Die Hoffnung wieder zulassen
14.06.2024 MuriDas Trauer-Lebens-Café unterstützt beim Umgang mit Sterben und Leid
Mit anderen Leuten über Gefühle sprechen und eigene Erfahrungen weitergeben können – das ermöglicht der Trauertreff in Muri. Kürzlich wurde im Raum Gerold der ...
Das Trauer-Lebens-Café unterstützt beim Umgang mit Sterben und Leid
Mit anderen Leuten über Gefühle sprechen und eigene Erfahrungen weitergeben können – das ermöglicht der Trauertreff in Muri. Kürzlich wurde im Raum Gerold der Pflegi Muri die Arbeit des Hospizes Aargau vorgestellt.
Thomas Stöckli
Unendlich viele Blumen blühen auf einer Wiese. Im Zentrum des Halbkreises, in dem die Stühle im Raum Gerold der Pflegi aufgestellt sind, brennt eine Kerze. Daneben sind Blumen in Vasen und Fotos wie das Beschriebene. Sie zeigen den Lebenszyklus von Löwenzahn. Eine Blume, deren gelbe Blüte mit Sonnenschein, Wärme und Geborgenheit assoziiert wird. Eine Blume aber auch, deren weisse, kugelförmig angeordnete und wegpustbare Samenschirme für Vergänglichkeit stehen. Doch eigentlich trägt jeder dieser Flugsamen das Leben in die Welt hinaus.
Das Ende oder doch ein Anfang? Das ist eine der grossen Fragen im Zusammenhang mit Sterben. Eine der grossen Fragen, mit denen sich das Trauer-Lebens-Café in Muri monatlich befasst. Am 15. jedes Monats, ausser im Juli: «Dann ist Sommerpause», sagt Simon Meier katholischer Seelsorger der Pflegi Muri. Gemeinsam mit Ruth Langenberg und Luzia Joho steht er hinter dem Treff, in dem sich Trauernde austauschen, um ins Leben, ins Hoffen zurückzufinden. Der Treffpunkt in der Pflegi habe sich zwar zufällig ergeben. «Dabei ist er hier genau am richtigen Ort», sagt Simon Meier heute. Er schätzt das Miteinander mit der Pflegi.
Würdevolles Leben und Sterben
Kürzlich empfing das Trauertreff-Team zu einem Informationsabend. Lars Hollerbach, Mitglied der Geschäftsleitung von Hospiz Aargau, berichtete über die Arbeit, die stationär im Dachgeschoss des einstigen Bezirksspitals in Brugg – wo früher die Geburtsabteilung untergebracht war –, aber auch ambulant bei den Sterbenden geleistet wird. Dabei geht es darum, dem Menschen am Lebensende ein würdevolles Sterben im Kreise seiner Liebsten zu ermöglichen, mit fachkundiger und liebevoller Begleitung und Fürsorge von Pflegefachpersonen, freiwilligen Mitarbeitenden sowie nach individuellem Bedarf verschiedenen Fachpersonen.
Getreu dem Leitsatz: «Man soll dem Leben nicht mehr Tage geben, aber dem Tag mehr Leben», dreht sich im Hospiz alles um die Wünsche und Bedürfnisse der Sterbenden auf ihren letzten Schritten im Leben. «Wenn jemand um 16 Uhr frühstücken will, dann frühstückt er oder sie um 16 Uhr», nennt Hollerbach ein Beispiel. Auch wenn jemandem das Rauchen etwas gibt, ist das gut. «Die Leute sollen ihre letzte Lebenszeit in Würde bei uns verbringen dürfen», sagt Hollerbach. Und: «Wenn sie es geschafft haben, ist das etwas Befreiendes.»
Weder verlängern noch verkürzen
Über zehn Zimmer verfügt das Hospiz. Jährlich sterben hier rund 100 Menschen, manche schon am Abend ihres Einzugs, andere erst nach Monaten. Der Eintritt wird dank Spenden unabhängig von der wirtschaftlichen Lage ermöglicht. Wer erst mal da ist, darf auch bleiben, bis seine Zeit gekommen ist. In Einzelfällen treten Patienten auf eigenen Wunsch wieder aus, wenn sich ihr Zustand wider Erwarten verbessert hat. «Sterben ist ein natürlicher Prozess», weiss Lars Hollerbach, «der dauert so lange, wie er dauert.» Eine Leitlinie lautet, das Leben weder zu verlängern noch zu verkürzen. Entsprechend ist Sterbehilfe im Hospiz kein Thema, als Graubereich das Sterbefasten allerdings nicht ausgeschlossen.
Im Durchschnitt sind die Patienten rund zweieinhalb Wochen da. Wenn sie dann sterben, bleibt den Angehörigen viel Zeit, um in würdigem Rahmen Abschied zu nehmen. Und anschliessend wird jeder und jede der Verstorbenen mit einem bemalten Stein an einer Wand verewigt. Die individuell gestalteten Steine – jeder mit dem Todesdatum und den Initialen der verstorbenen Person versehen – sind spiralförmig angeordnet. Die nach aussen drehende erste Spirale ist mittlerweile in eine nach innen drehende zweite übergegangen. Irgendwann wird das zu einer liegenden Acht, dem Symbol für Unendlichkeit, für Entstehen und Vergehen in steter Abfolge.
Eigene Erfahrungen weitergeben
Was bewegt mich als Hinterbliebener? In der Trauerarbeit geht es darum, mit anderen über Gefühle zu sprechen. «Die Teilnehmenden sollen selbst zu Coaches werden und ihre Erfahrungen weitergeben», sagt Simon Meier. Und: «Der Trauerprozess ist sehr individuell. Dem wollen wir Raum geben.» So einzigartig wie die Blüten auf dem eingangs beschriebenen Bild mit der Blumenwiese sind nämlich auch die Menschen. Die Verstorbenen wie die Hinterbliebenen. Und auch um sie geht es im Trauer-Lebens-Café: «Wie kann es weitergehen?», stellt Luzia Joho eine ganz entscheidende Frage. Nach einer Stunde Trauertreff wenden sich die Teilnehmenden anderen Themen zu. Dem Leben. Und der Hoffnung.