Die ehrlichste Form von Liebe
10.04.2026 Muri, TheaterSchreiber vs. Schneider liefern sich im Cabarena einen lustvollen Schlagabtausch
Sie verwandeln ihren Beziehungsalltag in ein präzis choreografiertes Wortgefecht und zeigen dabei, warum Streit manchmal die ehrlichste Form von Liebe ist: Sybil Schreiber und Steven ...
Schreiber vs. Schneider liefern sich im Cabarena einen lustvollen Schlagabtausch
Sie verwandeln ihren Beziehungsalltag in ein präzis choreografiertes Wortgefecht und zeigen dabei, warum Streit manchmal die ehrlichste Form von Liebe ist: Sybil Schreiber und Steven Schneider begeisterten mit ihrem «Paarcours d’amour».
Schneider vs. Schneider betreiben Beziehungsarchäologie in Echtzeit. Sie graben sich durch den Alltag einer langjährigen Partnerschaft und legen dabei Schicht um Schicht frei: Verliebtheit, Gewohnheit, Reibung, Zärtlichkeit. Und immer wieder: Konflikt. Lustvoll ausgetragen, präzise gesetzt, mit einem Timing, das nur wenig mit einer Lesung zu tun hat (als was ihre Bühnenprogramme ursprünglich gedacht waren), sondern vielmehr mit Theater und Stand-up-Comedy.
Seit bald 30 Jahren streiten sich Sybil Schreiber und Steven Schneider als Schreiber vs. Schneider (kurz: SvS) lustvoll als Kolumnisten. Fast ebenso lange tun sie das live und in aller Öffentlichkeit. Ursprünglich vor ein paar Dutzend SvS-Insidern in Bibliotheken, heute schon mal im ausverkauften Casinotheater Winterthur. Die beiden Alltagsphilosophen sind zur Marke geworden, zum Schweizer Kulturgut in Sachen bühnenreifer Beziehungsverarbeitung. Dass sie nicht längst in einem Atemzug mit Kabarett-Grössen wie Simon Enzler, Claudio Zuccolini oder Ursus und Nadeschkin genannt werden, mag daran liegen, dass ihr Humor von Anfang an nicht darauf zielte, das klassische Kleinkunstpublikum und die offizielle Kulturkritik für sich zu gewinnen, «sondern Leute wie dich und mich». Denn wer kämpft als Paar nicht hin und wieder mit den Tücken des Alltags. Nur nehmen es die meisten mit weniger Humor.
Ein erotisches Versprechen
Sie tun ebendas. Auch bei «Paarcours d’amour», dem Motto des Abends. Natürlich beginnt hier alles beim Anfang: bei der Verliebtheit. Dieses leicht hysterische Stadium, in dem Schlaf und Appetit aussetzen, ein einziges Wort genügt, um den Puls in die Höhe zu treiben, und ein «Hach!» ein erotisches Versprechen ist. «Damals war ich aufmerksam», sagt er leicht dahin. Und schon klingeln bei ihr alle Alarmglocken. «Damals?», zickt Partnerin Sybil Schreiber. Der Satz hängt wie eine drohende Wolke über dem Publikum, das sich in seiner grossen Mehrheit ertappt fühlt (wie eine spontane Umfrage beweist). «Und heute?»
Kompetenzgerangel im Auto
Es sind solche kleinen Alltäglichkeiten, die als vermeintlich grosse Themen des Abends enden: die leere Kartonrolle am WC-Papier-Halter etwa oder die Frage «Was denkst du gerade?», gestellt genau im falschen Moment. Das gemeinsame Autofahren, das sich zuverlässig in ein stilles Kompetenzgerangel verwandelt. Oder der Restaurantbesuch, bei dem sich die Vorfreude auf ein Cordon bleu in Luft auflöst, weil plötzlich jemand «nur einen Salat» für die vernünftigere Lösung hält.
Was ist Liebe?
Was das Duo dabei so stark macht, ist die Gleichwertigkeit der Meinungen. Niemand gewinnt dauerhaft. Beide haben recht und gleichzeitig unrecht. Das Publikum pendelt mit, erkennt sich mal hier, mal dort wieder. Und beginnt irgendwann zu ahnen: Es geht gar nicht darum, wer recht hat, sondern darum, dass man sich immer wieder findet.
Und vielleicht ist die eigentliche Pointe des Abends ohnehin die, dass all diese Reibungen kein Gegenentwurf zur Liebe sind, sondern ihr Ausdruck. Dass Streit nicht das Gegenteil von Nähe ist, sondern das Resultat davon.
Doch was also ist Liebe? Schreiber und Schneider wollten es wissen und fragten in einer Primarklasse nach: «Wenn meine Oma am Küchentisch sitzt und sich mein Opa zu ihr setzt und er seine Hand auf ihre legt – das ist Liebe», antwortete ein Dreikäsehoch. Kann man das schöner sagen? --red

