Die Freiheit der Irren
17.02.2026 Bremgarten, TheaterPremiere von «Die Physiker» im Kellertheater
Vergangenen Samstagabend hob sich im Kellertheater Bremgarten der Vorhang für die neue Eigeninszenierung von Dürrenmatts «Die Physiker». Die Premiere lockte zahlreiche Besucherinnen und Besucher ...
Premiere von «Die Physiker» im Kellertheater
Vergangenen Samstagabend hob sich im Kellertheater Bremgarten der Vorhang für die neue Eigeninszenierung von Dürrenmatts «Die Physiker». Die Premiere lockte zahlreiche Besucherinnen und Besucher an und entführte sie in eine Welt zwischen Genie und Irrsinn, Verantwortung und Abgrund.
Gianna Schläpfer
«Nur im Irrehuus simmer no fry, döfemer no dänke. Da dusse sind öisi Gedanke Sprengstoff.» Zu dieser bitteren Schlussfolgerung gelangen ein verschlafener Einstein, der seine Geige umklammert wie einen Teddybären, ein teils manischer, teils mahnender Möbius und ein Cognac-hortender Newton. Drei Physiker, drei Maskeraden. Und eine Wahrheit, die gefährlicher ist als jede Waffe.
Nah am Original in Mundart erzählt
Das Kellertheater bleibt seiner Linie treu: Die Eigeninszenierungen orientieren sich eng an bestehenden Fassungen und so bleiben sie auch dieses Mal dicht am Originaltext von Friedrich Dürrenmatt. Erzählt wird die Geschichte der drei Physiker, die sich in der Klinik von Frau Dr. Zahnd aus unterschiedlichen Motiven als Irre ausgeben. Als sie einander ihre wahren Identitäten offenbaren, ahnen sie nicht, dass ihre Pläne längst gescheitert sind.
Gespielt wird einmal mehr in schweizerdeutscher Fassung. «Es bleibt natürlich eine Kunstsprache», so Schauspieler Urs Albrecht. Die bewusst absurden, kühl konstruierten Dialoge wirken im Dialekt nicht gefälliger, sondern in ihrer Künstlichkeit umso deutlicher. Theater bleibt Kunstform, auch und gerade sprachlich.
Eine besondere Verfremdung schaffen dabei die Salomon-Passagen: Sie sind in Hochdeutsch gehalten. Für Albrecht eröffnet das Standarddeutsch die Möglichkeit, noch tiefer in die Figur und ihren gespielten Wahnsinn einzutauchen.
In den Wahnsinn eintauchen
Albrecht steht seit 2017 auf den Brettern des Kellertheaters und verkörpert Möbius, den genialen Wissenschaftler, der nach der Entdeckung der Weltformel zum Schutz der Menschheit den Wahnsinn fingiert. Er spielt also einen Physiker, der einen Irren spielt. Dabei taucht er immer wieder in Momente ab, in denen König Salomon durch ihn spricht. «Es ist eine schöne, dankbare Szene. Wir konnten dabei viel ausprobieren», sagt Albrecht dazu. Die intensive Probenzeit habe in den letzten Durchläufen ein deutliches Gefühl hinterlassen: «Wir sind reif für die Bühne.» Und dann ist sie nach langen Proben doch plötzlich da, die Premiere. Die warme Energie des echten Publikums im fast ausverkauften Saal sei ein klares Highlight: «Ein Gegenüber zu haben, ändert viel an der Dynamik.»
Bühne mitten im Geschehen
Einmal mehr hat die technische Gestaltung ganze Arbeit geleistet. Die Bühne, die das Kellertheater bei jeder Produktion neu denkt und arrangiert, erstreckt sich längs der Fensterfront des Schellenhauses, welche sich in vergitterte Öffnungen einer Heilanstalt verwandelt. Das Publikum sitzt dicht gedrängt rund um die Spielfläche, beinahe selbst mit dabei im Salon der Irrenärztin. So werden die Ermittlungen rund um die drei ermordeten Krankenschwestern aus nächster Nähe miterlebt.
Nach der Pause kippen die Kräfteverhältnisse. Mit der Annäherung an den Showdown steigert sich das Geschehen ins Chaotische. Der verantwortliche Inspektor konstatiert zufrieden, die Gerechtigkeit mache heute Ferien. Absurde Einschübe, wirre Begriffe aus Physik und Chemie, eingestreut von einem Chor, überlagern die Handlung. Projektionen flimmern über den Hintergrund und beziehen Gegenwartsparallelen mit ein: Formeln, binäre Zahlen, Gedankensplitter. Hervorragende Livemusik trägt die Szenen.
Sterben als Höhepunkt
Brigitte Brun Singer spielt jene Krankenschwester, die von Möbius auf offener Bühne erdrosselt wird. «Das Sterben ist immer ein Highlight für mich», erzählt sie mit einem Schmunzeln. Technisch sei die realistische Darstellung durchaus herausfordernd. Umso grösser die Freude, wieder auf der Bühne zu stehen: «Riesig schön.»
Beide Schauspielenden betonen ausserdem das engagierte Team hinter den Kulissen. Mit viel Herzblut werde hier gearbeitet, Offenheit und Miteinander prägten das Kellertheater. «Beeindruckend, was das Haus bietet, sowohl nach aussen wie nach innen», so Brun Singer.
Subtiler Gegenwartsbezug
Dürrenmatt, seiner Zeit teils meistgespielter zeitgenössischer deutschsprachiger Autor, verhandelt in «Die Physiker» die politische Verantwortung der Wissenschaft ohne plakative Aktualitätsbezüge. Die Fragen bleiben in zeitlosen Dialogen auf zwischenmenschlicher Ebene. Auch das Kellertheater setzt bei der Stückwahl auf leise Gegenwartsbezüge. Parallelen zu Künstlicher Intelligenz oder aktuellen politischen Entwicklungen stehen im Raum, werden jedoch nicht aufgedrängt. Die Einbildung, man könne sich aus der Politik zurückziehen, man habe keine Wahl, wird mit einem bitteren Ende aufgelöst. Es bleibt eine allgemeingültige Moral und die ernüchternde Einsicht: «Hätte man es doch nie so weit getrieben.»
Kurz nach elf Uhr folgt auf die gelungene Premiere ein grosser Apéro. Wieder ist es ein langer, intensiver Abend im Kellertheater geworden. Bevor sie sich feiern lassen, sprechen Brun Singer und Albrecht über das, was Theater für sie bedeutet: spielen zu dürfen, was man im Alltag nicht sein kann … oder nicht sein will. «Theater gibt mir persönlich viele Highlights, schafft Erinnerungen, herausragende Momente im Leben», so Albrecht. Künstliche Ausdrucksformen zu gestalten, Figuren zu formen, Extreme auszuloten: All das macht diesen Wahnsinn auf der Bühne so lebendig.
«Die Physiker» wird bis am 28. März noch 15-mal aufgeführt. Infos und Tickets unter: www.kellertheater-bremgarten.ch.


