Eine Frau, die bewegt

Fr, 08. Okt. 2021
Sandra Phillips lebt in Kanada und ist aktuell auf «Workation» im Freiamt. Bild: Stefan Sprenger

Sandra Phillips ist «Shared Mobility»-Expertin

In Brooklyn hat sie E-Mopeds eingeführt und in Vancouver eine «Shared Mobility»-Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Die Villmergerin Sandra Phillips hat weltweit schon viel für die geteilte Mobilität getan.

Sandra Phillips (Ledigname Lüthi) wuchs in Villmergen auf und besuchte in Wohlen die Bezirksschule und die Kanti. Vor über zehn Jahren wanderte sie aus nach Kanada. Dort lancierte sie 2010 einen Pilotversuch in Sachen «Shared Mobility». Gestartet ist es mit 15 Autos. Heute gibt es in Vancouver fast 3000 Autos und 200 000 Menschen, die dieses Angebot nutzen.

Die 42-jährige Sandra Phillips ist aktuell zu Besuch in der Schweiz. Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt die Firmengründerin, CEO und Expertin, wie sie das «Shared Mobility» auch in anderen Ländern vorangetrieben hat und über die Verhältnisse in der Schweiz. Denn hierzulande leistete man Pionierarbeit, doch die Schweiz wurde mittlerweile von anderen Ländern aus diversen Gründen überholt.


In Zukunft wird geteilt

Die Villmergerin Sandra Phillips ist weltweit eine Expertin in Sachen «Shared Mobility»

Kanada, USA, arabische Emirate. In vielen Ländern der Welt hat Sandra Phillips als Firmengründerin, CEO und Expertin schon dafür gesorgt, das Menschen ihre Autos, E-Bikes und Scooter miteinander teilen. Die 42-Jährige aus Villmergen gehört zu den Pionieren in Sachen «Shared Mobility» – und will das auch bleiben.

Stefan Sprenger

15. Juni 2011. Autos brennen, Menschen randalieren. In Vancouver, Kanada, herrscht das totale Chaos. Die Ausschreitungen, die als «Stanley Cup Riot» in die kanadische Geschichte eingehen, sorgen für apokalyptische Zustände in der Grossstadt. Sandra Phillips stürzte sich damals mitten in die Ausschreitungen.

Bei Lancierung brennt die Stadt

Wenn die 42-Jährige heute die Geschichte dazu erzählt, kann sie wieder lachen. Doch damals war es ihr überhaupt nicht nach lachen zumute. Phillips, die mit Ledigname Lüthi heisst, wuchs in Villmergen auf. Sie besuchte in Wohlen die Bezirksschule und die Kanti. Sie macht später die KV-Lehre im Hotel Krone in Lenzburg und erlangt den «Master» an der Uni Zürich. Im April 2008 packt sie ihre Sachen und geht der Liebe wegen nach Kanada. Bis sie ihre Arbeitsbewilligung hat, dauert es jedoch eineinhalb Jahre. Im Frühjahr 2010 ist sie eine führende Kraft bei einem Pilotversuch in Vancouver, was «Shared Mobility» angeht. «car2go» heisst das Projekt, 15Autos stehen zu Beginn zur Verfügung.

Am Morgen des 16. Juni 2011 soll es dann mit 250 Smart losgehen. Doch ausgerechnet in der Nacht davor brennt die Stadt wegen diesen Ausschreitungen. «Ich bin durch die Stadt gerannt und habe versucht, unsere Autos zu retten», erzählt sie. Vergebens. Einige Autos brennen, einige werden heftig demoliert.

Trotz diesen Umständen wird der Start ein riesiger Erfolg. Heute gibt es in Vancouver fast 3000 «Shared Mobility»-Autos und über 200 000 aktive Nutzer. «Es hat die Mobilität der Menschen in Vancouver grundlegend verändert», sagt sie. Der Unterschied zu «Mobility» in der Schweiz: Man kann einfach aus dem Haus gehen, ein Auto nehmen, von A nach B fahren – und es dort stehen lassen. «Es fand grossen Anklang», so Phillips. Und mittlerweile gibt es das Angebot im ganzen Land.

Ihr Antrieb ist der Umweltfaktor

Für die Frau, die in der Schweiz nie ein eigenes Auto hatte, ist es der Startschuss in eine sagenhafte Karriere in der Branche. 2014 gründet sie «movmi» und wird CEO der Agentur, die weltweit führend ist in Sachen «Shared Mobility». Die Villmergerin hat in den letzten zehn Jahren an den verschiedensten Orten der Welt als «Shared Mobility»-Architektin Projekte umgesetzt. In den USA (Brooklyn) hat sie E-Mopeds eingeführt, sie war in England, Dubai und Luxemburg tätig. Als Beirat von Start-up-Unternehmen, als Expertin bei Firmen wie «BMW» oder «Reach-Now». Sie wurde auch vom «Canadian Council of Academies» ins Expertengremium in Sachen «Vernetzte automatisierte Fahrzeuge und Shared Mobility» gewählt. Sie wirkte beispielsweise auch mit, als es darum ging, in Vancouver die «Shared Mobility» und die öffentlichen Verkehrsmittel miteinander zu vernetzten. Die Liste der Tätigkeiten und Projekte der zertifizierten Projektmanagerin wäre noch länger.

«Das Konzept ist immer ähnlich», sagt Sandra Phillips. Damit es funktioniert, braucht es viel Technik und viel Organisation. Per Handy löst man eine Mitgliedschaft und kann dann den Service nutzen. Eine Herausforderung ist beispielsweise die Reinigung der Autos. In Kanada hat man 40 Mitarbeiter, die nur für die Wartung und Reinigung der Automobile zuständig sind. «Logistisch sehr komplex», so Phillips.

Was ist ihr Antrieb bei ihrer Arbeit? Die Villmergerin zögert keinen Moment und sagt: «Der Umweltfaktor.» Wenn man in Zukunft etwas für die Umwelt tun will, dann ist «Shared Mobility» ein Lösungsansatz. «Ein verlässliches System, um die Leute weg vom eigenen Auto zu bringen.»

Würde es auch im Freiamt funktionieren?

In grösseren Städten mag dieses Konzept funktionieren – egal ob mit geteilten Autos, E-Bikes, E-Mopeds oder Scootern. Aber was ist mit den ländlichen Gegenden – wie beispielsweise dem Freiamt? «Da ist es schwieriger. Die Distanz, um den Service zu nutzen, ist einiges grösser», meint die Villmergerin. Aber es ist nicht unmöglich. Sie erzählt von einem Projekt im Emmental, wo ein kleiner Bus auf Abruf die Leute einsammelt. Per Handy kann man diesen Service bestellen. In den Dörfern müssten die «Shared Mobility»-Autos in den Quartieren stehen, was heutzutage noch weit weg scheint.

In Zukunft wird der Fokus bei den Projekten auf der ganzen Welt auf der Elektrifizierung der Gefährte liegen. Auch das autonome Fahren gewinnt an Bedeutung. Deutschland ist dafür Vorreiter und ist aktuell daran, die Rechtsgrundlagen für autonomes Fahren zu überarbeiten. «Mal sehen, ob sich das durchsetzen kann.»

Kunden sind jung und männlich

Die Kundschaft ist meist jung, gebildet und männlich. «Wir versuchen nun alle anderen Menschen zu erreichen. Dazu gibt es viele Hürden zu überspringen und Fragen zu klären», so Phillips, die heutzutage der CEO von «movmi» ist, einer Beratungssrma mit acht Mitarbeitern in Sachen «Shared Mobility».

Mit ihrer Tochter Luna und ihrem kanadischen Mann ist sie gerade zu Besuch in der Schweiz. Nach der Coronazeit besuchen sie erstmals wieder Freunde, Verwandte und die Eltern in Villmergen. Ganz ohne Arbeit geht es aber nicht. Sie sei auf «Workation», ein Mix zwischen Ferien (Englisch: Vacation) und Arbeit (Work). An der HSG in St. Gallen gibt sie diese Tage zudem als Gastdozentin ihr Wissen an die Studierenden weiter.

Rückkehr ins Freiamt war «wie eine Zeitreise»

Weil sie mit ihrer Familie oft die Spielplätze der Region besucht, ist sie auch an ihrer alten Schule Halde oder der Kanti vorbeigekommen. «Es war wie eine Zeitreise und hat in mir sofort etwas ausgelöst.» Und für das Freiamt ist es spannend zu wissen, dass wohl einer der weltweit führenden «Shared Mobility»-Experten von hier kommt. Übrigens: Für ihre Zeit in der Schweiz hat sie ein Auto von früheren Nachbarn geliehen. «Sonst ist es mit einem kleinem Kind zu umständlich.» Es zeigt: Ihr Konzept funktioniert – allerdings in der Stadt einiges besser als auf dem Land.


Was ist «Shared Mobility»?

Bei «Shared Mobility» lautet das Motto «teilen statt besitzen». Man leiht Fahrzeuge aus, wenn man sie benötigt. Zum Beispiel ein Velo, um in die Badi zu radeln, oder ein Auto, um den Wocheneinkauf zu erledigen. So werden die Fahrzeuge nicht mehr als individuelle, sondern als gemeinschaftliche Besitzgüter verstanden, auf die je nach Bedarf zugegriffen werden kann. «Shared Mobility»-Angebote entlasten die Umwelt – und auch den eigenen Geldbeutel. Es gibt verschiedene Verleihsysteme.

Wie ist es in der Schweiz?

Wie ist die Situation in der Schweiz? Beim Bundesamt für Energie heisst es: «Shared Mobility ermöglicht eine bedarfsgerechte, kostengünstige sowie ressourcenschonende und energieeffiziente Fortbewegung. In der Schweiz stellen diverse Anbietende umfangreiche «Shared Mobility»-Angebote bereit. Über Apps oder Buchungsplattformen der Anbietenden kann ein Fahrzeug schnell und einfach gebucht und verwendet werden.» Sandra Phillips meint zur Situation hierzulande: «Die Schweiz war einer der Pioniere. Auch in Sachen Integration in die öffentlichen Verkehrsmittel war man vielen Ländern voraus.» «Mobility» wurde 1997 gegründet und hat den Hauptsitz in Rotkreuz. Heute gibt es 3120 Fahrzeuge die an 1530 Standorten stehen. Darunter auch Wohlen, Bremgarten und Muri. «Mittlerweile ist die Schweiz aus verschiedensten Gründen etwas überholt worden», erklärt Phillips. Die Politik mahle mit langsamen Mühlen und blockiere Projekte und «Shared Mobility»-Firmen aus dem Ausland. So sagt die Expertin: «Die Schweiz war Vorreiter, aber nicht für die breite Masse. --spr

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