Caroline Doka, freischaffende Journalistin, in Wohlen aufgewachsen, lebt heute in der Nähe von Basel.
Vielleicht hat uns Heini Stäger in Geschichte von ihnen erzählt, bestimmt aber Harry Strebel in Geografie: von den Pygmäen, ...
Caroline Doka, freischaffende Journalistin, in Wohlen aufgewachsen, lebt heute in der Nähe von Basel.
Vielleicht hat uns Heini Stäger in Geschichte von ihnen erzählt, bestimmt aber Harry Strebel in Geografie: von den Pygmäen, jenen Jägern und Sammlern in der Region der Grossen Seen in Afrika, einem der ältesten Völker unseres Planeten. Nie, aber wirklich niemals hätte ich gedacht, den Pygmäen zu begegnen.
Ab und zu leite ich Bike-Reisen in Uganda. Wir radeln durch Zebra- und Giraffenherden im Mburo-Nationalpark, schippern im Boot über Seen mit Flusspferden und besuchen Berggorillas im Bwindi Nationalpark. Dort, in diesem ursprünglichen Bergregenwald, lebten die Batwa, dieses kleinwüchsige Volk der Pygmäen. Zum Schutz vor wilden Tieren schliefen sie in Höhlen und bauten ähnlich wie die Gorillas Nester auf den Bäumen. Sie verzehrten Fleisch – ausser jenem von Gorillas. Zu ähnlich waren sie ihnen, wie Cousins, die man aus der Ferne betrachtet.
Die Batwa besassen nichts und hatten alles: Nahrung, Naturmedizin, Lebenssinn, Freiheit und eine tiefe spirituelle Verbindung zum Wald. Bis sie in den 1980er-Jahren bei der Einrichtung des Nationalparks zum Schutz der Gorillas aus dem Bwindi Forest vertrieben wurden. Heute leben sie am Rand des Parks und am Rand der Gesellschaft, oft ohne Arbeit, Geld und Lebenssinn.
Dort begegne ich ihnen auf meiner Bike-Reise. Sie erzählen mir vom Leben im Wald, zeigen, wie sie Feuer machen: Einer reibt ein Holzstäbchen zwischen den Handflächen, fliessend übernimmt ein Zweiter, dann ein Dritter, als wären sie zusammen eins. Genauso beim Essen: Gierig reissen sie mit den Zähnen Fleisch vom Knochen, strecken ihn dem Nächsten in den Mund, der sogleich zubeisst. Bald weiss ich nicht, zu wem die Hand, zu wem der Mund gehört.
Mir scheint, als wären sie keine Einzelwesen, sondern ein einziger Organismus. Ihnen zuzusehen, rührt tief in mir etwas an. Kenne ich es von irgendwo? Hatten wir dieses Einssein auch, damals, als wir allein nicht überleben konnten? Waren wir einst wie die Batwa und haben es verloren? Fehlt es uns? Vor meinem geistigen Auge sehe ich Menschen im Zug sitzen, jeder mit seinem Handy beschäftigt. Können wir allein überleben? Nie habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Bis ich den Batwas begegnete. Warum berührt es mich so tief?