gar nicht so einfach, denn wir hatten eine Schulklasse auf der Tribüne. Darum bin ich das Problem nach der Sitzung angegangen und habe die Situation bereinigt. Leider sind einige Einwohnerräte gleich nach der Sitzung gegangen und haben das nicht mehr mitbekommen und hatten darum den Eindruck, ich hätte nichts getan. Wir haben das Problem mit allen Beteiligten am gleichen Abend noch ausdiskutiert. Aber manches passiert eben hinter den Kulissen. Apropos Schulklassen: Es hat mich sehr gefreut, dass wir gleich mehrere zu Besuch hatten. Das ist neu, und das finde ich positiv.
Sie haben sehr eng mit Arsène Perroud zusammengearbeitet. Wie hat das funktioniert bei zwei Personen, die politisch so weit auseinanderliegen?
Das funktioniert, weil es dabei nicht um Politik geht. Sondern um administrative und organisatorische Fragen rund um die Sitzungen. Und dabei war gegenseitig eine hohe Verlässlichkeit spürbar. Natürlich gab es auch da Diskussionen, aber wir haben immer eine Lösung gefunden.
Und politische Diskussionen haben Sie zwei nie geführt?
Nein, das war auch nicht nötig. Er kennt meine Grundhaltung genau und ich seine.
Was werden Sie vermissen im kommenden Jahr?
Es wird sich sicher einiges ändern. Ich war 13 Jahre lang im Einwohnerrat tätig. Die politischen Debatten und die vielen Hintergrundinformationen zu den Geschäften werde ich sicher vermissen. Aber ich bin keiner, der alten Zeiten nachtrauert. Ich behalte stets eine gesunde Distanz zu den Dingen. Umgekehrt habe ich mehr Zeit für andere Hobbys. Davon gibt es noch genug. Zudem bin ich jetzt Grossvater geworden, da verändern sich manche Prioritäten. Auch mein Arbeitgeber wird sicher froh sein, wenn ich mich wieder voll und ganz auf meine Aufgaben konzentrieren kann.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Wohlen?
Für das Parlament wünsche ich mir, dass es sachlich diskutieren kann und die persönlichen Anfeindungen aufhören. Die bringen Wohlen nicht weiter. Aber einfach wird es nicht. Wir sind wie ein Öltanker unterwegs. Der Kurs lässt sich nicht auf die Schnelle ändern, das braucht Zeit. Und die vorhandenen Probleme lassen sich nur gemeinsam lösen. Egal, wer die politische Macht hat. Man soll sich keine Wunder erhoffen, weil die Stärkeverhältnisse sich geändert haben. Zentrumsgemeinden haben spezifische Probleme, unabhängig von der Stärkeverteilung im Parlament. Was ich mir auch erhoffe: Dass wir in Wohlen weiterhin sicher leben können.
Können wir das nicht mehr?
Was ich als Bezirksrichter an Fällen sehe, finde ich bedenklich. Da sind wir gefordert zu reagieren. Je grösser Wohlen wird, desto grösser werden auch die Probleme. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zum Schmelztiegel der gesellschaftlichen Probleme werden. Auch hier sind alle gefordert, unabhängig von der Partei.

