Marco Huwyler, Redaktor.
Es ist jeden Tag dasselbe. Er, ein junger Mann gegen 30, und sie, eine mittelalte Frau um die 50, treffen sich im Bus. Sie haben denselben Arbeitsweg. Zuerst steigt er ein. Ein paar Stationen weiter sie.
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Marco Huwyler, Redaktor.
Es ist jeden Tag dasselbe. Er, ein junger Mann gegen 30, und sie, eine mittelalte Frau um die 50, treffen sich im Bus. Sie haben denselben Arbeitsweg. Zuerst steigt er ein. Ein paar Stationen weiter sie.
Zunächst hocken sie für sich alleine. Er meist vorne, sie meist hinten. Dann gilt es umzusteigen. Und beim Wechsel des Fahrzeugs, kann man sich nicht mehr ignorieren. Denn die zwei kennen sich nicht bloss von der Pendelei, sie haben auch dasselbe Ziel – sie arbeiten beim selben Arbeitgeber. Also beidseits Stöpsel aus den Ohren. Man begrüsst sich mit einem müden Lächeln. Im neuen Bus beziehen sie notgedrungen gemeinsam einen Zweiersitz. Körperkontakt unausweichlich, angesichts der engen Verhältnisse. Wohl scheinen sich beide nicht zu fühlen, Beine zusammengepresst, Jacke an Jacke, die Taschen auf den Knien. Die Hände umklammern einen Caffe Latte (sie) bzw. einen Energy Drink (er). Koffein-Schlücke helfen, die Gesprächspausen zu überbrücken.
Eigentlich haben sie sich nichts zu sagen, zumal so früh am Morgen. Doch Schweigen wäre unangenehm. Selbiges ist allerdings auch die Unterhaltung für die beiden, das merkt man. Schwerstarbeit noch vor Schichtbeginn. Immer wieder stockt der karge Dialog, versiegt schliesslich, bevor jemand einen neuen Anlauf nimmt. Das Erreichen des gemeinsamen Ziels schliesslich eine allmorgendliche Erlösung.
Ich beobachte das Ganze jeweils unwillkürlich und leide still mit. Verblüffend, wie fest gesellschaftliche Zwänge in uns verankert sind. Es hätte jeweils reichlich Platz im Bus für eine entspannte morgendliche Reise der beiden. Aber eben – man kennt sich halt, also hat man sich miteinander abzugeben. So der stillschweigende Konsens, den wohl die meisten von uns in ihrem Alltag mittragen – und bestimmt selbst die ein- oder andere leidgeprüfte Erfahrung diesbezüglich vorweisen können.
Beim Mann und der Frau haben sich die Dinge über die Monate und Jahre aber entwickelt. Positiv. Die tägliche gegenseitige Gesellschaft scheint zaghaft ungezwungener zu werden. Manchmal reden sie jetzt gar angeregt miteinander, wie zwei richtige Vertraute. Oftmals aber sitzen sie einfach schweigend nebeneinander mit ihren Getränken. Und wenn Stille nicht mehr drückend ist, sondern angenehm vertraut, ist dies ein gutes Zeichen einer Beziehung – sei sie auch noch so auferzwungen.