Die letzte Freiämterin
22.07.2025 Sport, FussballBelinda Pierre-Brem über ihre Funktion an der EM und ihre neue Tätigkeit im Verband
Aktuell ist viel los bei der Freiämterin Belinda Pierre-Brem. Ende Dezember 2026 tritt sie definitiv als Schiedsrichterin zurück. Als Frauenverantwortliche im ...
Belinda Pierre-Brem über ihre Funktion an der EM und ihre neue Tätigkeit im Verband
Aktuell ist viel los bei der Freiämterin Belinda Pierre-Brem. Ende Dezember 2026 tritt sie definitiv als Schiedsrichterin zurück. Als Frauenverantwortliche im Schiedsrichterwesen beim Aargauer Fussballverband AFV hat sie allerdings bereits eine neue Aufgabe. Momentan ist sie ausserdem an der EM als «Giant Screen Supervisor» tätig.
Josip Lasic
Das Schweizer Nationalteam mit den beiden Freiämterinnen Alayah Pilgrim und Julia Stierli ist an der Heim-EM im Viertelfinal ausgeschieden. Das bedeutet aber nicht, dass niemand aus der Region mehr am Turnier im Einsatz ist. Wenn morgen Mittwoch, 21 Uhr, im Stadion Letzigrund der Halbfinal zwischen Deutschland und Spanien angepfiffen wird, hat die Rottenschwilerin Belinda Pierre-Brem alle Hände voll zu tun. Die 37-Jährige ist «Giant Screen Supervisor» im Zürcher Stadion. Sie entscheidet darüber, welche Bilder auf der grossen Anzeigetafel für die Stadionbesucher zu sehen sind.
Eine anspruchsvolle Aufgabe. In «Vor-VAR-Zeiten» konnte es beispielsweise vorkommen, dass die Wiederholung eines Tores eingeblendet wurde – inklusive einer übersehenen Abseitssituation – was zu Unmut bei den Zuschauern des benachteiligten Teams führte. FIFA und UEFA haben aus solchen Erfahrungen gelernt. Damit keine Szenen gezeigt werden, die Tumulte auslösen könnten, übernehmen Referees die Aufgabe des «Giant Screen Supervisors». «Bei einem Frauenturnier ist die Wahrscheinlichkeit für Ausschreitungen zwar sehr gering, aber es gelten die gleichen Richtlinien für alle Turniere», erklärt Pierre-Brem.
Entscheidungen in Echtzeit
Herausfordernd bleibt die Tätigkeit trotzdem. «Ich war am Anfang nur schon von der ganzen Technologie erschlagen, die rund um so ein Spiel eingesetzt wird. Ein kleineres technisches Problem kann schon sehr problematisch werden. Bis jetzt lief aber an den Spielen zum Glück alles rund.» Die Entscheide müssen blitzschnell getroffen werden, ohne Vorwissen, welches Bildmaterial die SRG der Freiämterin und ihrem Team zur Verfügung stellt, aber unter Einhaltung aller Regeln. Beispielsweise im Spiel zwischen England und den Niederlanden, wo Prinz William im Stadion war. «Wir dürfen keine VIPs zeigen. Es gibt viele Dinge, die berücksichtigt werden müssen. Man muss geistig sehr präsent sein.»
Das ist sich Pierre-Brem als Unparteiische, die seit 2011 FIFA-Schiedsrichterin ist, durchaus gewohnt. Wie schätzt sie die bisherigen Leistungen der Referees am Turnier ein? «Bisher habe ich zwar keine perfekte Leistung gesehen, aber auch keine gravierenden Fehlentscheide», erklärt sie und nimmt gleichzeitig ihre Schiedsrichterkolleginnen in Schutz. «Wenn ich vergleiche, wie viel Technologie da im Spiel ist und dass mindestens 23 Kameras auf einen gerichtet sind, ist auch der Druck viel grösser als noch zu der Zeit, wo ich auf diesem Niveau gepfiffen habe.»
Auf der Suche nach Nachfolgerinnen
Belinda Pierre-Brem ist nicht die einzige Freiämterin in dieser Rolle. Der Sarmenstorfer Sascha Amhof hatte im Stadion Wankdorf in Bern die gleiche Aufgabe. Sein Fokus hat sich schon vor geraumer Zeit hinter die Kulissen verlagert. Er leitet das Ressort Schiedsrichter beim Schweizerischen Fussballverband (SFV). Auch bei Pierre-Brem geht die Entwicklung in diese Richtung. Bereits 2018 hat sie ihr Pensum auf dem Rasen aus familiären und beruflichen Gründen reduziert. Zuletzt hat sie Spiele der Schweizer Topligen der Frauen geleitet und war auch bei den Männern bis auf Promotion-League-Level dabei. Vom Männerfussball hat sie sich schon komplett verabschiedet. Ende Dezember 2026 ist auch bei den Frauen Schluss. Neu ist die Physiotherapeutin Frauen-Verantwortliche im Aargauer Schiedsrichterwesen beim Aargauer Fussballverband AFV.
Ihre Aufgabe: Neue Schiedsrichterinnen finden. «Im Verband geht man davon aus, dass die EM grössere Auswirkungen auf die Anzahl Frauen und Mädchen, die Fussball spielen wollen, haben wird. Man hat sich eine Verdoppelung der Spielerlizenzen im Frauenbereich von 40 000 auf 80 000 bis 2027 als Ziel gesetzt. Zudem sollen rund zehn Prozent aller Schiedsrichter weiblich sein. Im Schiedsrichterwesen hat sich die Anzahl Referees seit Corona auf den Rekordwert von gegenwärtig rund 5200 Referees gesteigert. Wenn es gelingt, die Frauenquote von aktuell rund 130 auf 500 zu erhöhen, sollte es möglich sein, dass sämtliche Frauenspiele auch von weiblichen Schiri-Teams geleitet werden.»
Im AFV peilt man eine Anzahl von rund 40 Schiedsrichterinnen an. Ein herausforderndes Ziel. Schiedsrichter ist, unabhängig vom Geschlecht, oft eine undankbare Aufgabe. «Ich habe mir in all den Jahren ein dickes Fell angeeignet, weil man sich wirklich viel anhören muss», sagt die Rottenschwilerin. «Aber es gab durchaus Schiedsrichterkolleginnen und -kollegen, die sich irgendwann gefragt haben, wieso sie sich das antun.» Doch Pierre-Brem und der Verband leisten viel Arbeit, um neue Unparteiische zu gewinnen. Mini-Schiedsrichterkurse werden angeboten, es gab und gibt Rekrutierungsstände an Spielen des FC Aarau oder am Aargauer Cupfinaltag, und um das Kontingent bei den Frauen zu erreichen, kommt der Verband den Vereinen auch entgegen. Pro zwei zur Meisterschaft angemeldete Teams muss ein Fussballclub einen Schiedsrichter stellen. Frauen zählen dabei allerdings doppelt. «So werden die Vereine zwar ein bisschen gezwungen, Schiedsrichter zu stellen und etwas für die Ausbildung der Referees zu tun, aber gleichzeitig belohnt, wenn sie eine Schiedsrichterin stellen können.»
Die Aufgabe kann viel geben
Langweilig wird es Belinda Pierre-Brem jedenfalls nicht. Noch ist sie selbst als Schiedsrichterin aktiv und sucht gleichzeitig bereits nach der nächsten Generation von Unparteiischen. Und obwohl die Aufgabe des Schiedsrichters undankbar sein kann, hat ihr diese Tätigkeit auch viel gegeben. Morgen Mittwoch wird sie im Letzigrund entscheiden, was am «Giant Screen» gezeigt wird – und dabei die letzte Vertreterin der Region Freiamt an der Heim-EM sein.
«Werde Schiri»
Schiedsrichter werden in diversen Sportarten gesucht. Besonders im Fussball ist es jedoch schwierig, engagierte Menschen zu finden, da der Umgang mit den Unparteiischen in den letzten Jahren abschreckend wirkt. Mit der Seite https://werdeschiri.ch will der Verband dem entgegenwirken. Ihr Hauptslogan lautet: «Ohne Schiri gibt es keine Spiele.» Um Hemmungen abzubauen, erklärt die Plattform die Vorteile der Schiedsrichtertätigkeit und die Kompetenzen, die man dabei erwirbt. Gleichzeitig bietet sie umfassende Informationen zur Ausbildung und zu den Voraussetzungen. Für Leute, die sich vorstellen können, Schiedsrichter zu werden, lohnt sich ein Blick auf die Seite. --red
Wunder blieb aus
Die Schweizerinnen scheiden an der Heim-EM aus
Der Viertelfinal ist Endstation für das Schweizer Frauenfussball-Nationalteam mit den beiden Murianerinnen Alayah Pilgrim und Julia Stierli. Im Duell gegen die amtierenden Weltmeisterinnen aus Spanien war keine der beiden Freiämterinnen in der Startelf. Besonders überraschend war es bei Stierli, die in den drei Gruppenspielen stets von Beginn an spielte und mit ihrer Erfahrung eine wichtige Rolle in der Abwehr hatte. Pilgrim wurde wie in den Vorrundenpartien als Joker eingesetzt und kam in der 62. Minute für Noemi Ivelj (Tochter von Ex-FC-Wohlen-Verteidiger Goran Ivelj) ins Spiel. Kurz nach dem 0:1 (66. Minute) hatte Pilgrim eine gute Chance auf den Ausgleichstreffer. In der Schlussphase, nach dem 0:2-Rückstand, brachte Trainerin Pia Sundhage weitere Offensivspielerinnen, wodurch Stierli keinen vierten Einsatz bei dieser EM erhielt.
Trotz der 0:2-Niederlage kann die Schweizer Mannschaft auf das erstmalige Erreichen eines Viertelfinals und eine deutliche Leistungssteigerung gegenüber den letzten Begegnungen mit Spanien (1:7, 0:5, 1:5) stolz sein. --red

