«Eine neue Michelle»
27.01.2026 Sport, RadsportMichelle Andres vor der Europameisterschaft in Konya
Die Hägglingerin Michelle Andres konnte ein erfolgreiches Comeback auf dem Fahrrad feiern. Nach der gelungenen Titelverteidigung an der Schweizer Meisterschaft im Omnium nimmt sie jetzt die Europameisterschaft in ...
Michelle Andres vor der Europameisterschaft in Konya
Die Hägglingerin Michelle Andres konnte ein erfolgreiches Comeback auf dem Fahrrad feiern. Nach der gelungenen Titelverteidigung an der Schweizer Meisterschaft im Omnium nimmt sie jetzt die Europameisterschaft in der Türkei in Angriff.
Josip Lasic
Sie ist selbst gespannt, wie sie sich an den Wettkämpfen in der Türkei schlagen wird. Die Hägglingerin Michelle Andres ist heute Dienstag mit einer Delegation von Swiss Cycling an die Europameisterschaft in Konya geflogen, die am nächsten Sonntag beginnt. Ihre Ziele sind bescheiden. «Ich möchte mich auf mich selbst konzentrieren und schöne Rennen zeigen. Abgesehen davon will ich mir nicht zu viel vornehmen.»
Diese Einstellung hat ihr in letzter Zeit häufig zu sehr guten Resultaten verholfen. Vergangene Woche konnte sie beispielsweise an den Schweizer Meisterschaften in Grenchen ihren Titel im Omnium verteidigen. «Vor den Rennen bin ich viel weniger verkopft. Mental kann ich alles, was ich mir vornehme, besser umsetzen.»
Ein harter Weg
Ihr aktueller Erfolg ist das Ergebnis eines intensiven Leidenswegs. Alles beginnt im letzten Herbst. Andres muss ihre Saison im September abrupt beenden. Die Olympiateilnehmerin von 2024 teilt in den sozialen Medien mit, dass sie wegen einer Eileiterschwangerschaft operiert werden musste. Vor der Operation litt sie unter starken Unterleibsschmerzen. Da sie mit einer Hormonspirale verhütet, dachte sie zunächst nicht an eine Schwangerschaft. «Die Chance, schwanger zu werden, liegt mit dieser Verhütungsmethode bei etwa 1 zu 1000. Ich war diese eine unter 1000 Frauen.» Durch die Eileiterschwangerschaft fallen Schwangerschaftstests negativ aus, was die Diagnose erschwert. Diverse Verletzungen oder Erkrankungen werden vermutet. Die Olympionikin wird mit Antibiotika behandelt, während sie weiter trainiert. Schliesslich stellt ihre Frauenärztin die Ursache fest. «Wenn eine Eileiterschwangerschaft nicht von selbst endet, muss sie abgebrochen werden. Ich erhielt dafür zunächst eine Art Chemotherapie, um eine Operation zu vermeiden.» Zu diesem Zeitpunkt hofft Andres weiterhin, im Oktober an den Weltmeisterschaften in Chile teilnehmen zu können. «Rückwirkend war das extrem naiv. Aber einerseits konnte ich überhaupt nicht einschätzen, wie sich das Ganze auf mich auswirkt und andererseits war das vermutlich auch eine Art Selbstschutz.» Am Ende lässt sich die Operation trotzdem nicht verhindern. Die Zeit nach der Operation ist für die Freiämterin mit viel Ungewissheit verbunden. «Manchmal war ich unsicher, ob ich überhaupt zurückkomme», erzählt sie. Ihre Eileiter, in der sich das Ei eingenistet hatte, musste ausserdem komplett entfernt werden. «Momentan plane ich keine Kinder, aber das bedeutet nicht, dass ich nie welche haben möchte. Nach der Operation fragte ich mich, ob das überhaupt noch möglich ist. Da ich noch eine intakte Eileiter habe, geht das glücklicherweise. Aber im Hinterkopf bleiben Gedanken wie ‹was, wenn mir das wieder passiert?›.» Als sie in den sozialen Medien ihr Saisonende verkündet, schreibt Andres damals: «Es ist schwer zu akzeptieren, aber manche Dinge können wir einfach nicht kontrollieren, egal wie sehr wir uns auch bemühen. Gesundheit geht vor, Zeit zum Ausruhen.»
Befreiender Kontrollverlust
Der Kontrollverlust, den sie zu diesem Zeitpunkt erlebt, wirkt allerdings auch befreiend. «Das war ein riesiger Reset für mich. Ich verschwende keine Energie darauf, etwas zu kontrollieren, was sich nicht kontrollieren lässt. Das hilft mir, weniger verkopft in die Rennen zu gehen.» Vor Kurzem wurde bekannt, dass die Quotenplätze pro Nation für die Olympischen Spiele reduziert werden. «Es wird also noch schwieriger, sich für Olympia zu qualifizieren. Die meisten anderen Athletinnen im Schweizer Kader haben diese Nachricht negativ aufgefasst. Mich hat sie überhaupt nicht belastet. Ich habe gemerkt, dass es im Leben Wichtigeres gibt als die Frage, wie schnell ich im Kreis fahren kann. Ich bin dankbar und voller Freude, dass ich überhaupt wieder fahren darf. Das reicht mir.»
Ihr Umfeld bemerkt ihre neue Denkweise. «Sie sagen mir, dass sie eine ganz neue Michelle erleben.» Auch in den Resultaten macht sich das bemerkbar. Nach ihrem Comeback holte sie in acht internationalen Rennen einen Podestplatz. «So etwas ist mir zuvor noch nie gelungen.»
Start in allen drei Olympia-Disziplinen
Vor der EM in der Türkei ist Andres gespannt, wie sie unter Druck auftreten wird. «So grosse Rennen hatte ich lange nicht mehr», erklärt sie. Am Sonntag und Montag startet sie in der Teamverfolgung. Am Dienstag fährt sie das Rennen im Omnium. Zum Abschluss der EM tritt sie am Donnerstag noch im Madison an. «Ich freue mich enorm, dass ich für alle drei Olympia-Disziplinen ausgewählt wurde.»
Ihre Chancen stehen gut, erneut mit guten Leistungen zu überzeugen. «Bei der Schweizer Meisterschaft herrschte auch Druck. Ich ging als Titelverteidigerin und Favoritin an den Start und konnte gut damit umgehen.» Im Sommer erhält sie auch die Gelegenheit, ihre Schweizer-Meister-Titel im Punkte- und im Ausscheidungsfahren zu verteidigen. Man kann gespannt sein, wozu die «neue Michelle Andres» noch in der Lage ist.

