Eine Herkulesaufgabe
22.09.2023 Wirtschaft, Beinwil/FreiamtFachkräftemangel ist in den Pflegeinstitutionen sehr gross
In einer schwierigen Situation bezüglich Fachkräftemangel befinden sich die Alterszentren. Roger Cébe leitet diejenigen des Gemeindeverbandes Regionale Alterszentren Bärenmatt in ...
Fachkräftemangel ist in den Pflegeinstitutionen sehr gross
In einer schwierigen Situation bezüglich Fachkräftemangel befinden sich die Alterszentren. Roger Cébe leitet diejenigen des Gemeindeverbandes Regionale Alterszentren Bärenmatt in Bremgarten und Burkertsmatt in Berikon. Ideen zur Lösung hat er, deren Umsetzung ist aber noch ungewiss.
Roger Wetli
«Der Fachkräftemangel ist bei uns ein existenzielles Problem. Dies weil uns der Kanton eine Mindestzahl an Fachkräften vorschreibt, damit wir die Alterszentren überhaupt betreiben dürfen», gibt Roger Cébe Einblick. Er ist Vorsitzender Geschäftsleiter und Leiter Bau und Technik der Alterszentren Bärenmatt in Bremgarten und Burkertsmatt in Widen. Cébe doppelt nach: «Zusätzlich macht die überbordende Dokumentationspflicht die Arbeit schwer und bindet zeitlich und fachlich Ressourcen, was zu Ungunsten der Bewohnenden geht.»
System am Anschlag
Konkret fehlen den beiden Zentren aktuell vier von insgesamt zehn nötigen diplomierten Fachpersonen. «Aber auch im Assistenzbereich spitzt sich die Lage immer mehr zu. Das war bisher ein Bereich, in dem wir noch gut durchgekommen sind, und einer, in dem die Eintrittsschwelle über das SRK-Zertifikat in den Beruf einfacher ist», schüttelt Cébe den Kopf. Das habe Folgen für das noch arbeitende Personal, aber auch für die Bewohnenden: «Die Angestellten müssen mehr Schichten übernehmen und es wird mehr Verantwortung auf weniger Schultern verteilt. Das Assistenzpersonal muss zudem noch selbstständiger arbeiten. Das führt auf allen Hierarchiestufen zu Frustration und Überbelastungen, die Angestellten brennen aus. Die Situation ist jetzt fast schlimmer als während der Pandemie», so der Leiter der beiden Alterszentren. Er spannt den Bogen weiter: «Es betrifft auch unsere Restauration. Auch da werden die Angestellten immer mehr beansprucht.» Die Situation sei derart angespannt, dass Ausfälle durch Krankheiten das System endgültig an den Anschlag bringen würden. «Und dann gibt es die vermeintlich Kranken, welche die anwesenden Fachpersonen durch ihr Fernbleiben noch mehr belasten.»
Pflegeaufwand steigt
Generell sei der Pflegeaufwand in den Alterszentren gestiegen. Dies, weil die Bewohnenden heute erst in eine solche Institution überwiesen würden, wenn sie zu Hause wirklich nicht mehr eigenständig leben könnten. «Das ist gesellschaftlich so gewollt und sicher aus finanzieller Sicht richtig. Schliesslich kostet ein Platz bei uns viel mehr, als wenn die Personen zu Hause betreut werden können. Es fordert das Pflegepersonal aber noch zusätzlich», erklärt der Leiter der Bärenmatt und der Burkertsmatt.
Roger Cébe ist im Austausch mit den anderen Alterszentren der Region. «Ob in der Pflege Muri oder im Reusspark: Die Situation ist überall sehr ähnlich», weiss er und betont, dass er den anderen Zentren kein Personal aktiv abwerbe. «Natürlich kann es zu Wechseln zwischen den Institutionen kommen. Bei uns ist es immer wieder der Fall, dass Leute, die hier gearbeitet haben, später wieder zurückkommen, weil es ihnen bei uns besser gefällt.» Das seien aber sehr persönliche Entscheidungen, die aufgrund der Stimmung in den Teams, des Arbeitsweges oder der entgegengebrachten Wertschätzung gefällt würden.
Mit Anlässen Personal binden
Auf die Wertschätzung der geleisteten Arbeit legen Roger Cébe und sein Leitungsteam eine besondere Aufmerksamkeit: «Es ist eine Möglichkeit, Personal an sich zu binden. So organisieren wir zum Beispiel jährlich einen grossen Ausflug und ermöglichen den Teams, weitere Anlässe durchzuführen.»
Ein weiterer Fokus ist die Ausbildung von Lernenden. «Es ist eine Strafe zu zahlen, wenn wir unsere Ausbildungsquote nicht erfüllen. Wir bilden aber lieber aus, sofern wir genügend und qualifiziert gute Bewerbungen erhalten. Aber gerade da liegt ebenfalls ein Problem», so der Leiter. «Die Leistungsbereitschaft und Grundhaltung der jungen Leute ist heute generell eine ganz andere als noch vor einigen Jahren. Da ein Ausbildungsplatz uns nicht nur nützt, sondern auch personelle und finanzielle Ressourcen bindet, verzichten wir lieber auf einen vermeintlich schlechten Bewerber, als dass wir ihm eine Ausbildung ermöglichen, die er anschliessend entweder vorzeitig abbricht oder nur mit Ach und Krach schafft.» Generell sei die Rekrutierung von Personal momentan eine Herkulesaufgabe. «Um die Attraktivität der Arbeit bei uns zu steigern, evaluieren wir aktuell verschiedene Möglichkeiten, darunter auch die Einführung einer Viertagewoche beim Personal. Und das, obwohl wir ein Betrieb sind, der sieben Tage die Woche 24 Stunden laufen muss.»
Hürden senken
Cébe sieht die Ursache des Personalmangels in der aktuellen Leistungsbereitschaft. «Die Gesellschaft muss wieder umdenken. Aber auch die Gesetze müssen so angepasst werden, dass die Anforderungen an die Angestellten nicht zu hoch sind. Wir beschäftigen aktuell Personen aus 26 Nationen. Einige davon beherrschen Deutsch nur schwach und haben entsprechend Mühe bei den Rapportierungen ihrer Tätigkeiten. Gleichzeitig sind wir auf diese Leute und ihre Unterstützung angewiesen.»
Im November 2021 wurde vom Stimmvolk die Pflegeinitiative angenommen, die unter anderem den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen bekämpfen will. «Die Initiative wird dafür aber nicht reichen», ist Roger Cébe überzeugt. Er schlägt eine andere Lösung vor: «Eine Möglichkeit wäre, im Ausland ausgebildete Personen direkt aus ihrem Land jeweils für ein Jahr zu uns zu rekrutieren. Dadurch könnte unser Fachkräftemangel gedämpft werden und es würde ein Wissenstransfer entstehen. Wir werden sehen, ob diese Idee umsetzbar ist.» Und er schöpft doch noch etwas Hoffnung: «Kürzlich starteten bei uns mehrere 15- bis 17-Jährige ihre Berufslehre. Sie sind enorm motiviert. Und das steckt an und macht Freude.»