Ein zweites richtiges Daheim
05.04.2024 MuriMuri im Herzen immer dabei
Als Frau eines Botschafters hat Bernadette Vavricka-Michel regelmässig ein neues Zuhause
Aktuell ist es Neuseeland. Es war auch schon Saudi-Arabien, Deutschland, Palästina oder Thailand. Nach Muri kommt ...
Muri im Herzen immer dabei
Als Frau eines Botschafters hat Bernadette Vavricka-Michel regelmässig ein neues Zuhause
Aktuell ist es Neuseeland. Es war auch schon Saudi-Arabien, Deutschland, Palästina oder Thailand. Nach Muri kommt Bernadette Vavricka immer wieder zurück. Hier ist sie aufgewachsen.
Annemarie Keusch
Dass sie gerne geht, hat Bernadette Vavricka-Michel früh gemerkt. «Das Abenteuerblut floss schon immer in mir.» Mit Reisen habe sie diese Sehnsucht genährt. Später heiratete sie einen Botschafter. Seither führt sie ihr Traumleben. «Das heisst aber nicht, dass ich nicht schon immer gerne Wurzeln gespürt habe, im Gegenteil.» Dass sie auf jeder Reise in die Heimat auch in Muri vorbeischaut, ist für die 53-Jährige selbstverständlich. Die Bäckerei Bütler war für sie immer ein Fixpunkt. «Die weltbesten Gipfeli gibts dort.» Im Murianer Wald sucht sie die Ruhe, in der Klosterkirche ebenfalls. «Zudem bin ich jedes Mal in der Pfarrkirche und auf dem Friedhof.» Dort, wo ihr Vater und ihr Bruder begraben liegen. «Aber am allerliebsten bin ich natürlich bei meiner Mutter.» An diesem Abend steht beispielsweise ein gemeinsames Raclette an.
Sie bezeichne sich nach wie vor als Murianerin, betont Bernadette Vavricka. Und trotzdem hat sie nach wenigen Tagen in der Schweiz Heimweh. Heimweh nach Neuseelands Hauptstadt Wellington. «Das ist der erste Ort, an dem ich nichts vermisse», sagt sie. Vor allem die Natur hat es ihr angetan, aber auch die Menschen. Seit zwei Jahren leben die Vavrickas in Neuseeland. Alle drei bis fünf Jahre ihren Lebensmittelpunkt zu verschieben, daran hat sich die Familie längst gewöhnt.
Und kommt doch einmal Heimweh nach der Schweiz auf, dann hat Bernadette Vavricka Lösungsansätze. «Zum Beispiel treffen wir uns monatlich zu einem ‹Meet and Zopf› beim einzigen Bäcker mit Schweizer Wurzeln in Wellington.» Wirklich fern von der Schweiz ist sie sowieso nicht, schliesslich vertritt sie mit ihrem Mann das Land – aktuell in Neuseeland.
In Muri aufgewachsen lebt Bernadette Vavricka-Michel aktuell in Neuseeland – ihre Wurzeln vergisst sie nie
«Ich bin Murianerin», sagt Bernadette Vavricka ganz selbstverständlich. Und das, obwohl sie sich seit vielen Jahren an immer wieder neuen Orten auf der Welt ein Zuhause einrichtet. «Es macht riesig Freude, die Schweiz und ihre Werte zu vertreten», sagt die Frau eines Botschafters.
Annemarie Keusch
Das Meer, die Abgeschiedenheit, die vielfältige Natur. Neuseeland ist für viele Schweizerinnen und Schweizer ein Sehnsuchtsort. Vielleicht auch, weil kaum ein Land geografisch derart weit entfernt ist. Bernadette Vavrickas Augen leuchten. «Neuseeland hat alles.» Das Meer, das ihr so viel Energie gibt, die Natur allgemein. Der idyllische Garten ist Kraftspender. «Und die Leute, ihre Natürlichkeit, ihre Mischung aus Tradition und Moderne. Ich bin völlig begeistert», gesteht sie. Einander helfen, das Glas als halb voll, statt als halb leer zu betrachten, so beschreibt sie die Kiwis, die Menschen Neuseelands. «Sie sind immer positiv, vielleicht manchmal gar etwas unaufgeregt», sagt die gebürtige Murianerin.
Diese Eigenschaften, sie trage sie auch etwas in sich. «Ich bin hier in einer heilen Welt aufgewachsen und nehme diese Gedanken immer mit.» Nicht nur als Folge ihrer astrologischen Ausbildung, sondern aus purer Überzeugung fügt sie an: «Positive, schöne Gedanken können unglaublich heilend sein.» Bernadette Vavricka weiss, wovon sie spricht. Denn, auch wenn ihr Leben nach einem Traum tönt, so hat es auch seine Schattenseiten.
Sie braucht Meer, Stadt und Berge
Bernadette Vavricka ist in Muri am Buchenweg aufgewachsen, die Erinnerungen seien rundum schön. Entsprechend wichtig war es ihr, auch mit ihrer eigenen Familie, mit ihrem Mann und ihren vier Kindern, eine Zeit lang hier zu leben. Drei Jahre warens, am Rütliweg. «Ich finde es schön, dass auch meine Familie eine Verbindung zu diesem schönen Ort aufgebaut hat.» Zehn Jahre sind seither vergangen. Muri ist längst nicht mehr ihr Zuhause. «Ich freue mich jedes Mal, zurückzukommen, Bekannte zu treffen. Aber trotzdem, hier leben könnte ich nicht mehr», sagt sie. Sie brauche Wasser, Berge und eine Stadt. Genau das, was Wellington also charakterisiert. Und genau das, was in Muri fehlt – mit Ausnahme des Blicks auf die Berge. «Muri berührt dennoch jedes Mal mein Herz», gesteht sie. Weil Muri eben das ist, was die weitgereiste Frau oft nicht genug Zeit hat, an anderen Orten zu finden: Heimat.
Bernadette Vavricka flog mit ihrem ältesten Sohn in die Schweiz. Drei Wochen bleibt sie, besucht Freunde, ihre Mutter, staunt über die Vielfalt und die Qualität des Angebots in vielen Läden. «Ganz allgemein, erst mit der Aussensicht fing ich an zu merken, was die Schweiz eigentlich ausmacht. Diese Ordentlichkeit, diese Sicherheit – beides ist schon am Flughafen spürbar.» Mindestens einmal jährlich kommt sie in die Schweiz. Adligenswil ist dann ihr temporärer Lebensmittelpunkt. «Keine Stadt, aber Berge und See», meint sie lachend. Ihr ältester Sohn lebt aktuell dort, beginnt in der Schweiz bald ein Studium, absolviert hier den Militärdienst. «Wie alle anderen Schweizer eben auch.» Bernadette Vavricka spricht, als wäre es für sie völlig logisch. «Ist es auch, wir sind ja Schweizer, leben einfach nicht hier.»
Entwurzelung war für die Kinder nicht immer einfach
Bernadette Vavricka hat die kaufmännische Lehre abgeschlossen, arbeitete als Arztgehilfin – wie der Beruf damals noch hiess –, wechselte in die Tourismusbranche. 24-jährig lernte sie ihren späteren Mann Viktor Vavricka kennen. «Er sagte früh, dass er Diplomat werden, also ein Leben an immer neuen Orten führen wolle. Mich schreckte das nicht ab, im Gegenteil.» Mit der Gründung der Familie, den Wurzeln, die vor allem die vier Kinder immer wieder schlugen, sei es zwar schwieriger geworden. «Wir alle mussten lernen, damit umzugehen. Wenn es im Innern stimmt, dann nimmt man das in Kauf.» Aber ja, es habe Momente gegeben, in denen sie ihren Kindern gegenüber ein schlechtes Gewissen gehabt habe. «Sie mussten unseren Lebensplan mitmachen. Das gab durchaus auch Reibungsflächen.» Mittlerweile sind sie älter, gehen mehr und mehr eigene Wege. Die Reibungsflächen werden weniger, dafür wächst der Trennungsschmerz. Bernadette Vavricka lächelt. «Ganz los werde ich das Gefühl wohl nie, sie speziell verwöhnen zu müssen, weil sie immer wieder entwurzelt wurden.»
Und sie selbst? Wie geht es ihr damit, sich immer wieder in neuen Ländern, in neuen Städten einzuleben? «Es gibt Hilfe. Man darf nicht zu stolz sein, diese anzunehmen.» Für ihren Mann sei es einfacher. Alle Botschaften funktionieren gleich, die Struktur sei ihm bekannt. «Es hilft, wenn man die Offenheit Neuem gegenüber bewahrt», sagt die 54-Jährige. Tolerieren, akzeptieren, möglichst wenig urteilen ebenfalls. «Und natürlich Freude im Alltag empfinden. Ich bin unglaublich gerne Gastgeberin.» Auch wenn ihr Mann Botschafter ist, sie Fussreflexzonen-Masseurin und seit drei Jahren Astrologie-Studentin, «manchmal bin auch ich ein wenig Botschafterin». Sie begleitet ihren Mann zu offiziellen Anlässen, übernimmt selbst repräsentative Aufgaben, empfängt Gäste. «In jedem Land, in dem wir bisher lebten, gehörten auch Bundesräte dazu», sagt sie nicht ohne Stolz.
An jedem Ort ein neues Hobby
Saudi-Arabien, Kanada, Thailand, Deutschland, Palästina und jetzt Neuseeland, plus die Cook Inseln, Fidschi, Samoa, Tonga und Tuvalu. «Spannend wars in allen Posten», sagt Bernadette Vavricka. Immer wieder hätten sie als ganze Familie und auch sie persönlich die Komfortzone verlassen. Und von überall habe sie ganz viel mitgenommen. «Abschliessen, das tue ich nie, stattdessen trage ich mit.» Das sei oft schön, aber gerade im Fall vom jetzt in den Krieg verwickelten Jerusalem auch schwierig. «Wir pflegen nach wie vor viele Kontakte nach Palästina.» Viele Menschen, Freunde, haben sie an allen Stationen zurückgelassen. «Das ist natürlich traurig, aber es ist auch schön, an ganz vielen Orten auf der Welt Bekannte zu haben.» Und an jedem Ort sucht sie sich ein neues Hobby. «Was es in Neuseeland ist, das weiss ich noch nicht, vielleicht Segeln oder Golfen.»
Seit fast zwei Jahren leben die Vavrickas nun in Aotearoa, wie die Maori ihr Land nennen. «Vor Versetzungen dürfen wir immer angeben, welchen der frei werdenden Posten wir gerne übernehmen würden», erzählt Vavricka. Die erste Wahl wurde noch nie zu ihrem temporären Daheim. «Ja, wir haben nicht gejubelt, als wir nach Saudi-Arabien versetzt wurden. Im Nachhinein sind wir aber extrem dankbar für diese bereichernde Zeit.» Sie wisse jetzt schon, dass das auch für Neuseeland gelte. «Hier fühlen wir uns wirklich zu Hause, quasi wie in der Schweiz.» Vielleicht auch weil Neuseeland auch als Schweiz der Südhemisphäre gilt. Hier vertritt die Familie Schweizer Brauchtum, nimmt etwa an Cowbell (Kuhglocken)-Wettkämpfen teil, taucht aber auch ganz tief in die Kultur Neuseelands und der Inseln ein. «Es ist ein unglaubliches Geschenk.»
Erst richtig eingelebt
Trotzdem, in spätestens drei Jahren ziehen sie weiter – müssen sie weiterziehen. Bernadette Vavricka lächelt. «Das ist weit weg. Wir wissen mittlerweile, dass es ein Jahr braucht, bis man sich richtig einlebt. Dann folgen zwei Jahre normales Leben und ein halbes Jahr vor der Versetzung geht der Abschied los.» In den Jahren des normalen Lebens sei das Geniessen im Vordergrund. «Das andere kommt früh genug.» Auch hier helfe ihr ihr astrologisches Wissen, Dinge, wie sie sich zeigen, anzunehmen. Und ihre unbändige Neugier auf neue Kulturen, andere Länder – auf das Verreisen eben.
So wie sie es schon damals, als junge Frau in Muri, hatte. Aber eben, die Wurzeln sind tief und holen sie immer wieder zurück nach Muri. Und sie nimmt Muri mit in die weite Welt.